Eine offene Rechnung

Ehre oder Wahrheit. Der neue Film von John Madden ist eine spannende Mischung aus Psychodrama und Agententhriller – und eine wunderbare Hommage an das Kino der 1960er und 70er Jahre.

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Eines vorweg: Eine offene Rechnung hat mit dem gleichnamigen, mit dem Friedenspreis prämierten Roman von David Grossman bis auf den deutschen Titel und den Schauplatz Israel nichts gemein. Das Drehbuch basiert auf dem israelischen Film Ha Hov (2007), der viermal für den renommiertesten Filmpreis des Landes nominiert und international verkauft wurde.

Berlin 1965. Die drei jungen Mossad-Agenten Rachel (Jessica Chastain), David (Sam Worthington) und Stephan (Marton Csokas) haben den Auftrag, den ehemaligen Nazi-Arzt Dieter Vogel (Jesper Christensen) ausfindig zu machen, der während des Zweiten Weltkriegs für die Verstümmelung und Ermordung vieler Tausend Juden verantwortlich war. Bei der Mission dient Rachel als Lockvogel und muss sich mehreren gynäkologischen Untersuchungen bei dem als „Doktor Bernhardt“ praktizierenden Monster unterziehen. Nach einem Zwischenfall geraten die Agenten in die missliche Lage, sich mit Vogel in einer kleinen Berliner Wohnung zu verschanzen. Es beginnt ein klaustrophobisches Psychoduell, das die vier Beteiligten trotz ihrer Professionalität und Disziplin seelisch und körperlich auszehrt. Regeln werden gebrochen, unkontrollierte Gewalt bricht aus.

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Bei der Wahl der Schauplätze beweisen Madden und Set-Designer Jim Clay ein gutes Gespür für Atmosphäre. Die dunkle, verfallene Wohnung in Ostberlin wird zum einengenden Käfig für Vogel und die jungen Agenten. Der Fluchtversuch am Geisterbahnhof ist einer von vielen inszenatorischen Höhepunkten des Films. Das Blickfeld der Kamera gibt sparsam den Blick auf kleine Details frei, ist an den Bewegungen der Hauptfiguren orientiert. Da stört es wenig, dass sich kleine historische Gestaltungsfehler einschleichen.

The Debt, der englische Originaltitel des Films, weist etwas präziser auf den inneren Konflikt der Protagonisten hin. Im Alter wollen sich Rachel (Helen Mirren), David (Ciarán Hinds) und Stephan (Tom Wilkinson) zum ersten Mal seit Jahren zusammen treffen. Doch die seit der „Vogel“-Mission 1965/66 verdrängte Schuld und Verleugnung bricht unerwartet wieder in ihr Leben ein. So pendelt der Film gekonnt zwischen dem moralischen Dilemma der Figuren und ihrem akuten Zugzwang, Handlungen bleiben – bis auf den etwas fragwürdig konstruierten Schluss – unvorhersehbar.

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Die zwei Zeitebenen, auf denen der Film erzählt, fügen sich motivisch und inszenatorisch hervorragend ineinander. Tonüberblendungen und Montage verbinden die Aktionen von erzählter Gegenwart und Vergangenheit gekonnt, , die Darstellung der alten und jungen Agenten ist gut aufeinander abgestimmt. In seiner superben Darstellung des Nazi-Doktors Dieter Vogel erinnert der Däne Jesper Christensen (bekannt als Mr. White aus Casino Royale (2006) und Ein Quantum Trost (Quantum of Solace, 2008) eher an Hannibal Lecter als den Zähne ziehenden Dr. Zell aus John Schlesingers Marathon Man (Der Marathon-Mann, 1976).

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Der Film übernimmt erfolgreich das Element der Suspense und lehnt sich so an die Filme des früheren Bond-Regisseurs Terence Young (From Russia with Love, 1963, Wait until Dark, 1967) an. Und vor allem in den Sequenzen der erzählten Gegenwart des Jahres 1997 entwickelt Eine offene Rechnung einen atmosphärischen, actionreduzierten Spionage-Subplot, der das für die Paranoia-Filme der 1960er und 70er Jahre typische Motiv der Angst aufgreift. So erinnert der überaus spannend inszenierte Thriller in seinen besten Momenten tatsächlich an Genre-Klassiker wie Sydney Pollacks Three Days of the Condor (Die drei Tage des Condor, 1975).

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Kommentare


dermeyer

sidney pollack nicht sidney lumet!!!
und was bitte hat the debt mit three days of the condor gemeinsam? oder überhaupt mit dem paranoia kino? doch wohl eher wenig...
wenn die agenten laut das deutschlandlied in ostberlin auf dem klavier spielen und dazu auch noch singen, wäre aber so was von schnell die stasi oder polizei dagewesen, und bei dem gräuchlichen akzent wären sie sofort verhaftet worden. aber das sind nur einige einwände gg einen soliden film, der stellenweise recht gut ist, aber im gesamten doch nicht 100% überzeugt. zu sehr schwankt er zwischen drama und thriller, und am ende muss die gerechtigkeit natürlich siegen. trotzdem nicht schlecht, aber mit vielen schwächen


Frédéric Jaeger

Vielen Dank für den Hinweis. Der Fehler ist korrigiert.


Stefan Jung

Auch erst einmal danke für den Fehlerhinweis!
Zum Paranoia-Kino: Ich vergleiche den Film hinsichtlich Three Days of the Condor, nicht in erster Linie weil er vielleicht in dieser Zeit bzw. kurz danach spielt, sondern weil The Debt vor allem in der zweiten Hälfte eine merklich andere Atmosphäre als zu Beginn entwickelt. In dieser Atmosphäre sehe ich tatsächlich große Ähnlichkeiten mit Condor oder auch Marathon-Man: Die vielen Aufnahmen im Halbdunkel bleiben ja, hinzu kommt eine immer stärkere Konzentrierung auf die anfänglich zunächst subtil aufgebaute Schuld-und-Sühne-Konstellation, v.a. der Hauptfigur (auch Turner in Condor muss sich im Lauf der Geschichte zunächst verdrängten Fakten stellen), sowie allgemein die Bewältigung der eigenen Vergangenheit. Im Detail würde ich dann verstärkt den Aufbau von Suspense (den ich ja bei den Filmen Youngs noch einmal anspreche) hinzuziehen: Viele Szenen in The Debt sind hinsichtlich Figurenbewegung und Raumdarstellung sehr sorgfältig durchkomponiert, die eine innere Angst der Figuren ohne Weiteres in physische Paranoia übersetzen.
Auch wenn ich der Meinung des ersten Kommentars hinsichtlich - allerdings weniger - Schwächen zustimme, möchte ich noch auf eine Szene relativ zu Schluss verweisen: Auch wenn, wie ich ja bereits in der Kritik schrieb, das Ende alles andere als perfekt ist, sind selbst hier einige Bildmotive (z.B. der extrem kurz erscheinende Dr. Vogel auf der Treppe) doch ganz gut aufeinander aufgebaut, die generelle Dramaturgie mal außenvor gelassen. Ich finde, der Film erzeugt Spannung durch langsam aufeinander aufbauende Bildsequenzen, diese allgmeine Atmosphäre wirkt einengend und ausweglos. Natürlich ist es klar, dass die Hauptfigur nicht aus der ihr zugeschriebenen Rollenfunktion herausbrechen darf, gerade darin liegt das moralische Dilemma und die beklemmende Spannung des Films.
Zum Akzent: Keine Ahnung, die Presse-Vorführung war leider auf deutsch.






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