The Cremaster Cycle

Mit seinem Filmzyklus kreiert Allround-Künstler Matthew Barney einen faszinierenden Kosmos aus ambivalenter Sexualität, persönlicher Mythologie und protzigem Kitsch. Drei Jahre nach seiner Vollendung tourt das Mammutprojekt nun endlich durch deutsche Großstädte.

The Cremaster Cycle

Nach vereinzelten Vorführungen anlässlich der Matthew Barney-Ausstellung 2002 im Kölner Museum Ludwig, wird der Cremaster Cycle mit seiner Gesamtlaufzeit von nahezu sieben Stunden nun auch für ein größeres Publikum zugänglich gemacht. Der Name des Zyklus bezieht sich auf einen schleifenförmigen Muskel, der bei Temperaturveränderungen die Hoden anhebt und dadurch die Wärmezufuhr reguliert. Die im Titel angedeutete sexuelle Komponente setzt sich in den Bildern des Film mit asexuellen Fabelwesen, skulpturalen Darstellungen von Sexualorganen und einer weißen klebrigen Substanz, die in jedem der Teile an prominenter Stelle auftaucht, fort.

Über eine Handlung kann man die fünf Teile des Cremaster Cycle schlecht beschreiben, weil statt Geschichten nur verschiedene über den Globus verstreute Schauplätze wie die Budapester Oper, die Rocky Mountains, das Chrysler Building oder die Isle of Man präsentiert werden, die als Ausgangspositionen für die stark reduzierten Handlungen der verschiedenen Protagonisten fungieren. Barney gelingt es, diese Originalschauplätze als beunruhigend künstlich und unwirklich zu inszenieren, was hauptsächlich daran liegt, dass diese Orte bis auf den Personenstab vom amerikanischen Archetyp über historische Persönlichkeiten bis zu surrealen Fantasiewesen, völlig menschenleer sind.

The Cremaster Cycle

Die einzelnen Filme, die zwar jeweils als geschlossenes Werk mit einer ganz eigenen Ästhetik funktionieren, aber trotzdem Motive wieder aufgreifen und sich gegenseitig ergänzen, zeigen anstelle von „richtigen“ Geschichten lebende Tableaus, in denen unter fast vollständigem Verzicht auf das gesprochene Wort sowohl barocke als auch futuristische Dekors den Rahmen bilden. Die ganz in weiß gehaltene Lady Goodyear aus dem ersten Teil wird etwa gezeigt, wie sie in einem gleichnamigen Zeppelin über einem Footballfeld schwebt und durch das Ordnen von Trauben zu biologischen Formen indirekt die Choreographie einer nostalgischen Musicalrevue auf dem Feld unter ihr mitbestimmt. Das Ordnen der Trauben, die wie geklont wirkenden Tänzerinnen und einige Zigarillo-rauchende Stewardessen, die das Geschehen überwachen, bilden die Kernelemente dieses Films. Immer wieder werden dieselben Handlungen mit minimaler Entwicklung und Variation wie in Endlosschleife wiederholt. Dabei funktioniert die immer wieder neue Zusammensetzung der einzelnen Stränge durch die rhythmische Montage wie bei einem Musikstück. Von solch einer klaren Struktur und surrealen Stimmung sind alle Teile des Zyklus durchsetzt. Nur die Hauptkonstanten der Bilder werden jeweils durch andere Personen und Ereignisse ersetzt.

Letztendlich ist der Cremaster Cycle im Kino genau am richtigen Ort angekommen. Als ein Zwitterwesen zwischen Kunst-Installation und Kinofilm wurden bereits beide Präsentationsformen erprobt, wobei seine Handlungsarmut, sein enormer Umfang und seine scheinbare Zusammenhangslosigkeit ihn ebenso für das Kino disqualifizieren wie es die minimalen narrativen Strukturen und die gegenseitige thematische Ergänzung für den Kunstbetrieb tun. Dieser Zwiespalt zeigt sich auch in der Entwicklung der zwischen 1994 und 2002 in nicht-chronologischer Reihenfolge gedrehten Teile: Während die ersten beiden Filme 4 und 1 noch eher an ein Ausstellungsvideo erinnern, vergrößert sich in den folgenden Jahren nicht nur das Format und der Produktionsaufwand, sondern die Werke werden auch zunehmend länger und in ihrer Gestaltung filmischer.

The Cremaster Cycle

Barney selbst tritt in fast allen Filmen als muskulöses Fabelwesen auf und ergänzt seine Besetzungsliste mit so illustren Namen wie Ursula Andress als Königin der Ketten, Künstler Richard Serra als Architekt des Chrysler Buildings sowie der Metal-Band Slayer als Johnny Cash. Dass solche Besetzungen auch inhaltlich motiviert sind, zeigt sich besonders im zweiten Teil, wo es um die vermeintliche Verwandtschaft zwischen dem Zauberer Harry Houdini und dem in den siebziger Jahren hingerichteten Mörder Gary Gilmore geht. Der thematische Kreis schließt sich, wenn Barney die Rolle des Houdini mit dem Schriftsteller Norman Mailer besetzt, der wiederum ein erfolgreiches Buch über Gilmore geschrieben hat.

Obwohl Barneys Bilderwelt ziemlich einzigartig ist, lassen sich doch filmische Parallelen zu Regisseuren wie David Lynch oder David Cronenberg ziehen. Das zeigt sich besonders in seiner Vorliebe für glatte Fassaden, die von einer unheimlichen Grundstimmung durchdrungen sind sowie in den organischen Mutationen und Penetrationsmetaphern. Diese Elemente sind bei Barney jedoch nicht in eine Handlung eingebunden, sondern stehen für sich, abgesehen davon, dass sie im Ausstellungskontext von Fotografien und Skulpturen begleitet werden, die entweder direkt den Filmen entstammen oder zumindest von ihnen inspiriert sind.

The Cremaster Cycle

Die Dekonstruktion klassischer Erzählmuster und tradierter Schönheitsvorstellungen gelingt Barney mit seinen Fantasiewesen und seinen völlig zur Künstlichkeit degenerierten Revuegirls ebenso, wie er mit seinen durchgestylten Settings und den verschwenderischen Kostümen die Grenze zum affirmativen Kitsch mehrfach überschreitet. Doch Barney ist nicht nur Kunst oder nur Popkultur, sondern immer beides. Genauso wie man von den mit ästhetischer Präzision gestalteten apokalyptischen Szenarien im zweiten und dritten Teil fasziniert sein kann, so groß ist der Schock, wenn sich der abschließende fünfte Teil als protzig ausgestattetes Musikvideo im historischen Budapest entpuppt.

Barneys neues, mit seiner Lebensgefährtin Björk realisiertes, Projekt Drawing Restraint 9 tourt bereits seit einigen Wochen erfolgreich durch Japan und Amerika. Diesmal widmet er sich auf seine ganz eigene Weise der japanischen Kultur und dem Shintoismus. Man darf gespannt sein.

Kommentare

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.