The Dust of Time

Fugen der Erinnerung – Theo Angelopoulos spinnt mit The Dust Of Time weiter an seinem Panorama der griechischen Diaspora des 20. Jahrhunderts.

The Dust of Time

Wir sind dazu verdammt, mit unseren Obsessionen zu arbeiten. Wir machen immer denselben Film, wir schreiben immer dasselbe Buch. Variationen und Fugen desselben Themas. (Theo Angelopoulos)

Mit The Dust Of Time (I skoni tou hronou) erreicht der zweite Teil der geplanten Trilogie (Trilogie: Die Erde Weint, Trilogia I: To Livadi Pou Dakrizi, 2004) des griechischen Regisseurs Theo Angelopoulos die deutschen Kinos. Und man begreift, dass hier jemand an einem Gesamtkunstwerk gigantischen Ausmaßes werkelt. Denn die Bezüge untereinander sind dermaßen reich und innig, dass man die Worte des Regisseurs zu verstehen beginnt: Die Grenzen zwischen den einzelnen Filmen verschwimmen. Gesichter, Namen, Orte tauchen hier auf und dort. Sie gleichen einander nie gänzlich, doch im Flimmern der Geschichte(n) nähern sie sich an und schieben sich aufeinander, bis anstatt zweier klar voneinander unterscheidbarer Werke ein Gefüge aus Situationen und Bildern im Gedächtnis haften bleibt.

The Dust of Time

Die Figuren sind einander Doppelgänger, Schattenwürfe eines Charakters auf verschiedene Orte im Flackern der Zeit. Die wiegende Langsamkeit des Vorgängers ist einer kraftvolleren, forcierteren Rhythmik gewichen. Angesiedelt zwischen dem Tod Stalins 1953 und der Jahrtausendwende, bewegen sich die Episoden des Filmes frei durch die Dekaden. Uns begegnet Eleni (Irène Jacob), die eine alternative Existenz ihrer Namensvetterin aus dem Vorgänger sein könnte. Nach langen Jahren der Haft als griechische Dissidentin trifft sie in Kasachstan auf Spyros (Michel Piccoli), den sie bei einem Tanz am Fluss bei Thessaloniki lieben lernte. Diese Szene ist nie zu sehen, doch im Vorgänger tanzte schon die andere Eleni genau dort. Jahre später dreht ihr Sohn „A.“ (Willem Dafoe) einen Film über sein Leben und das seiner Eltern. In Cinecittá in Rom, wo schon Fellini in (1960) die Kontrolle über die Zeiten verlor, stürzen die Erinnerungen und Geschehnisse ineinander, und wie dem Italiener und dessen Alter Ego gelingt es „A.“ nicht, ein Ende für seinen Film zu finden. Denn das Werk und sein Leben sind längst ununterscheidbar geworden. Dann verschwindet seine Tochter (Tiziana Pfiffner) in Berlin. Sie heißt, wie die Großmutter, Eleni.

Alle Figuren in Angelopoulos’ Film sind ohne Heimat, getrieben von der Suche nach einem Ort, an dem die zerfaserten Linien ihrer Schicksale und der ihrer Familien zur Ruhe kommen mögen. Sie tragen das Exil im Herzen, sind heimatlos in einer zerklüfteten Welt. Sie sind die Gesichter der griechischen Diaspora, die auf der Welt zerstreut als Griechen leben, seitdem ihre Heimat sich selbst zerfleischte. Ununterbrochen überqueren sie Grenzen. Inmitten von Schranken und Kontrollen: Rituale der Aufgabe und Verlorenheit. Am Flughafen Tempelhof werden Immigranten von Maschinen durchleuchtet, ihre nackten Körper drehen sich vor den Augen mitleidloser Polizisten. Angelopoulos erlaubt sich einen Ausflug in die Gefilde der Science-Fiction, doch der Ganzkörper-Scan wird eingeführt an Europas Flughäfen, und bald arbeitet er auch in High Definition. Der Fortschritt der Technik bringt neue Möglichkeiten von Trennung und Kontrolle. The Dust of Time ist auch der Klagegesang eines Weltbürgers.

The Dust of Time

Die Titelsequenz zeigt den konzentrierten Blick Dafoes, in einen Projektor starrend, daneben das rasselnde Filmband. Man vernimmt Chöre, Ansprachen und Jubelgeschrei. Die Geschichte rast vorüber, gespeichert als große Momente auf einem schmalen Band Plastik. Dann erfüllt das Konterfei Stalins die Leinwand, und die unaufhörlich verrinnende Zeit konkretisiert sich zu Bildern. Angelopoulos zeigt uns, dass Augenblicke des Lebens nur Ablagerungen eines ewigen Werdens sind. Und er versteht es meisterhaft, die Reliefs dieses Vergehens in Kompositionen einzufangen. Die Kamera allein vermag die flüchtigen Konstellationen des Lebens zu bewahren. Der titelgebende Staub der Zeit ist das Korn des Zelluloids, das Bild seine wieder erkennbare Formation.

The Dust of Time

Seine Kamera bahnt sich dem Geschehen an und verlässt es wieder: Der Raum weitet sich und wird enger. Ein langsamer Zoom verknappt die Tiefenebenen des Bildes, man sieht Gefangene in sibirischer Einöde eine gigantische Eisentreppe in Zickzack-Bewegungen erklimmen. Immer näher zoomt die Kamera heran, die Schichten des Raums drängen sich aufeinander, bis Angelopoulos uns zuletzt ein fast abstraktes Bild ineinander verkanteter Linien und Formen zeigt, darin eingezwängt Menschen in dicker Winterkleidung, mit hängenden Köpfen. Ein kubistisches Gemälde der Gefangenschaft.

Angelopoulos verdichtet Jahrzehnte in einzelne Einstellungen, trägt Schicht um Schicht an Bezügen zu Theater, Musik, Politik und Philosophie auf seine Bilder auf, bis der ganze Film vor Bedeutung glüht. Darunter leidet beizeiten die Darstellung von Gefühl. Jede Geste strebt nach Allgemeinheit, jede Beziehung nach Allegorie. The Dust of Time will erarbeitet werden, er zwingt den Zuschauer, die aufgeladene Inszenierung zu sezieren.

The Dust of Time

Man spürt, dass Angelopoulos im bürgerlichen Intellekt des vergangenen Jahrhunderts beheimatet ist. Ihm fällt es schwer, sich in die Stimmungen des neuen Millenniums einzufinden. Die vielleicht zehnjährigen Eleni lässt er Poster von Che Guevara, Lou Reed und Jim Morrison ins Zimmer hängen, was sich gerade in einem so feinfühlig inszenierten Film etwas grob ausnimmt. Wenn die Darstellung des Neuen manchmal unbeholfen wirkt, dann weil Angelopoulos’ Erzählen wirklich aus der Zeit gefallen ist. The Dust of Time ist ein Film der Erinnerungen, des unwiederbringlich Verlorengegangenen – und der Ewigkeit. Die Elegie auf eine vom Schicksal vertilgte Zeit.

Trailer zu „The Dust of Time“


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