The Duke of Burgundy

Peter Strickland hat (k)einen lesbischen Sadomaso-Film gedreht.

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„Habe ich Ihnen erlaubt, sich zu setzen?“ Beschämt steht Evelyn wieder vom Sofa auf und fängt an, einen Schrank zu putzen. Kurz darauf schrubbt sie den Boden und rutscht dabei auf ihren Knien durch den Raum. Wenige Meter entfernt sitzt die Schlossherrin Cynthia (Sidse Babett Knudsen) in einem Sessel und liest in aller Ruhe. Später befiehlt sie ihrer Hausmagd, die Wäsche zu machen. Die unterwürfige Frau mit der hochgeschlossenen Bluse gehorcht. Doch als Cynthia bemerkt, dass Evelyn (Chiara D'Anna) eine Unterhose übersehen hat, führt sie sie ins Bad, verschließt die Tür vor unseren Blicken und wir können nur anhand der Geräusche erahnen, welcher körperlichen Bestrafung sie ihre Dienerin unterzieht.

Eine Szene später sehen wir die beiden Frauen aneinander geschmiegt im Bett liegen – sie sind Lebensgefährtinnen. Die Unterwerfung Evelyns ist ein Ritual, das die Zwei in Variationen täglich neu inszenieren. Das Spiel ist für die beiden so reizvoll, weil es das Machtgefüge ihrer realen Beziehung komplett auf den Kopf stellt. Das alltägliche Miteinander wird nämlich von der dominanten Evelyn bestimmt. Sie übergibt Cynthia immer wieder detaillierte schriftliche Instruktionen, welche Fantasie es heute umsetzten gilt, welche Sachen Cynthia dabei tragen soll und was sie wann zu sagen hat. Läuft das sexuell aufgeladene Herr-und-Knecht-Spiel nicht exakt nach Evelyns Vorstellungen, unterbricht sie es und korrigiert Cynthia. Nach dem Orgasmus gibt es Manöverkritik.

Wenn das Wir das Ich auflöst

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Das klingt nun alles schön verdorben – zudem erinnert die Bildsprache von The Duke of Burgundy  mit ihren dunklen Schlosssälen, den altmodisch-eleganten Textilien und der düsteren Symbolik an Fetischfilme von Regisseuren wie Jean Rollin, Jess Franco und Mario Bava. Tatsächlich geht es Regisseur Peter Strickland aber keinesfalls um die erotische Erregung des Publikums. Zwar dreht sich der Film während der gesamten Spielzeit um das Ausleben sexueller Fantasien – vom Sex selbst bekommt der Zuschauer aber kaum etwas mit. Zu sehen ist lediglich das bei voller Bekleidung stattfindende Vorspiel aus Dominanz und Unterwerfung.

Die eigentliche Geschichte des Films ist ein geradezu konventionelles Drama über das Zerbrechen einer Beziehung am Ungleichgewicht der beiden Partner. Cynthia ist es leid, die Sklavin ihrer Sexsklavin zu sein. Die endlosen Forderungen Evelyns arbeitet sie mit wachsendem Widerwillen ab, denn Cynthias Lebenszweck scheint darauf reduziert, als Werkzeug für die sexuelle Befriedigung ihrer Partnerin zu dienen. Sie selbst findet kaum noch statt: Ihre Bedürfnisse werden ignoriert. Sie aber muss sich immerzu in Kostüme und Perücken hüllen, jemand anderen spielen, darf nie sein, wer sie wirklich ist. Ihre erotischen „Aufgaben“ werden zu einer Bürde, einer To-do-Liste, die sie mechanisch, wie abwesend, erledigt. Diese Selbstaufgabe – die Auslöschung des Ich zugunsten eines einseitigen Wir – lässt Cynthia zunehmend verbittert zurück auf ihrem Weg in die innere Emigration.

Trojanisches Pferd im SM-Look

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Mit dieser Bestandsaufnahme einer zum Scheitern verurteilten Beziehung erweist sich der Film als trojanisches Pferd, das mit wollüstigen Andeutungen von lesbischen Sadomaso-Spielen und düsteren Genre-Einsprengseln lockt, sich dann aber „bloß“ als Beziehungsdrama entpuppt. Ganz ähnlich war Peter Strickland schon beim starken Berberian Sound Studio (2012) verfahren, den er vordergründig als Giallo-Hommage präsentierte, damit aber letztlich weniger dem italienischen Horrorfilm der 60er- und 70er-Jahre ein Denkmal setzte als den Geräuschemachern der Filmindustrie. In Berberian Sound Studio verbargen sich hinter der Genre-Fassade ein faszinierender Einblick in das sonst kaum beachtete Handwerk der Foley Artists, ein Sound Design, das im Einklang mit der Horror-Optik teils einen hypnotischen Sog entwickelte, ein sich immer mehr zuspitzendes Psychogramm einer fragilen Persönlichkeit und eine wunderbar wilde erzählerische Entgleisung im letzten Akt.

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The Duke of Burgundy löst hingegen weder die Versprechen seiner lüstern schillernden Oberfläche ein, noch gelingt ihm eine Überraschung mit dem, was sich unter dieser Oberfläche verbirgt. Sowohl der Titel als auch die Symbolik des Films bleiben arg opak. So erscheinen die absurden und surrealen Elemente – eine Welt ganz ohne Männer, eine Gummipuppe in einem Vorlesungssaal, die (visuell mitunter recht billig umgesetzte) wissenschaftliche Obsession mit Schmetterlingen und Motten – als reiner Selbstzweck. Zudem enttäuscht gerade das letzte Drittel mit einem äußerst abrupten Charakterwandel sowie einem Finale, das wirr zwischen Trennung der beiden Frauen, Status Quo und (recht unglaubwürdiger) Veränderung zum Guten hin und her pendelt. Die stilistische Extravaganz des Films lenkt davon ab, dass die eigentliche Geschichte keinesfalls außergewöhnlich ist, sondern eine ganz und gar geerdete Beobachtung einer dysfunktionalen Beziehung, wie es sie sonst vor allem in naturalistischen oder sozialrealistischen Studien gibt. Aufgepeppt wird dieses Thema hier höchstens dadurch, dass das Ungleichgewicht im Schlafzimmer die allgemeinen Machtverhältnisse der Partnerschaft umkehrt. Aber auch das ist letztlich so neu wie das Bild des erfolgreichen Alphatier-Managers, der abends zur Domina geht, um sich zu unterwerfen.

Trailer zu „The Duke of Burgundy“


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Kommentare


Andy

Verleih: Salzgeber






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