The Dixie Chicks: Shut up & Sing

Muss man Country-Stars bedauern, wenn sie ein paar CDs weniger verkaufen? Nein, aber wenn drei Frauen einen Maulkorb verpasst bekommen, fängt die Geschichte an, spannend zu werden.

The Dixie Chicks: Shut up & Sing

Der „Boss“ Bruce Springsteen darf es. Madonna darf es auch. Aber die Dixie Chicks dürfen es nicht: Präsident George W. Bush kritisieren. Die drei Country-Musikerinnen wurden vom Großteil ihrer Fans abgestraft für eine flapsige Bemerkung, die der Leadsängerin Natalie Maines am Vorabend der Irak-Invasion 2003 bei einem Konzert in London herausrutschte: Sie schäme sich, dass Bush wie sie aus Texas stamme. Das war zu viel für die strammen Kriegstreiber unter den Country-Liebhabern. Sie zerstörten CDs und schickten Morddrohungen. Die Verkaufszahlen der erfolgreichsten Frauen-Countryband der Welt gingen in den Keller. Die Hardliner aus dem ultrarechten Spektrum wollten den vermeintlichen „Cowgirls“ zeigen, wo der Hammer hängt. „Halt‘s Maul und sing“ – klarer als mit diesem Zitat aus einem Drohbrief könnte man die frauenfeindliche Botschaft nicht auf den Punkt bringen.

The Dixie Chicks: Shut up & Sing

Es war eine bizarre Erfahrung. Obwohl die Konzertaufnahmen zeigen, dass Natalie Maines aus einer spontanen Laune heraus einen verunglückten Witz machen wollte, blieben die Fans hart. Die Radiostationen boykottierten ihre Lieder, da konnten die drei noch so oft klarstellen, dass sie niemanden verletzen wollten. Sogar Bush gab sich liberal und betonte, die Sängerinnen könnten sagen, was sie wollten. Aber es war nichts zu machen. In der Country-Szene wurden sie als „Saddams Engel“ und „Dixie-Nutten“ beschimpft.

Hätte man die Geschichte erfinden wollen, wäre man wohl nicht drauf gekommen. Aber für einen Dokumentarfilm ist der „Maulkorb-Erlass“ ein gefundenes Fressen. Da war es ein Glücksfall, dass die Regisseurinnen Barbara Kopple und Cecilia Peck schon vor den umstrittenen Äußerungen einen Tour-Film über die Dixie Chicks drehen wollten. Auf diese Weise stand Material aus den Jahren 2003 bis 2006 zur Verfügung, das nun keinen reinen Musikfilm ergibt, sondern den Erfahrungs- und bitteren Lernprozess zeigt, den die drei Frauen zwischen Karriere-Knick und Comeback durchmachen.

The Dixie Chicks: Shut up & Sing

Die Kamera zeigt die Energie und Leidenschaft, mit der Natalie Maine und die Schwestern Martie Maguire und Emily Robison ein Stadion zum Toben bringen. Sie geht Backstage mit zu den Kindern, die sich auf ihre Mütter freuen. Sie beobachtet, wie entspannt die Gruppe mit dem Produzenten herumalbert und wie engagiert sie mit dem Manager über das Jetzt-erst-recht diskutiert. Sie zeigt die Verletzung, die Angst um die Familie, die Fassungslosigkeit über einen Teil der Amerikaner, die mit ihrem nationalen Fundamentalismus in vordemokratisches Gedankengut abdriften. Und sie fängt die Lebensfreude und die Gelassenheit ein, mit der die Musikerinnen ihre Konsequenzen ziehen.

Die zweifach mit dem Oscar ausgezeichnete Barbara Kopple - für ihre Arbeitskampf-Dokumentationen Harlan County (1976) und American Dream (1990) – erzählt die Geschichte nicht chronologisch, sondern in einem mehrfachen Hin und Her zwischen den Jahren 2003 und 2005/2006. Das trägt dazu bei, dass wir keine Leidens- und Opfergeschichte sehen, sondern die Energien, die der unerwartete Rückschlag freisetzt. Wir wissen ja von Anfang an, dass die Gruppe sich erfolgreich neu orientiert hat. Das lenkt den Blick auf das Aufrappeln, nicht auf den Rückschlag.

The Dixie Chicks: Shut up & Sing

Die Dixie Chicks machen das, was sie am besten können, sie reagieren mit Musik und Fantasie. Als sie merken, dass die Hardliner sie „schlachten“ wollen, machen sie das zum Thema: Sie lassen sich nackt fotografieren, nur bemalt mit den schlimmsten der Sprüche, mit denen sie fertiggemacht werden sollten. Das Bild schafft es aufs Cover des bedeutenden Showbusiness-Magazins „Entertainment Weekly“.

Musikalisch lösen sich die Dixie Chicks von der Szene, die sie nicht mehr will. Das 2006er-Album „Taking the long Way“, dessen Entstehungsgeschichte einen wichtigen Teil des Films einnimmt, ist deutlich rockiger als die frühere Bluegrass-Richtung. Und die Texte könnten von Edith Piaf stammen. Die Dixie Chicks bereuen nichts. „Ich bin nicht bereit, nett zu sein“, schmettert Natalie Maines ins Mikro. Und: „Ich werde nicht das tun, was ihr von mir erwartet.“ Dann schon lieber den langen, aber spannenden und erlebnisreichen Weg nehmen. Schließlich kommen böse Mädchen überall hin.

The Dixie Chicks: Shut up & Sing

Auf diese Weise wird der Film zu einer Reflexion über die gespaltene amerikanische Gesellschaft und über drei Frauen, die auf unaufgeregte Weise Zivilcourage zeigen. Und zu einem Dokument über eine außergewöhnliche Freundschaft. In einer der schönsten Szenen begleiten Martie und Natalie die schwangere Emily bei der Geburt. Sie halten und herzen die gerade geborenen Zwillinge, als hätten sie sie selbst zur Welt gebracht. Keine Frage: Der Angriff von außen hat die Band noch enger zusammengeschweißt. Und zu einer wunderbar gelassenen Antwort geführt: „Open your Mouth and sing.“

 

Trailer zu „The Dixie Chicks: Shut up & Sing“


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Kommentare


Antonia

Klasse Artikel!! Freue mich erstens als riesiger Chicks-Fan sehr, dass der Film überhaupt in die Kinos kommt und zweitens, dass Deutschland nun mehr von diesen 3 faszinierenden Frauen erfährt! Weiter so!!


Andreas Gronauer

Nachdem in teilen der USA ihre Lieder nicht mehr gespielt wurden ist zu hoffen das dieser Film einige Radiostationen dazu ermutigt auch Country, oder was viele dafür halten, gespielt wird. Bitte mehr davon!


Franz Hofmann

Habe den Film am 15.08. gesehen, ist einfach super.
Man schämt sich nach dem Film ein Country Fan zu sein, so wie die Country Scene sich in den USA gegeben hat. Hoffentlich hat der Film manchem die Augen geöffnet über die mangelnde politische Information in USA !!!






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