The Event

Wie fühlt es sich an, wenn ein Staat stirbt? Sergej Loznitsa montiert Archivaufnahmen zu einer solidarischen Erinnerung an den Augustputsch in Moskau – und ergänzt den Kanon historischer Bilder um eine häufig vernachlässigte Ebene.

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Das letzte rote Blut der Sowjetunion sickert im August 1991 in die Straßen Moskaus. Doch die letzten Atemzüge des Staates werden nicht den Funktionären der Junta gehören, die am 19. August den Ausnahmezustand verhängten und die Armee nach Moskau einmarschieren ließen. Während die Panzer auf den Roten Platz rollen und das „Staatskomitee für den Ausnahmezustand“ Gorbatschows Rücktritt aus gesundheitlichen Gründen verkündet, sammeln sich die Bewohner Moskaus und Leningrads auf den Straßen. Sergej Loznitsas The Event ist ein Film dieser Menschen.

Die Straßensperren der Heldenstadt

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Busblockaden und Straßensperren prägen das Stadtbild. Die Einwohner scharen sich um Radioempfänger. Es folgt die Ansprache der Junta, die man später „Ein Wort an das Volk“ nennen wird, dann Tschaikowskis Schwanensee. Das Gespenst der Junta geht um in den Straßen Leningrads. Doch die Angst vor dem restriktiven KPdSU-Parteiregime und deren Demonstrationsverbot hält den Protest der Menschen, durch deren Reihen sich die Kamera bewegt, nicht auf. Hände, die in die Luft ragen, bilden keine Fäuste – sie winken der Kamera zu und schließen sich zusammen, bis Hunderte Hand in Hand die Straßen bis zum Palastplatz durchschreiten, in dem sich die Anhänger der Putschisten aufhalten. Die Bewegung der Masse ist kein Drängen, sondern ein Gleiten. Auf dem Platz ist Musik zu hören, die Redner rufen zu Besonnenheit auf. Die Proteste gegen die Putschanhänger sind kein kämpferischer Akt, sondern friedlicher Protest. Die blutige Eskalation der politischen Gegenwart, die Loznitsa noch in Maidan (2014) zeigte, findet in The Event ihr inhaltliches und filmisches Gegenbild. Die pessimistische Vision, die von den Bildern des brennenden Maidan ausging, weicht dem ruhigen Schwarz-weiß, das verängstigte und doch entschlossene Menschen zeigt, deren Protest den Augustputsch zum Scheitern bringen und damit das Ende der Sowjetunion einläuten wird.

Ein Volk als Protagonist

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Found Footage ist für Loznitsa kein Beiwerk, das einen Kommentar unterlegt, sondern der Rohstoff, aus dem er seinen Film formt. The Event verzichtet gänzlich auf anachronistisches Material, alle Informationen werden ausschließlich durch das Archivmaterial vermittelt. Dieser programmatische Ansatz bewahrt The Event davor, in die Pathosgesten abzurutschen, die einer Erinnerung an geschichtliche Ereignisse oft anhaften. Der Film erliegt nicht der Versuchung der großen Bilder, die im Archivmaterial lauern.

The Event 01

Die Geister des Blutsonntags und der Oktoberrevolution schweben noch immer über dem Leningrader Palastplatz, doch Loznitsas Bildauswahl zieht die Menschen vor, die in der Geschichtsschreibung oft nur ein Nebensatz sind. Die vermeintlichen Hauptakteure der Geschichte sind zumeist nur im Radio zu hören oder dienen als Randnotiz – wie ein junger Wladimir Putin, der hektisch in ein Auto springt. Protagonist bleibt das Volk. Männer und Frauen, die sich gegen die Junta stellen, neben ihnen die acht Kameramänner, deren Material Loznitsa verwendet hat. Ihre Perspektive ergänzt den Kanon historischer Bilder, die das Volk oft nur als anonymes Panorama skizzieren, um die kollektive Erfahrung zur Zeit der politischen Umwälzung. Sie findet die Menschen in der Masse, ohne die üblichen Einzelschicksal-Narrative konstruieren zu müssen.

Musik des Widerstands

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Loznitsas Ethos drückt sich am deutlichsten in der Tonmontage aus, die gleichzeitig emotionaler Zugang und politischer Kommentar ist. Radioansprachen, Gesprächsfetzen, gemeinsame Parolen, Dichtung und Musik verschmelzen miteinander zu den Klängen des Widerstands, die auf dem Palastplatz widerhallen. „Und wir werden noch lange die Straßenlaternen für Brände halten“, singt jemand vom Podium, während sich der Palastplatz mit Menschen füllt. Gemeinsam werden sie ihre Stimme hebe, bis sie von den ersten Toten hören, die der Putsch mit sich bringt. Die Umstände der Todesfälle bleiben, wie die genauen Vorgänge hinter den Panzerbarrieren Moskaus und des Weißen Hauses, für uns und die Einwohner Leningrads ein Geheimnis. In Einvernehmen verstummt die Gemeinschaft auf dem Leningrader Palastplatz. Tausende Hände erheben sich während der Stille. Die Menschen schweigen, während der Putsch zu Ende geht. Sie schweigen, während die Sowjetunion zu Ende geht. Sie schweigen in Solidarität. Der Film schweigt mit ihnen.

Trailer zu „The Event“


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