Die Augen des Engels

Die Mühen der Meta-Ebene: Michael Winterbottom macht einen Film über einen, der einen Film machen will – und man wünscht sich bald, er hätte lieber einfach einen Film gemacht.

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Daniel Brühl sieht in die Welt hinein und wird aus ihr nicht schlau. Man sagt Brühl ja gern eine gewisse Bravheit nach und legt sie zu seinen Ungunsten aus. Vor allem aber liegt in seinem Blick etwas Fragendes, das selbst noch in Momenten, die eigentlich nach Antworten verlangen, nicht gänzlich verschwindet. Die Souveränität des klassischen männlichen Helden erscheint eher als Wunsch in seinen Augen denn in seinem Gestus verwirklicht. Insofern ist er vielleicht der ideale Hauptdarsteller für Michael Winterbottom, der ins Zentrum seines ziemlich selbstreflexiven Die Augen des Engels einen Regisseur stellt, der einen Film über ein Thema zu machen versucht, aus dem er eben nicht schlau wird; der deshalb weniger etwas mit diesem Thema macht als das Thema etwas mit ihm. Mit dem Engel im Titel ist nun aber nicht Brühl gemeint, höchstens dessen Filmtochter, denn es geht um unschuldige und schuldige Mädchen: Das Thema, das ist der „Fall Amanda Knox“, jener noch immer ungeklärte Mord an einer britischen Studentin im italienischen Perugia, für den die US-Amerikanerin Amanda Knox mehrmals angeklagt und wieder freigesprochen wurde.

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Ein Fall also, der verworren ist, der ein klares Ja oder Nein nur kennt, bis es das nächste Mal aufgehoben wird, während das zugrunde liegende Ereignis in immer weitere Ferne rückt. Wie einen Film darüber machen? Das hat sich wohl Winterbottom gefragt, und als er keine Antwort fand, hat er es seinen Protagonisten Thomas (der wohl nicht zufällig denselben Namen trägt wie der Fotograf aus Antonionis Blow-Up (1966)) fragen lassen, der voller Tatendrang nach Siena – in das der Mordfall für diesen Film hinverlegt worden ist – fährt, aber angesichts der noch immer so merkwürdigen Sachlage bald alle Sicherheiten verliert. Und so darf sich Brühl mit seinem fragenden Gesicht bald ganz hineinziehen lassen ins schwarze Loch der Wahrheit, in die sich widersprechenden Interpretationen der Schuldfrage; aber auch in eine Affäre mit Journalistin Simone (Kate Beckinsale) und ins wilde Partyleben der Austauschstudenten von Siena; schließlich in seine Träume, in denen die Gewalt, über die man in Siena die ganze Zeit spricht, dann endlich hervorbricht.

Essayfilm mit Schauspielern

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Zuvor jedoch müssen wir durch die Mühen der Meta-Ebene: Findest du keinen Zugang zum Sujet, dann mach die Suche nach dem Zugang zum Sujet. Thomas deutet filmische Ideen an, schwankt zwischen Doku und Fiction, spricht bald von einer Variation der Divina Commedia, die man aus dem Stoff machen könnte – und die man letztlich wohl auch in Winterbottoms Film hineinlesen kann. Nicht zuletzt wegen den eher hingerotzten, stets etwas seltsam geschnittenen Dialogszenen, in denen diese Dinge verhandelt werden, kommt Die Augen des Engels mitunter daher wie ein Essayfilm mit Schauspielern. Das ist vor allem deshalb ermüdend, weil dieser Essay sich an nicht gerade originellen Motiven abarbeitet. Es geht um die Wahrheit, die es nicht gibt, um die Filmindustrie, die nur am Casting und nicht am Film interessiert ist, und um die Medien, die längst nicht nur Bericht erstatten, sondern Einfluss nehmen, Narrative formen, Figuren erschaffen: der eiskalte Engel, das unschuldige Mädchen, der eifersüchtige Junge. (In der in dieser Hinsicht noch interessantesten Szene sehen wir den angeblichen Tathergang per 3D-Animation rekonstruiert; eine Technik, auf die Gerichte tatsächlich immer wieder zurückgreifen und die nicht nur aus nicht kohärenten Aussagen lügender oder sich nicht erinnernder oder sich selbst betrügender Personen eine kohärente Realität herzustellen verspricht, sondern, zumindest in diesem Film, auch Emotionen des Opfers wie der vermeintlichen Täter über die Gesichtszüge der Figuren herstellt.) Die Unzugänglichkeit der Wahrheit und die damit einhergehende Unzulänglichkeit jeden Versuchs, sie zu rekonstruieren – das alles ist weniger Effekt des Films als seine Prämisse. Winterbottom verweigert sich dem Whodunit-Spiel, kündigt das aber von vornherein ziemlich pompös an und nimmt seiner Verweigerung damit jede Kraft der Negation.

Tausend Richtungen

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Erst gegen Ende dann lässt auch der Film sich ein bisschen hineinziehen und beschäftigt sich weniger mit sich selbst. Da fällt dem Essayisten das Tintenfass aufs Blatt und bildet recht hübsche Pfützen: Dann werden ganze Horrorfilme und Liebesschnulzen angedeutet; dann verliert sich Winterbottom in den Straßen von Siena, verliebt sich in die quirlige Austauschstudentin Melanie (Cara Delevingne), lässt sich den Schlaf rauben von einem unheimlichen Blogger, der die Wahrheit zu kennen vorgibt, und spürt den jäh gestoppten Hoffnungen des Mordfall-Opfers nach, einer jungen Frau am Beginn eines neuen Lebensabschnitts. Da strebt Die Augen des Engels dann in so viele Richtungen zugleich, dass es beginnt Spaß zu machen. Vorher wünscht man sich dagegen eher, Winterbottom hätte eine dieser filmischen Ideen, die er seinem Alter Ego in den Mund legt, mal konsequent durchgezogen; wäre selbst in den Brühl-Modus verfallen und aus der Welt nicht schlau geworden, anstatt nur meta-mäßig zu behaupten, dass man aus ihr gar nicht schlau werden kann.

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Kommentare


Umbra

Auch wenn der Film in Siena spielt, Amanda Knox wurde in der Stadt Perugia getötet. So viel Recherche sollte sein, besonders in diesem Fall, wo der Ort des Todes wohl einer der wenigen bekannten und bestätigten Fakten ist.


Till

Danke für den Hinweis, die Sache wird korrigiert!


Christian Vogl

@Umbra:
Oh, Amanda Knox ist tot? Da scheine ich nach dem Lesen und vor dem Gucken nicht genügend Recherche betrieben zu haben … ;)






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