The Departed – Unter Feinden

Ein großartiger Genrefilm ist Departed – Unter Feinden (The Departed) auf jeden Fall. Und darüber hinaus zweifelsohne Martin Scorseses größter Wurf seit Casino (1995). Der Regiealtmeister wird der Vorlage Infernal Affairs gerecht. Einer der Reize des stargespickten Polizeifilms ist das Spannungsfeld aus Nähe zum Originalstoff und eigener Akzentuierung.

The Departed – Unter Feinden

Rats – Ratten. So werden Spitzel im amerikanischen Slang genannt. Die Tradition der verdeckten Ermittler im Hollywoodkino ist groß. Serpico (1973) und der Prince of the City (1980) haben gegen die schwarzen Schafe in den eigenen Reihen ermittelt. Sonny und Rico waren noch kürzlich in Miami Vice (2006) im Einsatz gegen Drogendealer. Immer geht es in diesen Geschichten um das übertreten unsichtbarer Grenzen, um das Loslösen von der eigenen Identität, bis hin zur Auslöschung. Verrat ist Verrat, ob im Guten oder im Bösen. Infernal Affairs (Wu jian dao, 2002) trieb das Spiel mit doppeltem Boden auf die Spitze, hetzte Polizeispitzel und Mafiainformant aufeinander los. Martin Scorsese hat sich dieses Originaldrehbuchs angenommen und ein Doppelgängerstück voller Spiegelungen gedreht.

„The Departed“ – „die Verstorbenen“. Schon im Titel steckt eine Doppelung. Er verhehlt keinesfalls, dass es viele physische Tode geben wird. Aber er spielt auch an auf die „Von-Uns-Gegangenen“, auf unruhige Seelen, die uns wie Geister vorkommen. Schon in seinem letzten Epos, dem Biopic The Aviator (2004) inszenierte Martin Scorsese seinen Hauptdarsteller Leonardo DiCaprio zunehmend wie einen wirren Geist. Einsam und paranoid, nicht von dieser Welt. Attribute, die auch auf seinen Billy Costigan zutreffen. Der möchte nichts sehnlicher als ein aufrechter Cop sein. Umso schmerzvoller ist die Anpassung an seine Unterweltumwelt, in die er eingeschleust wird. Verbrechen um Verbrechen muss er mitansehen und begehen, um das Vertrauen des irischen Gangsterbosses Frank Costello (Jack Nicholson) zu gewinnen. Doch der hat seinen eigenen Maulwurf bei der Polizei: Colin Sullivan (Matt Damon). Wer wird als erster den anderen enttarnen?

The Departed – Unter Feinden

Der Film eröffnet mit einer von Costello aus dem Off erzählten Rückblende. Die ist musikalisch unterlegt und zeigt ausgeblichene grobe Bilder. Unterstrichen durch den flüssig-schnellen Schnitt wird eine stilsichere fetzige Coolness erzeugt. Dieser Beginn gehört ganz Jack Nicholson, fast immer im Halbdunkel gehalten, beinahe wie Marlon Brandos überlebensgroßer Colonel Kurtz. Scorsese hat sich eine Starsammlung zusammengestellt, die bis in die kleinsten Rollen reicht und eine enorme schauspielerische Intensität garantiert. Dies hat einen besonderen Einfluss auf den Film, der beinahe eine ganze Stunde, also um knapp zwei Drittel länger ist als das Original. Während Infernal Affairs kompromisslos in wenigen Stationen auf das Finale zwischen den Spitzeln zusteuert, nimmt sich Departed sehr viel Zeit für zusätzliche Szenen, in denen Nebencharaktere etabliert und die Temperamente der Protagonisten ausgelotet werden können. Wo im Original viele Konflikte nur angedeutet werden, kommt es hier ständig zu Handgreiflichkeiten, Schlägereien und Gewaltexzessen, wie sie früher häufig Joe Pesci für Scorsese ausagierte.

The Departed – Unter Feinden

In Infernal Affairs geben sich beide Kontrahenten trotz wachsenden Drucks, vor allem auf Seiten des Polizisten, in ihrer Coolness keine Blöße. Der Gang zum Psychologen ist für den Cop dort tatsächlich nur eine Auflage. Billy hingegen hat den seelischen Beistand bitter nötig – und findet ihn ausgerechnet in der Frau seines unbekannten aber erbitterten Feindes. Dieser Eingriff in die Figurenkonstellation ist eines von zwei gravierenden Beispielen, die belegen, dass dem New Yorker Regisseur an einer Verlagerung auf das psychologische Spiel gelegen war. Er dramatisiert noch das Drama und betont gleichzeitig die Gleichartigkeit beider Antihelden.

Durch die vielen zusätzlichen Szenen erhält Scorseses Film einen komplett anderen Rhythmus, obwohl er alle entscheidenden Sequenzen der Vorlage übernimmt. Nicht nur das, auch die Handlungsorte sind geblieben: ob Büro, Kino, Hochhausdach, U-Bahn, Flughafengang oder Tiefgarage, alles findet sich wieder. Nur ist das spiegelnde Hochglanz-Hong-Kong hier einem dreckigen Boston gewichen. Die Verbrecher sind Iren und gebärden sich wie in Vorhof zur Hölle (State of Grace, 1992).

The Departed – Unter Feinden

Departed ist viel weniger ein waschechter „Scorsese“ als die amerikanische Übersetzung eines perfekt geschriebenen Genrefilms. Der Regisseur ordnet die Inszenierung der faszinierenden Geschichte unter, die er gleichzeitig psychologisch und physisch anreichert. Gerade mit Jack Nicholsons Rolleninterpretation droht dies manchmal das Gesamtunternehmen zu gefährden, wenn der allzu diabolisch und witzig sein ganzes Charisma und Können Richtung Kamera schleudert. Doch ausgerechnet DiCaprio und Damon lassen das Ruder nicht umreißen, sie können gar nicht in dem Sinne psychologisch agieren. Beider Spiel hat immer etwas Physisches, das Scorseses Überpsychologisierung die Stirn bietet.

„Heaven holds the faithful departed” steht auf einem Grabstein und scheint über die Leitmotivik hinaus beinahe das katholische Äquivalent zu dem buddhistischen Schlusstitel „Das ewige Sein ist die höchste Strafe“ in Infernal Affairs zu sein. Tatsächlich manifestiert sich in Scorseses Ende jedoch eine grundlegende philosophische Differenz zum Original. Wo sich dort im ahnungslosen Waisenkind der leidende Überlebende doppelt, bricht sich hier Rache und Töten bis zum ironischen Schlussbild Bahn: dem einer Ratte.

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Kommentare


Paul

ich empfand diesen Film als 2,5 Stunden reine Zeitverschwendung. Zu rüde, zu vorhersehbar, zu flach, zu schlecht. Kann mich in der obigen Perspektive daher nur schwer wiederfinden.


Reini Urban

Sehr gut beobachtete Kritik, mit einem würdigem Vergleich alt - neu.

Nur eins hab ich vermißt: Im Original gab es vom Script her viel mehr Buch-Hintergrund für die Figuren.
Beispiel 1: Der Gute trifft seine Ex-Freundin auf der Strasse mit 6-jähriger Tochter. Sie sagt ihm aber dass sie 5 ist.
Verstärkt seine Inneren Konflikte zu der Zeit. Gut, DiCaprio braucht diese Tricks nicht, der schafft es durch die Zeit die ihm Gegebn wird, seine Figur besser zu entwickeln als Andrew Lau.

Beispiel 2: Die Psychologin schreibt bei Lau an einem Buch über die multiplen Persönlichkeiten der zwei. Scorcese braucht das nicht (oder schnitt es heraus), weil die Figur auch so besser entwicklt wird als bei Lau.

Nur die "wortwörtliche" Übernahme der meisten filmischen Gags ist für Kenner störend.


Horst

Unbedingt ansehen! Jack Nicholson in Hochform. Spielt alle an die Wand. Auch Mark Wahlberg hat mir gefallen. Für mich einer der besten Filme in diesem Jahr. SO macht Kino Spass!


Peter

Klasse Film! Hat Spaß gemacht! Die drei Hauptdarsteller haben ihren Job sehr gut gemacht. Den Humor fand ich teilweise ziemlich genial! Gut gemacht - unbedingt rein gehen!


Surehand

Kann mich Paul nur anschließen: flache Story, viel Blut und Machosprüche - für mich ein FLOPP!!!


Martin Z.

Mögen sie in Frieden ruhen: the Departed – die Verschiedenen, die Verstorbenen, die die abgereist sind ins Jenseits.
Es ist wohl einer der spannendsten Thriller in Bestbesetzung (Leo, Matt und Jack) überhaupt. Schon die Ausgangssituation ist so angelegt, dass es nach der Einleitung zu knistern beginnt. Und dies wird aufrechterhalten, weil die Handlung jede Minute entweder in brutale Gewalt umschlagen kann oder die Tarnung auffliegt mit tödlichen Folgen. Und dann kommt das Unglaubliche: ein furioses Finale, in das man von einem Schocker in die nächste Überraschung stolpert, nur um dann wieder geschockt zu werden, weil man glaubt alles sei schon gelaufen. Eine atemberaubende Gewaltspirale in der wirklich viele ins Jenseits abreisen. Nichts für schwache Nerven.


MacDon

einfach großartig....ein film für die ewigkeit.....super story...klasse schauspieler...und nen irregeilen soundtrack......






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