Like Someone in Love

Tokio ist nicht Teheran. Von einem Regisseur, der auszog und uns Japan näherbrachte.

Der Auftakt ist furios: Zwei Einstellungen, ein Restaurant, ein Telefongespräch. Akiko (Rin Takanashi) gerät in Erklärungsnot über ihre Abendpläne. Sehen können wir sie allerdings erst nach einigen Minuten. Wir lernen sie über ihr Umfeld, über ihre Stimme kennen. Und auch wenn sie anschließend im Gegenschuss erscheint, häufen sich mehr Fragen als Antworten. Meisterhaft führt uns Abbas Kiarostami in seine Geschichte ein, gleich sind wir gefangen in einem Spiel um Sichtbares und Unsichtbares, um Kommunikations- und Verschleierungsversuche. Als Akiko anschließend im Taxi zu einem Kunden sitzt, die Spiegelungen auf der Fensterscheibe das für sie völlig entrückte Leben der anbrechenden Nacht in der Hauptstadt erahnen lassen, kommt es bereits zur wohl bewegendsten und ehrlichsten Szene des gesamten Films. Eine Frau, ein Auto und die Stadt: Das klingt vertraut, jedenfalls für die, die Kiarostami ein wenig kennen. Auf Vertrautem ruht sich der Iraner in Like Someone in Love allerdings nicht aus.

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Von den großen Filmemachern unserer Zeit gehört Abbas Kiarostami zweifelsohne zu jenen, die man leicht unterschätzt. Mit Filmen wie Der Geschmack der Kirsche (Ta’m e guilass, 1997), Der Wind wird uns tragen (Bad ma ra khahad bord, 1999) oder Ten (2002) hat er sich zwar nachhaltig in die internationale Kinematografie eingeschrieben und uns sein Heimatland Iran wie kaum ein anderer nahegebracht, vielleicht auch mehr als Mohsen Makhmalbaf (vgl. Kiarostamis Close-Up, Nema-ye Nazdik, 1990). Seine reduktionistische Arbeitsweise aber, man denke nur an die Auflösung des großartigen Ten, eines Films, der über die gesamte Dauer in einem Auto spielt und mit wenig mehr als zwei Perspektiven auskommt, lässt einen schnell vergessen, wie reichhaltig sein Werk ist. Kiarostami hat eine besondere Begabung, komplexe Umstände auf einfache Elemente herunterzubrechen und Alltägliches in all seiner Komplexität darzustellen. Was er zeigt, ist oft genauso wichtig wie das, was man nicht sieht. Das stimmt im Konkreten und im Allgemeinen. In der Begeisterung für diesen Filmemacher schwingt immer auch mit, worauf er alles verzichten kann (und muss), um dennoch, nein, gerade deswegen, präzise, ausgeklügelte, treffsichere Beobachtungen und Einsichten zu ermöglichen.

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Die Reife eines Regisseurs und sein Verständnis fürs Kino lassen sich nicht selten genau daran ablesen, wie genügsam er in seinem jeweiligen Rahmen ist. Das soll aber nicht als Aufruf zum stilistischen Purismus missverstanden werden. Genügsamkeit kann nicht absolut gemessen werden, es gibt keine Skala. Die Frage muss also lauten: Sind die filmischen Mittel für den jeweiligen Stoff adäquat? Und auch: Formt der Filmemacher sein Sujet auf der Grundlage seiner Mittel oder umgekehrt? Richtige Antworten gibt es mehrere. Kiarostami hat mit gewissen Konstanten, wie etwa der regelmäßigen Arbeit mit Laien, eine durchaus vielfältige Filmografie, nicht zuletzt weil ein erheblicher Teil seiner Arbeit aus Dokumentarfilmen besteht. Und er hat eine Philosophie des Filmemachens, die er in dem erhellenden Making-of-Film 10 on Ten (2004) skizziert. Eines der zentralen Anliegen seiner Arbeit sei größtmögliche Authentizität. So schwärmt er etwa von den Möglichkeiten kleiner digitaler Kameras, um spontane Eindrücke aufzuzeichnen. Es wäre dennoch verkehrt zu glauben, dass er mit Die Liebesfälscher (Copie Conforme, 2010), den er mit Juliette Binoche in Italien gedreht hat, und Like Someone in Love, der ihn nach Japan ins Callgirl-Milieu verschlägt, nun auf Abwegen sei.

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Kiarostamis künstlerischer Ansatz ist natürlich dialektisch. Kein Naturalismus ohne eine stringente, klare Form. Erst aus diesem Gegensatz heraus erwächst die Spannung, die sein Œuvre auszeichnet. Und selbstverständlich überträgt er seine Arbeitsweise in die Sphären, in denen er seine neuesten Filme versetzt hat. Ein Glück, dass Tokio nicht wie Teheran aussieht. Die Verschiebung ist zwar graduell, aber manifest. Seine Faszination etwa für das Auto als Schauplatz ist ungebrochen, in Like Someone in Love wirken aber die modernen Wagen mit den leisen Motoren eher wie eine Abschirmung vor der Außenwelt. Als privilegierter Ort des Austauschs spielt das Fortbewegungsmittel erst im letzten Drittel eine Rolle, und das nach einer dezidierten Plotwendung. Ohnehin sind aber die Szenen der Nicht- und Fehlkommunikation für den Film von größerer Bedeutung. Kiarostami verbirgt seine Außenseiter-Position nicht, bleibt auf respektvoller Distanz und inszeniert auch eine Art Lost in Translation, nur eben zwischen Japanern. Der Kulturschock ist ein intergenerationeller.

Hinreißend vergnüglich und mindestens ebenso nervenaufreibend ist die Gesellschaftsminiatur geworden. Als Akiko bei ihrem Kunden Takashi (Tadashi Okuno) – ob er ein Freier ist, erschließt sich nicht ohne weiteres – angekommen ist, entspinnt sich eine von mehreren peinvoll absurden Szenen. Takashi, ein älterer Herr, Soziologieprofessor und Übersetzer, möchte ein guter Gastgeber sein und wird durch das ständig klingelnde Telefon völlig aus der Fassung gebracht. Die sozialen Konventionen, seine höfliche Natur und die delikate Situation, ein Mädchen zu sich bestellt zu haben, treffen in einer meisterlich komponierten Plansequenz aufeinander. Kiarostami hat einiger solcher Beobachtungen aus Japan mitgebracht. Immer wieder setzt er widerstrebende Interessen der Figuren als Katalysator und gespannte Hintergrundfolie ein, vor der sich ein Porträt zweier Generationen abzeichnet: Japan zwischen Traditionsverbundenheit und der Geschichtslosigkeit Jüngerer, zwischen der Überforderung durch allgegenwärtige Technik und einem Leben den Maschinen zum Trotz. Dazwischen erzählen einige von Liebe und Heirat, die Betonung beim Filmtitel liegt aber auf dem ersten Wort: Like someone in love. Liebe ist Imitation, die Ehe Mittel zum Zweck. Den Takt geben ohnehin Geräte vor, vielleicht sogar die Handlungslogik: Wenn am Ende eine unsichtbare Maschine zum zigsten Mal ein Piepsen von sich gibt, ist alles andere nur noch Reaktion.

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Kommentare


Adam

Dieser Film ist nicht seinen ersten Film außerhalbs des Iran. Er hat Die liebesfälcher in Frankreich gedreht


Frédéric

@Adam, stimmt. Aber das hat auch niemand behauptet.






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