The Day He Arrives

Der Regisseur aus Hong Sang-soos neuem Film verfängt sich in einem Netz aus Wiederholungen und Variationen. 

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Der Filmemacher Sungjoon (Jun-Sang Yu) kommt in einem Randbezirk von Seoul an. Seine Stimme aus dem Off erklärt, dass er einen Freund besuchen möchte. Als dieser zunächst keine Zeit hat, schlendert der Regisseur durch die winterlichen Straßen. Erst spricht ihn eine Schauspielerin an, später betrinkt er sich mit einer Gruppe von Filmstudenten und weint sich bei seiner Ex-Freundin aus. Schließlich trifft er seinen Freund doch noch, zusammen mit einer Bekannten. In einem Lokal kommt es zu einem von vielen Abenden, an denen geredet, getrunken und geliebt wird.

Hong Sang-soo etabliert mit diesen ersten Szenen von The Day He Arrives (Book chon bang hyang) ein Personenrepertoire, das immer wieder neu zusammengesetzt wird. Mal versucht es der sprunghafte Protagonist mit der Bekannten seines Freundes, später mit der Besitzerin des Lokals. Dem Film liegt die Annahme zugrunde, dass alle Begegnungen nach einem Zufallsprinzip erfolgen. Seinen Trinkkollegen erklärt der Regisseur dieses Konzept am Beispiel einer umgestoßenen Tasse. Nicht ein ungeschickter Mensch sei dafür verantwortlich, sondern eine Kette zufälliger Ereignisse. Dementsprechend haben die Figuren kaum Entscheidungsgewalt über ihr Schicksal, sondern werden durch wechselnde Umstände immer wieder in neue Situationen getrieben. Mit seinen kontrastarmen Schwarzweißbildern und der in Moll gehaltenen Klaviermusik ist der Film darüber hinaus von einem melancholischeren Grundton geprägt als frühere Arbeiten des Regisseurs.

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Hong entwickelt eine komplexe Struktur, die bis zum Ende nie ganz offen gelegt wird. Durch den Einsatz von Wiederholungen und motivischen Doppelungen lässt sich nicht einmal erschließen, über welchen zeitlichen Rahmen sich The Day He Arrives erstreckt. Sind sich die Tage einander wirklich so ähnlich, oder erlebt Sungjoon wie Bill Murray in Und täglich grüßt das Murmeltier (Groundhog Day, 1993) denselben Tag nur immer wieder aufs Neue, als Variation mit denselben Parametern? Viele Details sprechen für Letzteres, etwa die Restaurantbesitzerin, die dem Filmemacher gleich mehrmals vorgestellt wird, ganz geht aber auch diese Lesart nicht auf.

Wie die Szenen in The Day He Arrives sind auch die Filme Hongs stets Abwandlungen derselben Figuren- und Handlungselemente: Die Protagonisten schwadronieren und trinken Reiswein in großen Mengen, es kommt zu Seitensprüngen, und bei den Helden handelt es sich um etwas wehleidige Künstler mit mangelndem sozialem Feingefühl und einem Hang zur Unentschlossenheit in Beziehungsfragen. Ein formales Markenzeichen sind die abrupten Zooms, die teils ganz unvermittelt den Bildausschnitt vergrößern, teils auch einen emotionalen Wendepunkt akzentuieren. Mit ihrer Darstellung eines künstlerischen Slackertums sind Hongs Filme im Kleinen immer wieder präzise beobachtete Komödien über Schaffenskrisen und Beziehungsprobleme, stets mit einem besonderen Faible für gesellschaftliche Fettnäpfchen. Über ihre oft etwas ausufernde Länge wirken sie nicht selten geschwätzig und inhaltlich redundant.

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The Day He Arrives lässt schon die ungewohnt kurze Laufzeit von 80 Minuten dichter und konzentrierter wirken. Hong ist hier aber auch eine den Zuschauer herausfordernde Abwandlung seines gewohnten Sujets gelungen: ein Gedankenexperiment über die zahlreichen Möglichkeiten, die sich in einem beliebigen Tag verbergen. Auch wenn wir, Hong zufolge, keinen wirklichen Einfluss darauf haben, sie zu nutzen. 

Trailer zu „The Day He Arrives“


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