The Dead Lands

Krudes Coming-of-Age im vorkolonialen Neuseeland: Der Regisseur Toa Fraser folgt einem jungen Maori, der seinen Stamm rächen soll.

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The Dead Lands ist eine Erzählung, die bei aller Liebe des Machers zur Folklore (gleichwohl der Zuschauer die anthropologische Präzision nicht zu beurteilen vermag) erstaunlich universell anmutet. Zwar werden hier die Augen diabolisch weit aufgerissen und die Zungen ausgestreckt, das menschliche Fleisch am Lagerfeuer verspeist und die Toten zurate gezogen; doch sieht man von diesen – sehr großzügig in den Film gestreuten – Eigentümlichkeiten ab, so gelangt man zum Grundgerüst eines Lebensabschnitts, für den fast unentwegt Menschen auf der ganzen Welt Bilder und Worte finden. Denn The Dead Lands ist in erster Linie kein indigenes Kuriositätenkabinett, sondern eine Initiationsgeschichte: die kindliche Geborgenheit verlassen, sich der Außenwelt und ihren Gefahren aussetzen, die eigene Identität gleichermaßen freilegen und gestalten, mit den tradierten Vorstellungen ringen und große Abstrakta – Mut, Ehre, Treue – aufs Neue aushandeln. Eine Geschichte des Menschwerdens, verdichtet in der Gestalt Hongis (James Rolleston), des fünfzehnjährigen Maori mit den traurigen Augen, der – natürlich – so gar nicht Krieger ist.

Antiheld mit Auftrag

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Die Handlung ist schnell nacherzählt und von einer dem Film dann doch ganz zuträglichen Eindeutigkeit: Der Stammeshäuptling Tane (George Henare) empfängt auf seinem Land Angehörige eines ehemals verfeindeten Stammes, damit die jungen Männer ihrer unweit im Kampf getöteten Ahnen gedenken können. Anders als Tane, der voller Friedenseifer die Fremden willkommen heißt, sind Letztere, allen voran bad boy Wirepa (Te Kohe Tuhaka), auf Krieg aus. Der ruhmfixierte Schönling bezichtigt Hongi, das Andenken seiner Ahnen geschändet zu haben, und im Nu ist Hongis Stamm niedergemetzelt. Unter den Männern überlebt einzig Hongi, zur Rache verpflichtet. Nun hat der kleine Antiheld einen persönlichkeitsformenden Auftrag und rennt den Bösen hinterher. Mit den Worten „Wenn ich nicht zurückkomme, dann erzählt Geschichten über mich“ verabschiedet er sich von seiner Schwester.

Der Widerspruch des zivilisierten Kriegers

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Es wäre müßig, The Dead Lands diese aus dem Boden gestampfte Exposition – die freilich ihren Zweck erfüllt – vorzuwerfen, denn der Film ist, ganz wie Wirepa und seine Schergen, auf Krieg aus. Er hält den Stillstand nicht aus, immer wird vorangeschritten; wie Raubtiere eilen die Kämpfer mit großem Blätterrascheln durch den Wald. The Dead Lands findet seinen Schwerpunkt nicht in der Betrachtung menschlicher Motive, sondern in ihrer rohen Zufleischwerdung, in ihrem körperlichen Aufeinanderprallen. Zu einem überwältigenden Großteil besteht der Film aus Verfolgungsjagden und Kampfszenen. Nicht zu übersehen ist das Bestreben des Regisseurs, die Kampftechniken der Maori zu würdigen. Die Kamera findet sichtlich Gefallen an der nicht zu leugnenden Ästhetik des Zweimanngefechts und seiner Rituale, sie veredelt sie zu einer Kunst. Dasselbe Interesse bringt sie aber auch schonungslos den verletzten, den geschundenen, den dahinsiechenden Körpern entgegen.

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Damit macht sie – beabsichtigt oder nicht, das sei dahingestellt – einen Widerspruch sichtbar, den man den des zivilisierten Kriegers nennen könnte und der natürlich weit über den Kreis der Maori hinaus besteht: Wie kann etwas, das auf so destruktiven Trieben beruht, eine der Kunst so ähnliche Form annehmen? Wie kann der archaische Gewaltausbruch dermaßen kodifiziert worden sein? Warum im Töten, dem größtmöglichen Verneinen des Rechts, dieser Anspruch, die Regeln einzuhalten? In The Dead Lands stehen diese Fragen viel eher im Vordergrund als Hongis Gewissenskonflikt, der sich voraussehbar zum Schluss in einer edlen Geste auflöst und nach zwei Stunden vergnüglichen Gemetzels weismachen soll, dass Töten ja gar nicht gut ist.

Den Blick fangen

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Das Märchen vom guten Sonderling, der eine große Aufgabe zu bewältigen hat und dabei en passant zum Mann heranreifen wird, wäre natürlich nicht vollständig, wenn es keine Helferfigur gäbe. Die findet Hongi in einem namenlosen Kannibalen (Lawrence Makoare), der in den titelgebenden, anrüchigen Dead Lands lebt, wo ein ganzer Stamm ausgelöscht worden sein soll. Tatsächlich ist der alte Mann, der zur Genüge mit seiner wahnwitzigen Ausstrahlung spielt, der Einzige, der die Gut-Böse-Dichotomie herausfordert, mit der sich sonst der ganze Film lesen lässt. Er frisst Hongi nicht, sondern lehrt ihn die Kampfkunst, und in haarsträubender Geschwindigkeit ist der Junge zum Meister aufgestiegen, bereit zum Zweikampf, auf den der Film von den ersten Minuten an gradlinig zielt. So hangelt sich The Dead Lands beständig an diesem einen Handlungsstrang entlang. Zerstreuung findet er lediglich in der mit Abstand kuriosesten Szene des Films, einem Kampf zwischen dem alten Mentor und einer Kriegerin (tatsächlich der einzigen im ganzen Film), die so sexy auftritt, dass sie ganz in einer Reihe steht mit den beeindruckenden Naturaufnahmen und den hypergewalttätigen Kämpfen: Hauptsache Eyecatcher.

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