The Descendants

Alexander Payne wirft einen tragikomischen Blick hinter die paradiesische Kulisse von Hawaii. Leider hält der Film wenig von dem, was er verspricht.

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Auf Hawaii scheint nicht immer die Sonne, und nicht alle Insulaner surfen Hula-Hula-tanzend durch ihren Alltag – nicht einmal die Reichen tun das. Auch sie müssen mit Schicksalsschlägen und Ungerechtigkeit umgehen. Ein etwas dürftiges Fazit nach zwei Stunden. Alexander Payne, der sonst den Wahnsinn der Banalität und die Tragikomik des Alltäglichen ironisch in Szene setzt, findet dieses Mal keinen stimmigen Blickwinkel für sein Sujet. Dabei bietet die Geschichte keinen schlechten Ausgangspunkt. Durch den verhängnisvollen Unfall seiner Frau Elizabeth (Patricia Hastie) wird Anwalt Matt King (George Clooney) aus seinem routinierten schnöden Alltag gerissen. Der sonst abwesende Vater muss sich nun neben seiner komatösen Frau und der beruflichen Verantwortung als Treuhänder und Nachfahre der hawaiianischen Königsfamilie ausnahmsweise eben auch um seine beiden Töchter Scottie (Amara Miller) und Alexandra (Shailene Woodley) kümmern. Nachdem die 17-jährige Alex ihren Vater über die Affäre der Mutter aufklärt, beginnt eine Art inselhoppendes Roadmovie auf der Suche nach dem Liebhaber Brian Speer (Matthew Lillard).

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Eigentlich das perfekte Setup für eine weitere skurrile Reise durch die filmische Welt des Alexander Payne, reich bevölkert von seinen durchschnittlichen Charakteren. Doch Begeisterung will sich diesmal nicht so recht einstellen. The Descendants schöpft nicht aus, was er sein könnte, bleibt enttäuschend oberflächlich im Resümee. Wie so oft widmet sich Payne Menschen, die in ihrer banalen Alltäglichkeit vor sich hindümpeln, nur um dann zu komischer Nichtgröße über sich hinauszuwachsen. Doch Matt King hat weniger von Paynes typischen Männern in der Lebenskrise und dafür mehr Alpha-Qualität. Etwas mehr Macher und ein bisschen weniger Selbstmitleid, eigentlich eine willkommene charakterliche Weiterentwicklung und Abwechslung, doch die lethargische Ironie der Vorgänger weicht einem hektischen, seltsam schweifenden Blick. Vielleicht liegt es auch daran, dass Clooney als männlicher Hauptdarsteller zu glatt ist, um mit der Verschrobenheit von Jack Nickolson als Warren Schmidt (About Schmidt, 2003) und Paul Giamatti als Miles in Sideways (2004) mitzuhalten, aber das eigentliche Problem von The Descendants ist, dass der Film zu vielen Aussagen hinterherjagt.

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Die problematischen Familienverhältnisse, verursacht durch Matts Position als „back-up parent“, sowie die komplizierte Trauerarbeit über den nahenden Verlust der betrügenden Mutter und Ehefrau treten in der zweiten Hälfte des Films fast völlig hinter der Jagd nach Speer zurück. Das Ganze wird dann mit einem mäßig spannenden Subplot über die infrastrukturelle Entwicklung der einst paradiesischen Insel Hawaii – ein Haken hinter das Thema Nachhaltigkeit – aufgebauscht. Familie, Tod, Wut, Trauer, Betrug, Erziehung, Freundschaft, Vergebung und die industrielle, kapitalistische Verunstaltung des Paradieses, viele große Themen, die alle kurz beleuchtet werden, aber eben in für Payne ungewöhnlicher Stereotypisierung als thematische Schlagworte stehenbleiben, vor deren Hintergrund immer wieder das Verhältnis des Vaters mit seinen Töchtern ausgelotet wird. Die Zuspitzung zu dem Moment, in dem Matt auch die zehnjährige Scottie über das wahre Schicksal ihrer Mutter aufklären muss, wird einfach unterschlagen. Nicht Matt, sondern eine Krankenhauspsychologin überbringt die Botschaft in einer Sequenz, die, untermalt von monoton harmonischer Musik, eher besänftigend vorbeischwebt und ihren emotionalen Gehalt verschenkt. Eindringlich vermittelt wird die Problematik der Trauer im Grunde in nur einer Szene, als Alex im Pool abtaucht und in der Stille des Unterwasserdaseins stumm schreit. Vielversprechende Beziehungskonstellationen sind zwar im Film angelegt – die Ehe von Matt und Elizabeth, das Mutter-Tochter-Verhältnis zwischen der Sterbenden und Alex sowie die übergeordnete Familienstruktur –, bleiben aber in Andeutungen stecken.

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Der Film hat seine raren Glanzmomente, wenn Vater Clooney mit Tochters Stoner-Freund Sid (Nick Krause) über Erziehung und das Leben fachsimpelt oder Liebhaber Speer von Matt und Alex per double takedown zu Boden gebracht wird, und hält so die schwierige Balance zwischen Tragik und Komik – jedoch leider auf Kosten der unbeirrbaren Nonchalance, mit der Payne sonst so genussvoll seine Figuren zerlegt.

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Kommentare


koopa2104

Ein klasse Film! Den muss ich mir unbedingt anschauen :-)


Stefan Jung

Fand den Film ganz gut. Gerade die bewusste Ruhe in der Erzählweise und der ausgeblendete Zwang nach skurillen Gags (SIDEWAYS) oder Spannung haben mich beeindruckt. Kein flaches Feel-Good Movie, sondern ein berührendes. Und Clooney spielt wirklich klasse!


Leander

Eine oberflächliche Kritik. Bin von euch besseres gewohnt. Wenn ein Film es schafft, daß ich noch etwa eine halbe Stunde danach still dasitze und sinniere, dann ist er gewiss gut.


Frédéric

Klar, das ist ein Argument. Hätten wir dich vorher fragen müssen, ob der Film dich zum Sinnieren anregt ;-)
Ich konnte mit dem Film selbst wenig anfangen, glaube aber sofort, dass das bei anderen anders war. Vielleicht kannst du ja beschreiben, wieso ...


sk

Wenn es ein Film schafft, dass ich ihn nach einer halben Stunde ausschalte, dann ist es vielleicht die bislang schwächste Regiearbeit von Alexander Payne...


Leander

@Frédéric
Was mich an der Kritik (und an anderen Kritiken) konkret stört (ansonsten ist die Kritik aber besser als fast alles was ich je geschrieben habe, ich bin eben nur in allen Punkten anderer Meinung), ist die Aussage, der Film sei "nicht so ironisch" wie sonst. Das meine ich mit 'oberflächlich'. Ich sehe das anders: Gerade weil der Film hier auf solche Skurrilitäten verzichtet, bringt er die ernste Thematik authentisch rüber. Der Regisseur ordnet seinen Stil der Thematik unter und das ist für die Botschaft, die er rüberbringen will, gut.

Dann ist da noch das mitreißende Spiel nahezu aller Darsteller, insbesondere Shailene Woodley (Tochter) und Robert Forster (Großvater).

Und schließlich wirkt der Film trotz der ernsten Thematik sehr leicht und nicht selten urkomisch, wofür insbesondere Nick Krause als Tochters Freund mit ähnlichem familiären Hintergrund sorgt.

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Ja ja, das passiert mir öfter, daß Leute sich in meiner Gegenwart zum 'wir' genötigt fühlen. Übrigens, Je öfter ein Manager 'Wir' statt 'ich' sagt, desto öfter lügt er, das haben Wissenschaftler jetzt herausgefunden. Siehe: http://www.spiegel.de/wirtschaft/geschoente-firmenberichte-forscher-entlarven-luegenmuster-von-managern-a-724179.html

@sk
Ich hab etwa eine Viertelstunde nach Filmbeginn eingeschaltet, vielleicht ist der Anfang ja ganz fürchterlich, das kann ich nicht beurteilen.






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