Der dunkle Turm

Irgendwie über die Bühne bringen: Nikolaj Arcels Adaption des Romanzyklus von Stephen King, zieht immer hastig weiter, bevor sie irgendeinen Unsinn anrichten kann.

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Armer Walter. Da streift er durch Wüsten und Großstädte, durch Welten und Dimensionen, und muss immer und überall eine Rolle ausfüllen, für die er nicht gemacht ist und die ihn in seinem Innersten auch nicht interessiert: die Rolle eines kosmischen Bösewichts, eines Agenten des Chaos, eines Abgesandten des Leibhaftigen. Pflichtbewusst verzieht er das Gesicht immer wieder zu einem diabolischen Grinsen oder wendet sich mit bemühter Leichtigkeit von einer eben begangenen Grausamkeit ab. Doch in Wahrheit ist es nur mehr sein in großen Bögen umherwehender Mantel, der einen letzten Rest an bedrohlicher Energie ausstrahlt. Früher, da entfaltete dieses Schauspiel wohl noch eine gewisse Wirkung, da wurde er noch ehrfürchtig der „Mann in Schwarz“ genannt, doch jetzt heißt es aus allen Mündern nur mehr „Walter“ – langweilig, bieder, ein Dutzendname für eine Dutzenderscheinung.

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Denn im Grunde ist Walter in Der dunkle Turm nur noch Manager im Mittelbau, ein bloßer Vollstrecker des in ominösen Schriftzügen angerufenen Scharlachroten Königs, dessen kosmisches Zerstörungswerk er nach außen hin vertreten muss, ohne dabei jedoch selbst irgendeine Gestaltungsmacht inne zu haben. Eigene Vorhaben sind nicht erwünscht, ein eigener Wille und eine eigene Persönlichkeit somit auch nicht vonnöten, und so ist Walter lediglich ein entkerntes Wesen am Ende seiner Laufbahn. Doch ein paar letzte Kraftreserven sind ihm noch geblieben, nicht genug für einen wahrhaft souveränen Auftritt, das nicht, doch grad genug, um die eigene Mittelmäßigkeit mit Würde zu tragen. So kümmerlich es auch aussehen mag, wenn Walter während eines großen Showdowns wild mit den Armen fuchtelt und irgendwelche Trümmer durch die Gegend fliegen lässt – man wird ihm dennoch nicht den Vorwurf machen können, er würde aus seinen begrenzten Fähigkeiten nicht das Beste machen.

Ein Film, der stets das Nötigste tut

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Das Schicksal des Walter Padick (Matthew McConaughey) ist in gewissem Sinne auch das Schicksal des Films: Nikolaj Arcels Der dunkle Turm scheint von Anfang an schmerzhaft von der eigenen Minderwertigkeit überzeugt zu sein, verwendet deshalb seine ganze Kraft ausschließlich darauf, nicht zu einem vollkommenen Fiasko zu werden, das den Ruf aller Beteiligten nachhaltig beschädigen könnte. Das eigene Scheitern wird vom ersten Augenblick an rückhaltlos akzeptiert, und das einzig verbliebene Ziel besteht nunmehr darin, dieses Scheitern einigermaßen würdevoll über die Bühne zu bringen. Dass dieses Ziel weitgehend erreicht wird, ist die eigentliche Tragik des Films: Nie kommt es zu offenkundigen Peinlichkeiten, zu Momenten des vollkommenen Kontrollverlusts, zu tiefen Brüchen oder lachhaften Widersinnigkeiten. Unbeirrt von der eklektischen Eigenartigkeit des Ausgangsmaterials entfaltet der Film einen gerade so hinreichenden Spannungsbogen, stattet das Verhalten der Figuren mit leidlich nachvollziehbaren Motivationen aus und platziert wohldosiert ein paar Witze, um den Anforderungen eines minimalen Frohsinns inmitten all der grimmigen Schicksalshaftigkeit Genüge zu tun. Der Film macht stets das Nötigste und zieht dann sofort hastig weiter, bevor er irgendeinen Unsinn anrichten kann.

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Dabei ist der mythologische Hintergrund, vor dem sich die Handlung des Films abspielt, geprägt von einer geradezu unbändigen Vielfalt an Kreaturen, Motiven und kosmischen Zusammenhängen. Ein Universum, dessen multiple Welten sich wie ein Rad um den titelgebenden dunklen Turm scharen; bedrohliche Wesen, die ihr eigentliches Antlitz stets hinter übergestülpten menschlichen Gesichtern verbergen; der Orden der Revolvermänner als ungeordnete Kreuzung von Western- und Rittermythen – all dies bildet einen völlig überdimensionierten Rahmen für eine Geschichte, die in eineinhalb Stunden mal schnell so wegerzählt wird. Doch jede Art der belebenden Unordnung, die mit dieser Überfülle an Material einhergehen könnte, wird in Arcels Film konsequent ruhiggestellt, die Verweise auf einen unüberblickbar weiten Kosmos bleiben eben das: Verweise, ohne jede Eigendynamik.

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So präsentiert sich Der dunkle Turm in erster Linie als eine bloße Souvenirsammlung. Ein gerahmtes Foto des Overlook-Hotels aus Stanley Kubricks Shining, ein verlassener Vergnügungspark, der den Namen des bösen Clowns aus Stephen Kings Es trägt, oder die Motive aus der immerhin achtbändigen Romanvorlage, die nur in einem Halbsatz kurz erwähnt werden – sie alle sollen Erinnerungen wachrufen an frühere, interessantere und prägendere kulturelle Erfahrungen. Es ist, als würde der Film durch diesen permanenten Bezug auf seine weitverzweigte und zum Teil ruhmreiche Verwandtschaft die eigene Untätigkeit für unerheblich erklären wollen – wie ein müßiger Sohn, der den Ursprung des Reichtums nicht versteht, den er leichtsinnig und gedankenlos verprasst.

Unfertige Söhne, hilflose Väter

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Tatsächlich wird Der dunkle Turm auch inhaltlich von unfertigen Söhnen geprägt. Die Figuren dieses Films verlieren ihre Väter in der Regel früh und auf traumatische Art und Weise, und vielleicht rufen sie auch deswegen immer wieder ihre Gesichter an. Doch die permanent wiederholte Ermahnung, man möge sich an das Gesicht seines Vaters erinnern, um sich so die eigene Ehrhaftigkeit zu bewahren, erscheint irgendwann nur noch als verzweifelter Versuch, den unkontrollierten Einfluss der Väter auf das eigene Leben zumindest auf ein beherrschbares Maß einzuhegen. Die Achtung, die man dem Vater schuldig ist, soll auf eine standardisierte Wortfolge ausgelagert werden, damit man frei ist für eine zumindest ansatzweise eigenständige Existenz. Doch eine derartige Eigenständigkeit, das deutet Der dunkle Turm in ein paar vereinzelten Momenten an, ist ein unerreichbares Ziel, eine reine Fiktion. Roland Deschain, der letzte Revolvermann (Idris Elba), dessen Vater vor seinen Augen starb und der nun von einem ganz unpersönlichen, ihn wie eine Naturgewalt hinfort tragenden Drang nach Rache beseelt ist, kann sich von dieser traumatischen Fessel erst freimachen, als er – ohne dass er dies bewusst gewollt oder sich dazu entschlossen hätte – zum Ersatzvater für den jungen, verwaisten Jake Chambers (Tom Taylor) wird.

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Der Sohn hört erst auf, Sohn zu sein, wenn er zum Vater wird, das menschliche Dasein ist immer eingespannt in die Beziehung zu einer Generation, die nicht die eigene ist, eine Beziehung, die unweigerlich von Hilflosigkeit geprägt ist – hilflose, weil grenzenlose Abhängigkeit oder hilflose, weil grenzenlose Fürsorge. Wirkliches Interesse für diese Dynamik bringt Arcels Film natürlich nicht auf, dazu ist er zu sehr auf das eigene Gleichgewicht bedacht, aber trotzdem blitzt sie ab und zu scharf hervor. Die Wirrnis eines über Jahrzehnte in plötzlichen Schüben und vielfältigen Windungen gewachsenen mythologischen Gebildes, sie lässt sich auch durch den strengsten Willen zur Haltung nicht gänzlich im Zaum halten.

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