The End

Ein Mann geht im Wald verloren, und es lässt sich noch nicht einmal sagen, er habe sich verirrt. Guillaume Nicloux und Gérard Depardieu lassen das Mysteriöse mit einem stubenreinen Naturalismus kollidieren.

The End 01

Mit chronischer Qualität sind Guillaume Nicloux’ Filme vom Mysteriösen befallen, vom Über- und Unnatürlichen in einem sehr weiten Sinne. Dabei geht es nie um die Frage von dessen Existenz, sondern um dessen Maß und Intensität. In Le concil de pierre (2006) markierte es zum Beispiel das untergründige Zentrum des Films, aus Die Entführung des Michel Houellebecq (L’enlèvement de Michel Houellebecq; 2014) hat es sich fast bis hinter die Ränder verdrängen lassen, in Valley of Love (2015) brach es, von den Rändern aus, wieder hervor, als ein toter Sohn seinen Eltern erscheint, und mit The End nun hat es wieder stark an Dimension gewonnen. Die Filme beschreiben also jeweils unterschiedliche Stadien des Befallenseins vom Mysteriösen. Meistens ist es ein cleaner Naturalismus, der da infiziert ist, einer, der sich viel und ausgiebig mit Körpern auseinandersetzt, mit dem Schwitzen, dem Atmen, dem Sitzen, dem Trinken, dem Laufen. Auch The End, darin und nicht nur darin steht er mit Valley of Love in einer direkten Kontinuität, ist durch seine Inszenierung Gérard Depardieus wieder eine Feier der Körperlichkeit, ein permanenter Überschuss an Körperbildern.

Depardieus animalische Unbeherrschtheit

Mit einer orangefarbenen Weste, die ihm derart zu klein ist, dass sie links und rechts eigentlich nur ein bisschen über die Schultern flattert und ihm auch nur bis knapp unterhalb der Brust reicht, markiert ein Jäger mit Warnschildern sein Revier. Die Schilder rammt er nur mit halbem Elan in den Waldboden und lehnt sie dann, sie mit beiden Händen konzentriert justierend, gegen einen ziemlich dicken Baumstamm. Das leichte Beugen des Oberkörpers und die zum Gebrauch nach vorne gestreckten Arme wirken auf seinen Körper wie ein Tausendmeterlauf. Er ringt nach Luft, schnauft, schnaubt und prustet mit animalischer Unbeherrschtheit, hustet, akklimatisiert sich und raucht eine. An keiner Stelle aber missbraucht der Film diesen Körper zum grotesken Zweck, im Gegenteil, er ist geradezu verliebt in die massige Statur Depardieus, was sich spätestens dann zeigt, wenn dieser später in einer aufmerksamen, eleganten Bewegung seinen schützenden Arm um eine junge Frau legt, für deren Schutz er sorgen will.

Merde!

The End 02

Unendlich ließe sich angesichts von The End über den Körper nachdenken, ließen sich all die Zustände, Haltungen und Posen beschreiben, wie sie Depardieu beispiellos verkörpert, wie er sie moduliert und variiert, während er zum Beispiel pausenlos nach seinem Hund Yoshi ruft, der gleich zu Beginn im Wald verschwindet, und während er sich dabei durchs unwegsame Gelände manövriert und ihm noch im Rufen die Puste ausgeht, bis er sie wieder sammelt für ein zwischen Ungeduld und Existenzangst eingespanntes „merde!“ Durch die Art und Weise, wie er die Wörter „Yoshi“ und „merde“ intoniert, wird sukzessive klar, dass er sich im Wald verirrt hat und wie sehr diese Verirrung sein Leben in Gefahr bringt. Irgendwann fängt es an zu regnen, und der Jäger richtet sich, begleitet von einem beinahe komponiert wirkenden Arrangement aus schwerem Schnaufen und „merde!“, in einer Höhle ein, aus der ihm nachts sein Jagdgewehr gestohlen wird – „merde!“ Reduziert auf einen Körper, zwei Wörter und die unendliche Unterschiedslosigkeit der Bäume, gelingt Nicloux und Depardieu eine Höllenfantasie von unheimlicher Dichte und permanenter Ambivalenz. Die Endlosigkeit des Waldes, von dem man noch nicht einmal sagen könnte, dass der Jäger immer tiefer und tiefer in ihn hinein geriete, lässt an keiner Stelle eine Lichtung zu, ebenso wie The End an keiner Stelle ein klärendes Licht auf sich selbst scheinen lässt.

Der Baum und sein Glied

Ob sich der Jäger verirrt oder der Wald eigengesetzlich seine Ausgänge abgeschafft hat, bleibt selbst durch eine spätere Auflösung noch ungelöst. Dieser (schlechte) Scherz der sich ständig aufs Neue verunklarenden Gesetze der Welt, die zugleich, auf astrein naturalistische Weise inszeniert, einen Wald, einen Körper und deren Geräusche beherbergt, verdichtet sich noch einmal mehr, wenn dem Jäger eines Nachts eine nackte Frau erscheint/begegnet. Für zwei Schwänze sei kein Platz, sagt die junge Frau, die sonst stumm bleibt, einmal am Lagerfeuer. Das Tolle an The End ist (das war in Valley of Love schon toll und ist es nun schon wieder), dass er seine abgründige und onirische Wucht völlig unaufgeregt erzeugt, nämlich durch den Kreisgang des Beleibten, durch das völlig opake und unergründliche Zentrum, das sich hier als Wald auffaltet und sich zugleich selbst zerschlägt, nur indem sich ein Mann durch ihn durchbugsiert.

The End 03

Irgendwann gelangt der Jäger natürlich wieder an eine Stelle, an der er bereits war. Er hat dort eine Schweppes-Flasche, die er zuvor noch mit beiden Händen haltend ausgeschlürft hat, an einen Baumstamm gesteckt. Warum hatte der Mann in dieser Situation, einer dieser unzählbaren Situationen, in denen er Pause machte, den Humor, einem Baum ein Glied anzugedeihen? Solche Fragen stellen sich kurz, aber sie verebben auch sogleich wieder, und wir sehen einen von Maden übersäten Depardieu, dessen Körper es ihm nicht gestattet, sie an allen Stellen entfernen zu können. Solche Szenen sind eigentlich Tanzszenen: Zur Musik aus Schnaufen und „merde!" befreit sich dieser Körper in hektischer Behäbigkeit und vertanzt ein heikles, ja existenzielles und in seinem Ursprung mysteriöses Dilemma, das sich komplexer nicht zum Ausdruck bringen könnte als durch diesen Körper und seine hohe Kunst.

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