The Day After

Gefühlte Realität: In Hong Sang-soos zweitem Film auf dem Festival von Cannes beobachtet eine gläubige junge Frau ungläubig den emotionalen Schlamassel ihres Arbeitgebers für einen Tag. Der eigentliche Beobachtungsspezialist Hong wagt sich dagegen mal ins Innere einer Figur.

Als sich die junge Song Areum (Kim Min-hee) und der ältere Kim Bong-wan (Kwon Hae-hyo) kennenlernen, an ihrem ersten Arbeitstag in seinem kleinen Verlag, da muss die Kamera noch ganze Arbeit leisten. Im Profil nimmt sie die beiden in den Blick, die sich in einer Couchecke des Büros gegenübersitzen, schwenkt (!) von Areum zu Bong-wan und wieder zurück, während erstere ihre Familienverhältnisse auf den Tisch legt, von ihrem verstorbenen Vater und ihrer verstorbenen Schwester erzählt. Bis diese Kamera sich schließlich irgendwann beruhigt in die Distanz zurückzieht und beide ins selbe Bild aufnimmt, Areum links, Bong-wan rechts, nach getaner Arbeit, nach vollzogener Bekanntmachung.

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Es wird Areums erster und letzter Arbeitstag im Verlag sein. Aber irgendwann, in einer weder durch Dialogzeilen noch Zwischentitel näher bestimmten Zukunft, kommt sie auf einen Besuch im Büro vorbei, die beiden sitzen wieder am selben Tisch, die Kamera bleibt gleich in der entspannten Distanz, muss keine Arbeit mehr leisten, niemanden mehr miteinander bekannt machen, kann sich in Ruhe auf den neuesten Stand bringen lassen. Als Areum aber allmählich gewahr wird, dass Bong-wan sich überhaupt gar nicht an sie erinnert, da wird auch diese Kamera nochmal aus der Fassung gebracht und zu einem ungläubigen Zoom gezwungen. Bong-wans peinliche Gedächtnislücke dürfte auch psychologische Gründe haben, dazu später mehr, aber es ließe sich auch sagen, dass Hong Sang-soo die zeitlichen Ebenen von The Day After derart unmarkiert belässt, dass selbst das Bild nicht so recht weiß, was eigentlich Sache ist.

Bewegung des Fühlens

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Dieser Film hat wenig zu tun mit Hong’schen Strukturspielereien, mit doppelten Böden, multiplen Identitäten, Parallelwelten, zweiten Chancen oder Möbiusschleifen. Vielmehr folgt The Day After konsequent einer Bewegung, die sich im Inneren Bong-wans vollzieht und der handlungslogischen Einteilung in Vergangenheit, Gegenwart (und Zukunft?) gegenüber indifferent ist. „Worte können doch niemals die Realität fassen“, erklärt der Verleger seiner neuen Mitarbeiterin beim Lunch an ihrem ersten Tag, und als Areum fragt, woher man überhaupt wisse, dass es eine Realität gebe, erwidert Bong-wan nicht gänzlich überzeugt, dass man sie halt fühle.

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Die Bewegung von The Day After ist „halt gefühlt“, und weil Bong-wan an diesem Tag, um den herum der Film gebaut ist, noch ziemlich durcheinander ist, fühlt der Film erstmal keinen Halt: Er beginnt damit, dass Bong-wan, während er sein Frühstück schlürft, von seiner Frau (Cho Yunhee) gefragt wird, ob er eine Affäre mit seiner Mitarbeiterin hat und deshalb stets so früh das Haus verlässt, und dann folgen Fragmente, die man nur allmählich in Gegenwärtiges und Vergangenes zu sortieren vermag, bevor klar ist: An diesem Tag, an dem Areum für ihn zu arbeiten beginnt, hat Bong-wan keine Affäre mit seiner Mitarbeiterin, sondern hatte eine und betrauert ihr Ende, hat noch einen ganzen Monat gewartet, bevor er eine Nachfolgerin eingestellt hat. Seine Frau, die an diesem Tag einen Liebesbrief findet, wütend ins Büro kommt und der ahnungslosen Areum eine saftige Ohrfeige verpasst, liegt also in der Sache richtig wie in der Adressierung falsch. Die Nebenfiguren sind so clueless gegenüber der Zeitstruktur des Films wie die Kamera.

Neugier am Selbst

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Weil da kein Gedankenspiel im Hintergrund steht, das Hong seine Figuren durchführen lässt, keine Welt von außen gesetzt, sondern eine innere projiziert wird, passen auch das melancholische Schwarzweiß des Films und die für Hong-Verhältnisse häufigen Close-ups zur Stimmung von The Day After, eine Stimmung, die nochmals eine andere Färbung bekommt, als Affäre Chang-sook (Kim Sae-byuk) am Nachmittag dieses Tages wieder zurückkommt und Liebe wie Job zurückfordert. „Ich kann nicht glauben, dass du Persönliches und Berufliches nicht trennst“, lässt Hong in dieser Szene die irritierte Areum sagen, die von Kim Min-hee gespielt wird, jener Frau, derentwegen sich der Regisseur selbst vor zwei Jahren von seiner Frau getrennt hat. Ein bisschen geht also auch hier die Verarbeitung des eigenen Lebens weiter, die in On the Beach at Night Alone zuletzt so stark im Vordergrund stand. Aber autobiografische Linien verknoten sich in Hongs Filmen niemals zu Geschwüren von Geständnis, Selbstmitleid oder Reue. Sie zielen nicht auf Rechtfertigung, sondern höchstens auf Neugier am Selbst.

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Dementsprechend verkörpert Kim Min-hee als Areum auch gerade nicht den romantischen Fluchtpunkt dieser Geschichte (höchstens ihrer Zukunft), sie ist die Beobachterin für einen Tag, die zufällig in Bong-wans emotionalen Schlamassel gerät, über diesen Schlamassel mal amüsiert lächelt, mal fassungslos den Kopf schüttelt oder die „negative Energie“ im Verlag spürt, aber selbst eben nicht involviert ist, niemals vom musikalischen Leitmotiv getröstet werden muss, das die trunken-verzweifelten Gefühlsausbrüche von Bong-wan und Chang-sook begleitet. Areum geistert durch diesen Film als Gläubige (an Gott, was für sie nur heißt: daran, dass sie nicht Herrin ihrer selbst ist, daran, dass sie jeden Tag sterben kann, daran, dass eigentlich alles okay ist). Areum kurbelt im Taxi das Fenster runter und betet, weil es schneit. Und Areum wird in der letzten Szene leichtfüßig aus dem Film spazieren, während ihr ein Postbote entgegenkommt, der auf dem Weg in Bong-wans Büro ist, mit einem Paket, das ganz schön schwer aussieht.

Trailer zu „The Day After“


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