The Counselor

Die Angst im Kopf, der Tod im Bild. Ridley Scott isoliert seinen Helden sprachlich und schickt ihn, anders als den Zuschauer, auf einen mentalen Horror-Trip.

The Counselor 01

Im letzten Dialog verwandelt die Intrigantin eine seltsam entrückt inszenierte Szene vom Beginn des Films in eine sprachliche Metapher: Es ist jene des grazilen, überlegenen Jägers, der mit seiner Beute spielt, ein Gepard, der einen Hasen jagt, diesen ängstigt und nochmal laufen lässt, bevor er ihn tötet. „I’m afraid you’ve already told me more than I should know“, vermutet der ihr am Tisch eines feinen Restaurants gegenübersitzende Banker. Ein durchaus passendes Resümee, und das gleich in doppelter Hinsicht – ist es doch das Vielsagende, das blumig Formulierte, an dem sich Ridley Scotts neuestes Werk regelrecht ergötzt und aus dem es gleichzeitig die Kraft zieht, den zentralen Erfahrungsmodus des Thrillers, nämlich jenen der Furcht, durchzudeklinieren. Unter der Schicht der zahllosen mehrdeutigen Mono- und Dialoge in Cormac McCarthys Drehbuch tritt dabei ein so simples wie klassisches narratives Kondensat zutage: Ein wohlhabender Staatsdiener – Michael Fassbenders Figur bleibt namenlos, er ist The Counselor, der Anwalt – will noch mehr Geld machen und mischt im großen Stil in einem Drogengeschäft mit. Die Sache geht schief, und der lässig-galante Herr im feinen Zwirn muss plötzlich nicht nur um seine schmutzigen Hände, sondern auch um Leib und Leben fürchten. Sterben ist jedoch zu einfach, das meint bereits früh der im Stile eines alternden Cowboys durch luxuriöse Hotels schlurfende Westray (Brad Pitt), der als Mittler zwischen dem Counselor, dessen zu clowneskem Eskapismus neigendem Partner Reiner (Javier Bardem) und der fast unsichtbar bleibenden mexikanischen Mafia auftritt.

The Counselor 20

Gesprochene Worte, die sich erst in einer anderen, zukünftigen Zeit und an einem anderen Ort (der Handlung wie der Montage) verwirklichen – Scott kreiert über die Sprachebene eine Bewegung der Angst, die sich im Verlauf des Films mehr und mehr in der Hauptfigur, die Fassbender gewohnt körperlich interpretiert, festsetzt. Von Beginn an erscheint der Counselor als ein isolierter Zuhörer: Geduldig, aber entrückt lauscht er den Erzählungen und Ratschlägen seiner Partner, die von kalenderspruchartigen Sentenzen und hanebüchenen Lebensweisheiten durchsetzt sind (und zuweilen eher nach Paulo Coelho als nach McCarthy klingen). Die Worte anderer strukturieren seine Existenz, geben einem öden Hochglanz-Leben Halt, dessen Protagonist sich fast ausschließlich und beinahe zwanghaft als potenter Liebeshengst zu definieren sucht: „Life is being in bed with you. Everything else is waiting“, flüstert er seiner zum Fetischobjekt stilisierten zukünftigen Ehefrau (Penelope Cruz) am Telefon zu. Spricht der Counselor einmal selbst, dann geht es um Frauen, Geilheit, wer mit wem, was und wie lange. Überhaupt irritiert Scotts Film mit einem übertrieben ausgestellten sexuellen Subtext, der in einer grotesken Szene mit Cameron Diaz, in der diese auf der Windschutzscheibe eines Ferraris die Beine breit macht, gipfelt und letztlich doch nur ein äußerst lauer narrativer Trigger ist. (Zumal die hässliche Kehrseite dieser Triebausartung in Form eines Snuff-Videos nicht gezeigt wird – auf Bildebene regiert allein der maskuline Heldentod.)

The Counselor 22

Bleiben die Worte aus oder verkommen sie endgültig zu verschleierten, sich selbst erhaltenden Paraphrasen, steckt die Hauptfigur bereits tief im Schlamassel: Der Anwalt hilft dem Sohn einer Mandantin, und ausgerechnet dieser liegt wenig später, und offenbar mit dem Drogendeal in Verbindung stehend, enthauptet auf der Straße. Plötzlich ist die Angst präsent, infiziert den bisher so coolen Hard Body des Protagonisten, wächst zur Paranoia aus. Auch die Inszenierung nimmt diese Erschütterung auf, wird hektischer, fasst die Fassbender-Figur nun auch visuell isoliert. Und wieder die Sprache: Auf einmal hat der Counselor Fragen, was soll ich tun, wohin muss ich gehen? Doch statt Hilfe, Lösungsvorschlägen oder neuen Tipps nur das Gangster-ABC des absoluten Egoismus: „I can’t tell you what to do. I’m certainly not at home anymore.“ Stattdessen, nach und nach, das Hereinbrechen des bisher Gesagten. In rhythmisierenden Gewalt-Spitzen, deren hochfrequente Action-Montage teilweise wie eine Hommage an das Werk des während der Dreharbeiten zu The Counselor verstorbenen Bruders Tony wirken, visualisiert Scott die bisher nur sprachlich etablierten Fiktionen. Kopfschuss, eine mithilfe eines bizarren Mordinstruments durchtrennte Hauptschlagader, noch eine Enthauptung – (fast) alles wird ins Bild gesetzt.

The Counselor 12

Bis zuletzt bleibt der Counselor auch von dieser Physis der (Bild-)Gewalt abgetrennt, in einer groß angelegten Parallelmontage ist er kaum einmal Teil der eigentlichen Aktionsbilder. Auf seiner ganz eigenen Bühne, jener seiner Einbildungskraft, die nicht zuletzt von basalen melodramatischen Momenten (wie einem nicht zustande gekommenen Telefongespräch) und Objekten (wie einer CD-Rom) gespeist wird, versucht er über seinen vor Angst und Trauer zuckenden Körper Herr zu werden. Die Zusammenführung dieser zwei Gewalten des Films – hier die der audiovisuellen Form, dort jene der viel quälenderen Imagination seiner Hauptfigur – kann sich nur im Zuschauer realisieren und wäre Voraussetzung, um in diese filmische Welt überhaupt eintauchen zu können. Mit seiner allzu künstlich-mechanischen Inszenierung und einer reichlich uninspirierten Erzählung, deren Deckmantel des sprachlichen Überschusses allzu oft unnötig irritiert, verschließt sich The Counselor aber leider über weite Strecken dieser Möglichkeit.

Trailer zu „The Counselor“


Trailer ansehen (2)

Kommentare


Observer

Würde natürlich auf einen Spoiler Alert hinauslaufen, wenn in der Kritik erwähnt, aber der Film hat ein moralisch sehr fragwürdiges Ende. Nicht nur, dass das Kartell davonkommt, sondern auch die gierige Hauptdarstellerin mit ihren "Tortureporn esken" Morden und die einzige scheinbar nicht charakterlich verkommene Person des Filmes landet auf dem Müll...


Beowulf Wahnfried

Phantastischer Film. Einmal mehr wissen die Kritiker jedoch alles besser.
Das nervt!


Danny Gronmaier

Lieber Beowulf,

gerne komme ich mit Ihnen ins Gespräch über diesen Film, vielleicht können sie Ihr "phantastisch" noch etwas ausführen? Sollte es sich dabei nicht nur um eine reine Wertung handeln, würde ich da auch durchaus zustimmen, kann man dem Film doch einen gewissen Hang zum "Unwirklichen"/Märchenhaften nicht absprechen. Ich habe mich im übrigen sehr gerne mit diesem Film auseinandergesetzt, gerade weil er mich eher verstört zurückgelassen hatte und ich daher auch gerade nicht behaupten würde, hier irgendetwas besser zu wissen (mein Text verfährt auch darum ja vor allem beschreibend).

Beste Grüße!






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.