The End of Time

Pittoreskes Scheitern: Peter Mettler schließt das Publikum aus seiner experimentellen Doku aus.

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Als Felix Baumgartner aus 39 Kilometern Höhe in Richtung Erde sprang, brach er mehrere Rekorde seines Mentors Joe Kittinger. Der Air-Force-Pilot war 1960 bei 31 Kilometern aus seinem Spezialballon gestiegen. Bilder dieses waghalsigen Experiments sehen wir am Anfang und am Ende von The End of Time (2012), Peter Mettlers ebenfalls waghalsigem Experiment, mit dem er versucht, sich filmisch dem Begriff der Zeit zu nähern.

Dafür reist er zum Kernforschungszentrum in Genf, nach Hawaii, Detroit, Indien und in seine Heimatstadt Toronto. Er filmt Teilchenbeschleuniger, Lavalandschaften, Industrieruinen, Tempel, Sternwarten und seine kranke Mutter. Was all diese disparaten Schauplätze zu einer philosophischen Erörterung der Zeit beitragen sollen, bleibt über die gesamte Spielzeit unklar.

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Die Auswahl der Orte wirkt willkürlich, die Bilder driften ziellos dahin. Gespräche mit Interviewpartnern führen kaum einmal zu Erkenntnisgewinnen – oft ist ohnehin ungewiss, wessen Stimme gerade aus dem Off erklingt, während wir Naturaufnahmen betrachten. Der sinnierende Voice-over-Kommentar des Regisseurs versucht, den diffusen Begriff „Zeit“ mit Worten greifbar zu machen, und bleibt dabei in pseudo-philosophischen Niederungen hängen. Wir sollten im Jetzt leben. Alles sei mit allem verbunden – die Vergangenheit mit der Gegenwart zum Beispiel, und die Gegenwart wiederum mit der Zukunft. Über solche Allgemeinplätze mit esoterischem Unterton kommt Mettler nur selten hinaus.

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Was den Film rettet, ist die Lava. Jene flüssigen Magmaströme, die wirken, als existierten sie allein, um gefilmt zu werden. Dass dieses erhabene Naturschauspiel wie für die Leinwand gemacht ist, hatte bereits Bertrand Bonello mit seinem großartigen Prolog von Tiresia (2003) demonstriert. Auch Mettler schaut geduldig zu, wie die Lavazungen sich zäh und unaufhaltsam – wie die Zeit – fortbewegen. Den orangefarbenen, blubbernden Brei zu betrachten ist eine meditative Erfahrung. Fontänen schießen empor, Berge aus dickflüssigem Magma schieben sich langsam über Hügelkämme, glühende Klumpen wälzen sich vorwärts. Wenn die Lava erstarrt, bleiben dicke, blaugraue Materieschichten zurück, die mal wie die quecksilberhaltigen, amorphen Körper von Außerirdischen aussehen – und mal wie undurchdringliche Drachenhaut. Die Lava hinterlässt verbrannte Erde und zerstörte Wälder. Sie frisst jene Inseln auf, die sie einst schuf. Der Faszination dieser fast surrealen Natur-Show kann man sich kaum entziehen. Hätte Mettler seine Kamera zwei Stunden lang allein auf die Lava gehalten – sein Film wäre ein besserer gewesen.

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Denn solange sich The End of Time auf seine Bilder und deren Sinnlichkeit verlässt, bleibt der Film eine Quelle des Staunens. In Detroit beobachtet Mettler das zeitliche Phänomen des Niedergangs. Häuser verfallen, aus einem prachtvollen Kino ist ein schnödes Parkhaus geworden – was indes einen Kreis schließt, war das Gebäude vor seiner Zeit als Kino doch eine Autofabrik von Henry Ford. Auch der Niedergang von Lebewesen wird mehrfach ins Bild gesetzt. Besonders beeindruckend gelingt das in einer Einstellung, in der eine noch leicht zuckende Heuschrecke von einem Ameisenstamm abtransportiert wird.

Visuell stark sind auch die Zeitrafferaufnahmen von einer über den Wolken gelegenen Sternwarte. Durch die Manipulation der filmischen Zeit dreht sich der sternenklare Himmel rund um das Gebäude, das einem Science-Fiction-Film zu entstammen scheint.

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Ein andermal richtet Mettler die Kamera vertikal auf und fährt rückwärts durch einen Wald. Durch die ungewöhnliche Perspektive und die Bewegung werden aus den Baumwipfeln so etwas wie Wolkenbilder: Löst man sich von der konkreten Form der Äste und Blätter, so kann man darin mit etwas Fantasie alles Mögliche erkennen.

Doch problematisch wird es immer dann, wenn sich der Film seinem Thema widmet: der Untersuchung der Zeit. Si tacuisses, philosophus manisses. Ein Buddhist behauptet, außerhalb der Zeit zu leben. Wie ihm das gelingt, wird jedoch nicht erklärt. Und wenn Mettler zur Abwechslung mal auf interessante Thesen stößt – dass moderne Verkehrsmittel Raum in Zeit verwandelt haben oder dass jene Technologien, die Zeit einsparen sollen, letztlich oft unsere Zeit verschlingen –, reißt er sie nur kurz an.

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Umso länger braucht der Film jedoch, um zu seinem (immer wieder verzögerten) Ende zu kommen. Aus nicht unmittelbar nachvollziehbaren Gründen gibt sich Mettler kurz vor Schluss einem psychedelischen Trip nach dem Vorbild Stanley Kubricks hin. In einem von den Zwängen der Repräsentation weitgehend befreiten Bilderstrom kollidieren einzelne Elemente der verschiedenen Filmabschnitte mit abstrakten Formen, vor allem einem grünen Blatt mit einem pulsierenden Auge in seiner Mitte. Das ist alles hübsch anzusehen und technisch versiert – zugleich aber verdeutlichen solche Szenen das Grundproblem dieses Films: Die Einzelteile fügen sich nie zu einem Ganzen zusammen. Und was all diese Einzelteile nun mit dem Thema Zeit zu tun haben, erschließt sich wohl nur einem einzigen Betrachter. Peter Mettler hat einen Film für sich selbst gemacht.

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