The End of the Tour

Der Roadtrip als Kammerspiel: James Ponsoldt stört zwei Schriftsteller auf der Suche nach Intimität mit einem dritten Akt.

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„David Wallace is dead.“ Der Schriftsteller beging im September 2008 Selbstmord. Zwölf Jahre zuvor begleitete ihn David Lipsky, damals als unbekannter Schriftsteller, auf den letzten Tagen der Buchtour zum Roman Infinite Jest. Zum Einstieg in diesen Film erfährt Lipsky (Jesse Eisenberg) durch einen Anruf vom Tod seines damaligen Begleiters. James Ponsoldt eröffnet The End of the Tour mit einer Rahmenhandlung, die den Roadtrip umschließt und zugleich auch die Lesart für seinen Film vorgibt: eine Rückschau auf David Foster Wallace, dessen literarische Brillanz – gepaart mit seinem fast lebenslangen Leiden an Depression – ihn zum Enigma, und dessen Fähigkeit, das Alltägliche und Popkulturelle zu sezieren zum Rockstar einer ganzen Autorengeneration machte. Für die Redaktion des Rolling Stone Magazine ist diese Mischung gut genug, um Lipsky ein Interview mit Wallace (Jason Segel) zu gewähren. Der erwartet sich von der gemeinsamen Lesereise mit dem Literaturgiganten jedoch mehr als ein schlichtes Interview.

Im Inneren des Roadmovies

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Eine Buchtour ist angesichts David Foster Wallaces Rockstar-Status wenig glamourös. Gereist wird nicht im Groupie-gefüllten Tourbus, sondern in Lipskys Kompaktklasse-Mietwagen. Da immer jemand fahren muss, fallen die Drogen fast gänzlich weg. Einzig Zigaretten werden massiv, wenn auch mit gehörigem Schuldbewusstsein konsumiert. Einer fährt, der andere raucht. Die Straßen von Bloomington bilden mit ihren Möbelhäusern und Schnellrestaurants das einzig sichtbare Panorama dieses sonst introversiven Roadmovies. The End of the Tour ist kein Beat-Schriftsteller-Trip durch das wilde Amerika. Die Buchtour inszeniert Ponsoldt als Kammerspiel, in dem die Bewegung der Protagonisten wie eine Reise nach Jerusalem funktioniert: vom Sessel auf die Couch, vom Fahrersitz auf den Beifahrersitz. Ein ständiges Hin und Her zwischen den Sitzgelegenheiten, in dem Lipsky und Wallace nach einer Position zu ihrem Gegenüber suchen.

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Sobald diese einmal gefunden ist, verliert sich das Duo, das nunmehr fast ausschließlich in Schuss-Gegenschuss-Varianten der gleichen Nahaufnahmen gezeigt wird, in Gesprächen über Stirb langsam, den bodenständigen Sex-Appeal von Alanis Morissette oder die literarische Penisherrschaft des John Updike. Die Gesprächspausen werden mit Twizzlers, Marshmellows und Poptarts gefüllt. Hauptmahlzeiten gibt es dann bei Denny’s oder McDonald’s. Es ist Boy’s Night Out, bis das Diktiergerät wieder läuft und den Spaß zugunsten des Interviews beendet. Hier spricht der verwundbare Riese Foster Wallace von persönlichen Ängsten und seiner depressiven Vergangenheit. Von seinem Bandana verhüllt lächelt er nervös, hält inne und antwortet schließlich mit einem fast herausfordernden Blick. Lipsky, der zwischen Stockholm-Syndrom, Freundschaftsanspruch, Schwanzvergleich und Reporterdasein schlingert, und sich in Momenten der Unsicherheit immer wieder hinter seinem Diktiergerät versteckt, vervollständigt das brüchige Verhältnis. „You agreed to the interview“, hält er Wallace immer wieder entgegen, während er dessen Grenzen der Intimität auslotet.

My Dinner with David

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Eisenberg und Segel spielen sich souverän durch das gewaltige Dialogspektrum, das fast wortgetreu dem Transkript des tatsächlichen Interviews entspricht, das Lipsky unter dem Titel „Although of course you end up becoming yourself“ veröffentlichte. Mit kleinen nervösen Ticks und Gesten und einer beeindruckenden Beiläufigkeit belebt das Zweierensemble den faszinierenden Austausch zum Leben. Einzig das Vertrauen Ponsoldts scheint zu fehlen, der diese mal intime, mal intellektuelle Begegnung nicht als große Stärke seines Films erkennen will. Trotz der visuellen Reduktion, mit der er inszeniert, bekennt sich The End of the Tour zur klassischen Erzählkino-Dramaturgie. Den entsprechenden Konflikt pflanzt Ponsoldt konsequent als Subtext in die Begegnung ein. Im Ergebnis bricht er ein faszinierendes Treffen auf eine dramaturgische Forderung herunter, die die Nuancen und die Intimität der Konversation – die über weite Strecken an Louis Malles Mein Essen mit André (My Dinner with André, 1981) erinnern – einfach zerreißt. Die Fetzen setzen sich dann zu einem Film zusammen, der als dramatisierter Nachruf nicht so recht resonieren will.

Am Ende taucht David Foster Wallace dann noch einmal allein auf. Da sitzt er am Tisch, schnappt sich die verwaiste Zigarette Lipskys, der gerade auf dem Klo ist, und spricht leise in das Diktiergerät. Was er sagt, folgt, wie die Szene selbst, keinem vordergründigen Konzept. Wallace beschreibt nur mit kindlicher Freude, was passiert. Wir erleben ihn, wie Ponsoldt ihn uns letztlich nicht zeigen wollte: ohne dramaturgischen Unterbau. „Just me and your tape recorder.“ Schade, dass es schon der Abspann war.

Trailer zu „The End of the Tour“


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