The Exploding Girl

Hoffnungsvolle Monster.

The Exploding Girl

Filmtitel sind vollwertiger Teil des Gesamtkunstwerks, die erste Weichenstellung für unsere Erwartung: Wäre diese Selbstverständlichkeit Common Sense, die Geschichte der deutschen Verleihtitel wäre kein ganz so dunkles Kapitel. The Exploding Girl startet hierzulande glücklicherweise unter seinem Originalnamen. Ein wunderbarer Titel, der in starker Spannung zum Gezeigten steht, ohne diese an der Oberfläche je direkt einzulösen. Der Zuschauer erwartet eine Reizüberflutung und bekommt ein Filmerlebnis, das seine Reizschwelle auf ein Minimum senkt, seine Aufmerksamkeit auf ein Maximum erhöht.

Denn was zu sehen ist, scheint denkbar unexplosiv. Die Handlung lässt sich mit einem Satz zusammenfassen: Die 20-jährige Studentin Ivy verbringt ihre Sommerferien in Brooklyn mit ihrem langjährigen besten Freund Al und bemerkt allmählich, dass sie sich in ihn verliebt hat. Explosives Potenzial hätten dabei zwei Elemente: zum einen Ivys allmähliche Entfremdung von ihrem festen Freund Greg, zum anderen ihre Epilepsie. Doch Greg, der sich nach etwa der Hälfte der Spielzeit von Ivy trennt, ist den ganzen Film über nur als Stimme am Mobiltelefon präsent. Und bei einem epileptischen Anfall Ivys, durch Alkoholkonsum verursacht, bleibt die Kamera dezent im Hintergrund, ihr Körper halb von Als verdeckt.

The Exploding Girl

The Exploding Girl verzichtet auf jede dramatische Zuspitzung. Vorwiegend sehen wir Ivy und Al beim Spazierengehen und Herumhängen, in der Wohnung von Ivys Mutter, auf der Straße, in Parks und auf Partys. Dazwischen immer wieder: Autofahrten, Zugfahrten, Ivys Spiegelbild im Fenster, vorbeiziehende Bäume als grün-schwarze Flächen. Langsam nähern Al und Ivy einander an, beginnen zu begreifen, was sie füreinander fühlen – aber das ist vielleicht schon ein Urteil vom Ende her, unterstellt schon zu stark einen Spannungsbogen. Es sind allenfalls Nuancen in Gestik und Mimik, die sich allmählich verändern.

Dass der Film so unangestrengt alles in der Schwebe hält, ist nicht zuletzt Hauptdarstellerin Zoe Kazan zu verdanken, die ihre Figur in dichter Abfolge über eine große Bandbreite von Emotionen flirren lässt – Freude, Behaglichkeit, Traurigkeit, Ängstlichkeit, Unbehaustheit –, aber sie nie ausspielt, nie demonstriert, sondern immer nur anklingen, erahnen lässt. Wir sollen in die Figur nicht hineinsehen (was immer eine Anmaßung ist), aber wir können sie sehr genau anschauen.

The Exploding Girl

Zugleich verdankt der Film seine betörende Leichtigkeit der Kameraarbeit. Obwohl im durchaus klassischen Sinne aufmerksamkeitslenkend, gelingt es ihr, eine völlig unbeteiligte Beobachterrolle zu suggerieren. Was zumindest zum Teil technisch zu erklären ist. Die „RED One“, eine hochauflösende Digitalkamera, ermöglicht extreme Brennweiten ebenso wie eine an Analogfilm heranreichende Schärfentiefe. Bei manchen Zooms auf Ivy und Al stand die Kamera ganze Häuserblocks von den Darstellern entfernt, die ihren Standort nicht kannten. Bei einigen Szenen wussten sie nicht einmal, dass die Kamera lief. So wirken beide zwischen den Verkehrsströmen auf den Straßen Brooklyns oft wie zufällig eingefangen.

The Exploding Girl enthält fraglos einige US-Indie-Trademarks – den Soundtrack, die drogenaffinen Spätadoleszenten –, verzichtet aber auf die oft so nervigen Zutaten des Genres wie eine bemüht schräge Komik oder pseudophilosophische Sinnsucher-Dialoge. So ist der Film auch kaum als Generationenporträt zu vereinnahmen, bei all seiner Alltäglichkeit strebt er viel stärker ins Allgemeingültige. Brooklyn, obgleich als Schauplatz omnipräsent, bleibt als sozialer Raum nahezu unsichtbar; der Film bleibt ganz dicht bei der Beziehung seiner beiden Hauptpersonen, es ist praktisch nichts zu sehen, was nicht damit zu tun hat.

The Exploding Girl

Dabei überlässt es die behutsame Inszenierung dem Zuschauer, was er an dem Gezeigten wie symbolisch verstehen will. Wenn Al in einem evolutionsbiologischen Exkurs von „hoffnungsvollen Monstern“ erzählt, spontanen Mutationen einer Art, aus denen eine neue Art hervorgehen kann, eröffnet das ein Assoziationsfeld, das im Kontext des Films – Ivys Krankheit, ihre beginnende Liebe zu Al, ihre unbestimmte Zukunft – so weiträumig wie ergebnisoffen ist.

The Exploding Girl

In der zentralen und schönsten Szene des Films – die aufdringlicher inszeniert leicht hätte kitschig geraten können – sind Ivy und Al auf einem Hausdach in der Abenddämmerung von Taubenschwärmen umgeben, die über den Himmel ziehen und sich dann auf den Dächern ringsum versammeln; minutenlang verfolgt sie die Kamera, lang genug, um das Bild erst von der Narration und dann von seinem metaphorischen Gehalt abzulösen und ganz für sich stehen zu lassen. Dass hier ein Wendepunkt markiert wird, ist dennoch klar. Ganz zuletzt finden sich auf dem Rücksitz eines Autos, halb zufällig und ganz gewollt, Ivys und Als Hände. Was explodiert, wird sichtbar und bleibt doch fast verborgen.

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