The Dark Knight Rises

Lektionen in Demut – Wenn Superhelden niemanden zum Retten haben.

The Dark Knight Rises

Die letzthin so allpräsenten Superhelden hatten schon immer ein gestörtes Verhältnis zum gewöhnlichen Leben. Das ist auf den ersten Blick eine Selbstverständlichkeit, denn als Superman vor nur mehr 80 Jahren zum Sprung ansetzte, erhob er sich über die depressionsgeplagten Vereinigten Staaten und wurde alsbald zur Projektionsfläche für vielerlei Sehnsüchte nach klaren Verhältnissen wie nach der Flucht vorm leidigen Alltag. Darin lag ja der Reiz am Übermenschen, dass er mehr ist und stärker und klüger als wir Normalos. Aber ganz abschütteln konnten die Superhelden die mediokre Masse nie, war diese doch zugleich ihre rettungs- und schutzbedürftige Daseinsberechtigung. Und seitdem kämpften die Helden nicht nur mit den Superbösewichten, sondern immer auch mit ihrem Bild des Normalbürgers.

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Dieser Kampf nun hat mit The Dark Knight Rises, Christopher Nolans Abschluss seiner Batman-Trilogie, ein ernüchterndes und verheerendes Ende gefunden. Die Frage, wo in unserer stark diversifizierten Gesellschaft der richtige Ort für einen Fledermausrächer sei, war ja einer der roten Fäden der ersten beiden Teile (Batman Begins, 2005; The Dark Knight, 2008). Und nach dem Plastik- und Pappmachébombast der Burton- und Schumacher-Filme legte Nolan alles daran, Batman auf den Boden der Tatsachen zu holen. „Authentizität“ lautet die Direktive, mit einem Gotham City, das seine Ähnlichkeit zum echten New York immer weniger verhehlte, mit psychologisch „realistischen“, das heißt widersprüchlichen und zweiflerischen Helden, und mit klaren Verweisen auf tagesaktuelles Geschehen, inklusive eines autoritären und korrupten Regimes und der ins Verderben gleitenden kapitalistischen Wirtschaftsweise. Doch dieser Wirklichkeitsbezug war von Anfang an verlogen.

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Man darf keinesfalls einen Glaubwürdigkeit heischenden Look mit einer um wahrhaftige Lebensnähe bemühten Inszenierung verwechseln. Ersteres hat Nolan in The Dark Knight für den Superheldenfilm perfektioniert, Letzteres hat er in keinem seiner Filme wirklich herzustellen vermocht. Es scheint, als begreife Nolan das normale Leben schlicht und ergreifend nicht und könne ihm doch nicht den Rücken zuwenden. Schon in seinem Debüt Following (1998) ließ er einen leicht desorientierten und vereinsamten Schriftsteller wildfremde Menschen verfolgen, ihren Alltag ausspionieren wie eine mysteriöse, letztlich unerklärliche Welt. Dieser distanzierte, verständnislose Blick auf das Alltägliche eint alle Nolan-Filme, und so zerfetzte der Brite seither in Filmen wie Memento (2000) und Inception (2010) lieber Chronologie, Realitätseben und Figurenpsychologie, auf dass sich so etwas wie Gewöhnlichkeit gar nicht erst ereignen könne.

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Die Absenz des Ordinären wird Batman (Christian Bale) in The Dark Knight Rises nun zum Verhängnis. Nach einigem Hin und Her hat der Film in einer guten Stunde sein Szenario entworfen: Da gibt es eine Gruppe Terroristen, angeführt vom maskierten und bärenstarken Bane (Tom Hardy), die mithilfe einer scharfen Atombombe ganz Gotham City in Geiselhaft nimmt. Der Film wiederholt die Gigantomanie der Aktion wieder und wieder: 12 Millionen Geiseln! Der Timer an der Bombe tickt, etwas mehr als 50 Tage bis zur Detonation. Batman liegt währenddessen mit gebrochenem Kreuz in einem düsteren Gefängnis (das frappierend an jenes aus David Thowys The Chronicles of Riddick (2004) erinnert) und braucht Zeit zur Rekonvaleszenz. So sind Gothams Bürger auf sich alleine gestellt. Für gute zwei Monate. Doch wer sind diese Bürger?

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Immer wieder werden sie in allen drei Filmen beschworen, wie eine mythische, wankelmütige Macht: Gierig sind sie, mit einem Hang zur Lethargie, orientierungslos ohne Leitung, schutzlos ohne Helden. Und nun sitzen sie zwei Monate auf einer Insel, während ein Terrorist die Anarchie ausruft. Die Armen sollen die Macht übernehmen, die Zeit der Geldherrschaft sei vorüber. Gleiches Recht für alle! Der erste terroristische Akt besteht in einer Attacke auf die Börse: Die feuchten Träume der Occupy-Bewegung sind in Erfüllung gegangen. Doch es passiert: nichts. Kein Escape from New York (John Carpenter, 1981), keine wilde Orgie der Zerstörung, keine Revolution von unten. Die normalen Menschen, sie harren aus, während die gesamte Polizei in der Kanalisation festsitzt.

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Dann kommt Batman und befreit die Ordnungshüter, woraufhin sich diese in einer haarsträubend reaktionären Szene zu einem allbereiten Demonstrationszug formieren. Die Terroristen fahren mit Panzern auf, brüllen „Versammlung auflösen“ in die Megafone, das Hütchen-wechsel-dich-Spiel ist vollbracht. Und noch immer bleiben die 12 Millionen abzüglich einiger Hundert in ihren Häusern. Nolan war bisher stets ein weltfremder Nerd, der seine Szenarien lieber immer weiter verkomplizierte, als klar Stellung zu beziehen. Diesmal tut er’s, und es verschlägt einem den Atem angesichts der Unverblümtheit, mit der hier einer Fraktion (den „Empörten“, der Occupy-Bewegung) ihre Bilder geraubt und ihren Antipoden zugesprochen werden. Die wahren Aktiven, so wird suggeriert, diejenigen, die Veränderungen bewirken können, sind die Uniformierten. Oder die Maskierten. Der Rest darf hoffen und zuschauen.

Und so stürzt Batman, als Figur wie als Symbol, letztendlich über seine Schutzbefohlenen. Die Sinnfrage wird übermächtig, wenn man einem über weite Strecken untätigen Helden und einer nie aus dem Modus der Behauptung kommenden Krise zuschaut: kein Retter, keine zu Rettenden, also wozu das Ganze?

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Kommentare


Doc

Es ist leider ein Trend, dass Filmkritiker sich dadurch profileren wollen, dass sie einen Film (in diesem Fall die gesamte Trilogie) in Grund und Boden schreiben, der absehbar einer der interessantesten Filme des Jahres sein wird. Der Autor bemüht sich mit dem Verweis auf "wahrhaftige Lebensnähe" um einen Mythos aus der Frühzeit der Filmtheorie, der schon bei Krakauer & Co. nie funktioniert hat. Erklären kann er den Begriff auch nicht. Richtig ärgerlich ist, dass elementares Rüstzeug der Filmkritik nicht genutzt wird: Inhaltsangabe, historische Zuordnung, Würdigung der ästhetischen Mittel (u.a. Montage), darstellerische Leistungen etc.


Nino

@ Doc:
Zugegebenermaßen habe ich, nicht unabsichtlich, eine sehr beschränkte Perspektive gewählt, die vieles unerwähnt lässt. Aber ist es nicht manchmal besser, einen einzelnen Aspekt intensiv zu behandeln, anstatt alle Bestandteile eines Filmes abzuhaken? So lässt es sich wenigsten angeregter über diese eine Facette des Filmes diskutieren. Wer ein umfassendes Bild möchte, kann ja viele Kritiken lesen und dann für sich eine Schnittmenge bilden.
The Dark Knight Rises ist allerdings in mehr als dieser einen Hinsicht ein ziemlich mieser Film (daher Vorsicht mit ihrer Prognose), und wesentlich schlechter als sein großartiger Vorgänger. Denn das sollte nicht unter den Tisch fallen: dass hier eine Schwäche der ganzen Trilogie manifest wird, heißt nicht, dass alles andere in den übrigen Filmen schlecht ist. Nur warum sollte ich das hier erwähnen? Man muss seine Kritik ja nicht künstlich abfedern.
Was Ihren Einwand betrifft: "Wahrhaftige Lebensnähe" ist doch nun wirklich kein Mythos, und Sie scheinen da etwas durcheinander zu bringen, wenn Sie behaupten, Kracauer und Co. wären mit diesem Prjekt gescheitert. Es ging damals eher um eine automatische Wirklichkeitsabbildung nach dem Motto: "Kamera an, das Leben wird schon getroffen". Die ist allerdings zu Grabe getragen worden. Aber dass man durch gute und clevere Entscheidungen nah am Leben erzählen und dieses auch im Herzen treffen kann, dass sollte dem Kino doch nicht abgesprochen werden. Doch hier offenbart sich Nolan als Nichtskönner. Ich hatte gehofft, das mit dem Verweis auf seine früheren Filme auch angemessen zu erklären. Wenn das zu knapp ist, tut es mir leid.
Schauen Sie den Film, und dann urteilen Sie über seine Qualitäten. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass viele diesen einen für mich fundamentalen Aspekt vernachlässigbar finden. Und das ist mehr als okay, schließlich ist The Dark Knight Rises ja auch und vor allem ein Actionfilm, der wegen einiger Schludrigkeit in seiner Erzählung nicht zwangsläufig scheitern muss. Aber die Nolan-Batmans werden nun einmal auch abseits der Action sehr ernst genommen. Und da ist, so leid es mir tut, The Dark Knight Rises eine ziemliche Bauchlandung.


Doc

@ Nino
Ich werfe Ihnen nicht vor, dass Sie den Film nicht mögen, sondern dass die Kritik nicht meinen Standards genügt. Inhalt ist "Pflicht". Filmhistorische Aufarbeitung dto.: seit 2008 hat es weitere Comic-Verfilmungen gegeben, die sich zwischen Arthouse und Mainstream bewegen. Das kann man aufarbeiten. Formale Eigenschaften: Leser sind von Critic.de sind aus guten Gründen etwas ambitionierter. Also etwas mehr über die Erzählstruktur, die Montage, die Bildästhetik.
Bei Krakauer kann ich mich sicher irren, obwohl ich einmal ein Buch über die Mythen des Filmrealismus geschrieben habe. Ist schon einige Jahrzehnte her. Aber mit der "automatischen Wirklichkeitsabbildung" ist die Sache im Kern nicht getroffen. Krakauer sind (übrigens ähnlich wie Bazin) mehr oder weniger offen erkennbare Implikationen nachzuweisen, die in einer bestimmten philosophischen Tradition stehen und Mutmaßungen über das "Wesen" des Films vortragen. Dies hat mich immer schon misstrauisch gemacht: Platon lässt grüßen.
Ersparen wir uns eine Debatte über den Mythos: dieser erhält seinen Wahrheitsanspruch nicht immer durch eine rationale Beweisführung.
Wenn Sie in einer Kritik etwas einfordern, was die Comicverfilmung als Genre mit eigenem Anspruch nicht einlösen kann ("wahrhaftige Lebensnähe"), dann sollte man das schon erläutern. Ist "Ladri di biciclette" nun wahrhaftige Lebensnähe oder etwa "The Tree of Life"? Ich hoffe, Sie verstehen, was ich meine.
Kleiner Tipp von einem ehem. Kritiker mit über 15 Jahren Schreiberfahrung (der übrigens Ihre Kritiken durchaus mag): erklären Sie Begriffe, die ihren Leser möglicherweise etwas fremd sein mögen, möglichst genau. Das ist wahr-haftig genug.


Nino

Hm-hm. Ich möchte mich nicht darin verrennen, einen möglicherweise vorschnell gewählten Begriff auf Teufel komm raus zu verteidigen. Und ich kann Ihre Kritik nachvollziehen. Dennoch finde ich sie nicht wirklich konsistent.
Lassen Sie es mich so rum versuchen: "wahrhaftig" bezieht sich auf keinen Abbildungsrealismus, sondern ist ein recht weit gefasster Container für gewisse Haltungen demjenigen gegenüber, das man darzustellen versucht. Man kann "wahrhaftig" eine vollkommen erfundene Welt wiedergeben, das hat nichts mit einer bestimmten Auffassung von Realität zu tun. Insofern kann der Superheldenfilm selbstverständlich "wahrhaftig" sein, ob seiner Geschichte, seinen Themen oder seinen Figuren gegenüber. Ich denke nicht, dass ein Genre in der Verunmöglichung von irgendeinem Aspekt des Ausdrucks besteht. Weiß ohnehin gar nicht so genau, was "Genre" streng genommen bedeutet.
Aber zurück zu ihrer Kritik: im spezifischen Fall von Nolans Batmans ist es so, dass die Filme selbst immer wieder das "normale" Leben und den "gewöhnlichen" Bürger ins Spiel bringen und in der Erzählung funktional einsetzen. Also kann ich ihnen durchaus vorwerfen, wenn sie sich auf diesem Feld verlogen verhalten.
Was mich zu ihrer berechtigten Kritik an der Nichterwähnung anderer Superheldenfilme bringt. Ich hatte zwei lange Absätze dazu geschrieben, aber dann wurde ich es irgendwie leid, bei diesen ununterbrochen laufenden Reflexionsspielen der Superheldenfilme mitzumachen. Da sind wir ja mittlerweile auf der siebten Metaebene angelangt, und so weit oben übersieht man leicht, dass sich einige Lässlichkeiten immer mitgetragen haben. Aber nun haben wir ja die Kritik um die Kommentare erweitert, daher kurz: man kann, glaube ich, verschiedene Taktiken der Bezugnahme auf das alltägliche Leben im Superheldenfilm der letzten Jahre beobachten. Einerseits werden die Superhelden mit Codes des normalen Lebens versehen (wie sexuellen Problemchen, irrationalen Wünschen, ambivalenten Werten; Watchmen), der Alltag sucht sie heim; andererseits wird der Alltag um die Superhelden erweitert (Kickass, Scott Pilgrim). Mal top down, mal bottom up. Die X-Men waren da immer Vorreiter, Batman ist ziemlich unentschlossen, wie gesagt.
Vielen Dank jedoch für die Kommentare, ich akzeptiere, dass diese Kritik nicht wirklich rund ist. Aber manchmal ist man irrational, und ich glaube, ich wollte es so. Es ist ein Text, ein Moment, eine Stimmung, das Internet. Kein Buch.
Nur eine Sache, zuletzt: warum sollte eine Inhaltsangabe Pflicht sein? Ist das wieder so eine Genre-Sache? Und dabei hatte ich das Gefühl, wesentlich mehr Inhalt zu geben, als sonst... Die Kritik ist doch fast schon eine Nacherzählung!


Doc

@ Nino
D’accord, was die erweiterte Definition von „Wahrhaftigkeit“ betrifft. Das ist ein offenes Modell, mit dem ich gut leben kann.
Rüdiger Suchsland hat in seiner Kritik übrigens auch ein wenig mit der Sprache gespielt. Er schreibt von einen „visuellen Resonanzraum“, der „auch Kriminelle und Irre wie den Täter von Aurora in einer Weise zur Identifikation einlädt...“ Was ist dann aber ein erzählerischer Resonanzraum? Beim visuellen Resonanzraum muss ich immer an Riefenstahl denken...Sie verstehen: es geht mir dabei um sprachliche Klarheit, obwohl ich ahne, was Suchsland meint.

Zur Inhaltsangabe: damit meine ich nicht das chronologische Nacherzählen des Faktischen. Ich ziehe eine vergleichende/interpretierende Inhaltsangabe vor, also Storyline bündig vortragen, die Plot-Points mit dem narrativen Konzept verbinden und bereits während der Inhaltsangabe Querverweise zu Filmen einarbeiten, die ähnliche Themen haben.
Im Falle von Batman kann man im Inhalt z.B. von einem Vigilanten sprechen und nicht von einem Rächer. Das zeigt dem Leser, dass es vielleicht um mehr als einen Affekt geht, sondern um eine andere Rechtsauffassung der Hauptfigur, die in anderen Filmen mal als Pulp (Death Wish), mal etwas differenzierter abgehandelt wurde (The Brave One).
Dann wird es auch verständlicher, wenn man als Kritiker im Weiteren die These vertritt, dass Nolans „Batman“-Filme das Comicfim-Genre mitsamt seiner Superhelden in komischen Anzügen zunächst dekonstruiert, dann so zusammensetzt, dass hinter Batman zumindest der Big Brother auftaucht, möglicherweise sogar eine prä-faschistische Motivation zu hinterfragen ist (Uniform, Symbole und deren spezielle Ästhetik etc.; Abhörtechniken, Verachtung der schwächelnden Zivilordnung in „The Dark Knight“) – und ob Nolan diesen kritischen Ansatz mit seiner Ästhetik und vielen verschwurbelten Dialogen wieder konterkariert. Dazu würde auch ein Blick auf die Supporting Actor Caine und Freeman gehören, die bereits in „The Dark Knight“ den Diskurs mit Leben erfüllt haben.
Das wäre in einer Kritik über Batman schon eine Menge. So stelle ich mir das vor.
Abschließend bedanke ich mich für den Gedankenaustausch. Wir sollten das aber jetzt beenden, sonst kriegen wir im Forum noch einiges zu hören. Wie einige Kritiker auf „Rotten Tomatoes“... ☺


Nino

@ Doc:
Der Dank ist ganz meinerseits. Ich werde mir einiges zu Herzen zu nehmen versuchen. Und ja, keine Rotten Tomatoes hier...


hunkitunki

experten diskutieren. das ist fast noch interessanter als die filmkritik selbst und ich muss zugeben: ich bin ambivalent. einerseits mag ich nolans kalte wirklichkeitsferne weil ich sie für ein adäquates mittel halte um eine übersicht zu erlangen gerade wenn man viel zu erzählen hat. andererseits teile ich ninos meinung, dass die batman - filme, gerade dieser hier, einen beinahe faschistoiden grundton anschlagen. ich hatte gehofft dies würde im film diskutiert. aber es läuft alles auf eine reaktionäre these hinaus, nach der menschen beherrscht werden wollen um nicht selbst zu herrschern zu werden.


Papene

Was ist das denn?
Da ist man auf der Suche nach persönlichen, provozierenden, polarisierenden Artikeln über TDKR, weil die Diskussion ÜBER ihn inzwischen interessanter ist als der Film selbst, und stolpert über ein VHS-Seminar "Filmkritik".

Ob ich hier und jetzt wirklich wissen will, wie man angeblich RICHTIG über einen Film zu schreiben hat, anstatt - als eine Möglichkeit - sich auf ihn einzulassen und darüber zu reflektieren?
Aber so stellt sich Herr Doc (sic) das eben vor.
Hm. Eventuell ein wenig apodiktisch und auch etwas dated, offen gesagt.

Wobei es sich gerade um zwei Begriffe handelte, die ich meinen Lesern vertrauensvoll zuzumuten wage und die deshalb hier nicht erklärt werden sollen ;)
Wirklich und wahrhaftig.


c.

hab den film gestern gesehen und kann der kritik durchaus einiges abgewinnen (und würde mich papenes kritik an docs kritik an ninos kritik anschließen). ich muss gestehen, dass ich "rekonvaleszenz" nachschlagen musste und das für mich wieder so ein fall ist, wo die sprache einiger critic.de-autoren, abhebt ohne dass das gleich zu einem kritischen höhenflug führt. vergleicht man das zb mit rothölers text zu TDKR bei der taz, der in den kommentaren für seine gehobene wortwahl gerügt wurde, muss ich sagen, dass die wortwahl bei rothöler einen mehrwert erzeugt und einen sehr dichten text entstehen lässt. wo aber ist der mehrwert von rekonvaleszenz statt einer einfachen genesung??
ok war nur das eine wort, ansonsten ein guter text, bei dem sogar floskeln wie "wahrhaftige lebensnähe" für mich nachvollziehbar wurden und durch den text angemessen definiert werden.
ich fand den film alles in allem sehr ärgerlich, da er eine menge anspielt, aber zu nichts ernsthaft was zu sagen hat. normale bürger sieht man in dem film ja überhaupt keine, die ständig behauptete dekadenz soll durch charity-veranstaltungen dargestellt werden, mit leben gefüllt wird all das meiner meinung nach nicht. statt emotion nur schablonen, romatik ist ein kaminfeuer und immer wieder dürfen ein paar waisenkinder durch das bild hoppeln - typisch für nolan, dass es natürlich nur jungs sind...


Papene

" ... fand den Film alles in allem sehr ärgerlich".

Ein einfacher, wahrer und schöner Satz, mit dem auch eine 'professionelle' Kritik hätte anfangen können, ohne Schaden zu nehmen.

Insofern ist der spontan entstandene Wortwechsel über die Form, oder den Formalismus, und das Ziel einer Filmkritik, bzw. die persönliche Haltung zum Film selbst und ihr Ausdruck, schon mal ein positiver und nützlicher.

"Nolan vermag eine mit starken bildlichen Symbolen besetzte Genre-Legende leider nicht so erzählen, dass Zuschauer außerhalb einer speziellen Zielgruppe die Haltungen und den Antrieb der Hauptfiguren zuverlässig erkennen, verstehen und übernehmen können.
Die behauptete Erzählwelt bedient sich angeblich realistisch dargestellter zeitgeschichtlicher, aber stark vereinfachter und im Kern sogar krass verfälschter populärer Mythen über aktuelle gesellschaftliche Konflikte, die nur dem Fortgang einer wenig überzeugend als existentiell behaupteten individuellen Persönlichkeitskrise dienen.
Das Ganze ist lang, laut und manchmal lästig bebildert und vertont."

Würde ich sagen, wenn mich einer fragte.
(Obwohl der Film immer mal wieder ein fettes Brot ist, wenn man mittendrin sitzt ;)

Aber ich mochte auch den taz-Text gern und Nino Klinglers leicht vogel-perspektivischer Gesamtwerk-Zusammenhang schien mir einleuchtend.

Jaja. Der Film und die Filmkritik ...


Stefan

Finde den Text gut geschrieben und deinen subjektiven Blick auf das Gesehene, lieber Nino, gerechtfertigt und nachvollziehbar. Aber: wieso der Vergleich mit dem Gewöhnlichen bei einem Superheldenfilm? 'Ein jeder kann der Held sein', klar sagt das sogar der Protagonist in diesem Film und es erscheint tatsächlich so, als ob die Normalos allesamt keinen Mumm haben, bzw. um ein Zitat zu bemühen 'die Eier im Schraubstock'. Die von dir 'haarsträubend' getaufte Sequenz - die in IMAX Format gedrehte Kollision von Polizeikräften und Söldnern/Gefangenen - ist erzählerisch gesehen sicherlich eine der schwächsten im Film (und ja, es gibt einige solche Beispiele), letztlich dominiert hier ganz einfach die Form, der visuelle Ausdruck per se. Dann geht es wieder um das BLAM!, das VAROOM!, das tatsächlich so typisch für die Comic-Verfilmungen ist und das man - in diesem Sinne - wieder mit 'gewöhnlich' herabstufen könnte. Nolan ist aber im Kern absolut nicht interessiert am 'Gewöhnlichen' wie ja (wie du auch alles richtig beschreibst) alle seine Filme zeigen. Ist das schlecht? Ich finde nicht. Es ist häufig die Natur des Spiels selbst, die Faszination des Kinos. Ich glaube, der Regisseur wollte niemals die Realität in seinen Filmen auch nur annähernd abbilden. Es sind allesamt Fantasiewelten (sic!). Aber hinsichtlich Look, Aussehen, reiner Form hat er gerade mit diesem Film etwas Unvergleichbares geschaffen. Der Mann (einschließlich seiner Drehbuchautoren) war noch nie ein virtuoser Geschichtenerzähler, auf keinen Fall 'one of the greatest storytellers of our time', was seine Schauspieler aus Marketingzwecken zu sagen scheinbar immer wieder aufgezwungen bekommen, aber er ist ein großartiger Visualist und wir wissen ja alle, was der Film letztlich für ein Medium ist. Mehr darüber zu lesen in Bälde auf schnitt.de et cetera, wenn ich IMAX, 3D- und HD-Kino vergleiche. Und abschließend noch meine Besprechung zum Film selbst. http://www.schnitt.de/202,7156,01


c.

@Stefan: hier schreibst du, es gehe nolan nicht um die abbildung von realität(en) sondern um fantasiewelten. in deiner schnitt-kritik aber sagst du, der film nähere sich der wirklichkeit an und entferne sich vom comic-universum!?
für mich ist ninos kritik immer noch eine der treffendsten, die ich bisher zu TDKR gelesen habe. dein text grenzt für mich fast schon an mystifizierung... alles ist virtuos, unfassbar, uneingeschränkt... das lässt mir als leser ja kaum noch platz zum atmen. etwas, was in vielen texten zum film zum ausdruck kommt und was ich nicht nachvollziehen kann, ist die behauptete schwere und ernsthaftigkeit des films, die nichts mehr mit anderen comic-verfilmungen zu tun haben soll. für mich war TDKR aber durchschnittliche actionware und wollte auch nicht auf trockene sprüche und frauenärsche verzichten. alles düstere blieb für bloß plotdevice und wurde nie mit leben gefüllt, zb der tod von waynes großer liebe...


Sebastian

Dieser Film funktioniert meiner Meinung nach nur im echten IMAX mit 70mm Filmprojektion. Dort kann man sich vom Bombast in Bild und Ton übermannen lassen. Dort entdeckt man einen Schauwert. Im normalen Kino erliegt er einfach nur all seinen Schwächen und enttäuscht.


Stefan

Tatsächlich habe ich versucht den sicher vorhandenen Aspekt der RealitätsABBILDUNG greifbar zu machen (in eben den Bildern) nicht aber in der THEMATIK des Films, die hier aufgegriffen wird (es wird ja hier anhand des Drehbuchs, der erzählten Handlung diskutiert, was sicherlich auch bisweilen zutrifft, aber für mich - und das ist dann eben subjektiv - nicht den kern der Sache trifft). Sebastians Kommentar bestätigt da meine These, denn man muss (oder sollte) den Film tatsächlich im IMAX-Format gesehen haben bzw. zusätzlich im 35mm-Kinoformat, wie ihn ja hierzulande leider alle sehen müssen, um ihn richtig einordnen zu können. Die Form bestimmt hier - weitaus mehr als bei anderen Superhelden-Action-Filmen - eben den Inhalt. Zu trockenen Sprüchen und Frauenärschen: auch das sage ich ja in meiner Kritik, und zwar: Nolan muss sich an viele Regeln des Actionkinos halten, um [...] Erfolg zu feiern. Wieso wird das von Ihrerseite, Herr c. gegen meine Aussagekraft aufgegriffen? Zuviel Mystik: Ansichtssache, aber bewusst gewählt, auch weil Batman eine mystische Figur ist, also m.E. angemessen. Außerdem ist NICHT ALLES virtuos, der Film hat viele Schwächen, sag ich ja auch: unfassbar ist er. Ich glaube ich trenne die Worte hier sauberer als Sie es in einem Satz vermengen.
Das Konzept der Kritik hat mehrere Wochen gedauert, weil ich mich eben nicht von einer reinen "Stimmung", einem "Gefühl" leiten lassen wollte, wie es leider einige Kritiker in Verbindung mit der Realität, dem Attentat, aufgegriffen haben um im Sensationswahn so viele Klicks bwz. Käufer wie nur möglich zu bekommen (gar nicht gut, es verkennt die Sache, den Kritikern glitt die eigene mediale Macht aus den Händen, denn sie bestimmten nicht die Wortwahl durch einen eigenen Standpunkt, der Standpunkt bestimmte sie).
Wie finden sie denn meine Einordnung des Films in Bezug auf die Trilogie. Oder das Kriegsfilmargument. M.E. zwei Dinge, die die Kritik stärker formen, da sie den Film als TEIL eines größeren Ganzen erscheinen lässt. Gerade darauf bezog sich 'virtuos' > 'virtuose KONFORMITÄT'. Ich bezeichne NICHT den Film per se als virtuos.
Die Ernsthaftigkeit und Schwere ist dagegen zweifellos vorhanden, je nachdem wie man den Film sieht; Sie sehen es eben anders als viele Kritiker, aber deswegen bleibt es für mich und meine vielen Kollegen trotzdem relevant. Ernsthaftigkeit habe ich in erster Linie mit dem Kriegsfilmargument zu verdeutlichen versucht. Nehmen Sie einfach mal THE AVENGERS (auch Krieg, aber Konfetti) und dann diesen Film hier.
MfG


c.

@Stefan: das mit den trockenen sprüchen und frauenärschen war eher eine allgemeine bemerkung und gar nicht so sehr auf deinen text bezogen. Indirekt kann man es aber als einwand gegen die von dir ausgemachte „unfassbarkeit“ von TDKR lesen, da in dem film eben auch abseits des hypes viel gewöhnliches zu finden ist. Ich bin aber generell kein großer freund von einzigartigkeitsurteilen, das sagt manchmal weniger über den film aus als über das desinteresse des kritikers an filmgeschichte (aber da musst du dich jetzt nicht angesprochen fühlen!).
Bei der „realitätsabbildung“ habe ich dich bloß zitiert. Außerdem lässt sich zwischen bildern und thematik ja eigentlich nicht trennen, nino spricht ja auch vom look und du sprichst auch von soziopolitischen parallelen…
bei dem „alles ist viruos, unfassbar…“ ging es mir nicht um den positiv wertenden aspekt von virtuos. Eher um den absolutsheitanspruch, der in vielen von dir verwendeten wörter steckt. Da sind meiner meinung nach zu viele adjektive, die den gesamten text durchziehen und keinen raum zum einspruch lassen, besonders wenn ihnen noch ein „überaus“ vorangestellt wird… ich persönlich fühl mich da ein wenig erdrückt.
Mir war es zuviel mystifizierung nicht mystik!
Mein kommentar ist natürlich kozeptlos und spontan innerhalb von minuten enstanden, dass in deinem text gedanken und arbeit stecken, bezweifle ich nicht. Generell finde ich deinen ansatz auch spannend, vor allem die wichtigkeit des imax-formats habe ich so in anderen besprechungen noch nicht wahrgenommen. Dennoch kann ich dein konzept nicht ganz nachvollziehen, die spiel-metapher erschließt sich mir nicht ganz. Ob ein film nun per se ernsthaft und schwer ist, weil es ein „kriegsfilm“ ist, wage ich zu bezweifeln, vor allem wenn er seine bildproduktion mit „monumentalbildern des romantischen kinos“ speist. Hierzu passt ganz gut, was frieda grafe einmal geschrieben hat: http://parallelfilm.blogspot.de/2011/06/frieda-grafe.html


Ulle

Bringen wir esdich nich einmal auf den Punkt. Nolan hat hier eher lustlos versiert seine vertragliche Pflich erfüllt. Die ersten beiden Teile der Trilogie sind m.E. großartiges wie intelligentes Popcorn- Kino. Der dritte Teil hingegen auch im Imax (!) fällt irgendwie flach aus. Irgendwie " ohne Liebe" abgedreht. Nolan hatte die Verantwortung, aber eine Regiehandschift erkenne ich gar nicht mehr ( ging mir schon bei Scott's Prometheus so). Ein riesiger , standardisierter Industriemplex Film imitiert den Look und Feel der ersten beiden Teil. Das ging m.E. schief






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