The Complex

Vom Mietshausspuk zur Schuldfrage. Hideo Nakata setzt wieder einmal ein paar arme Seelen frei und sucht verbissen nach Schlupflöchern des Genres.

The Complex 04

Wir erkunden die Anordnung. Von außen verrät uns die Totale noch nicht allzu viel von dem Apartment-Komplex, und doch reicht die Information, um das Grauen zu wittern. Betonschicht reiht sich an Betonschicht, ein in Tristesse gehüllter, dreckiger Wohnklotz prangt aus der Umgebung empor und gliedert sich an weitere, nicht wesentlich andersartige Gebäude an. Auch Asuka erforscht die neue Gegend, sie leitet uns zu den zentralen Orten des Films: in die Wohnung, in die sie gerade mit ihren Eltern und dem kleinen Bruder gezogen ist, zur Eingangstür des rätselhaften Nachbarn, zum Spielplatz. Das Feld ist abgesteckt. Die Geister können geweckt werden.

Was hat es auf sich mit dem modernen Tokio, dass es sich seit Jahren unentwegt den bösartigsten Spukgestalten stellen muss? In einer Gesellschaft, die von einer so außerordentlichen Dialektik von Tradition und Fortschritt geprägt ist, schleicht sich das eine in das andere, wird Technologie mit Mythologie durchsetzt. Hätte nicht Ende der 1990er Jahre Nakatas perfider, äußerst effektiver Geisterfilm Ring (Ringu, 1998) den kulturgeschichtlichen Fundus seines Landes mit zeitgenössischem Medienhorror kombiniert und unverbrauchte Bilder des Grauens gefunden, würde die Horrorfilmlandschaft heute sicherlich anders aussehen. Die Gruselmär, die einen immensen Hype losgetreten hat, konnte eine Ästhetik und Motivik heraufbeschwören, die sich im populären Horrorkino festgebissen hat.

Etliche Jahre nach dieser kleinen Revolution der Angst heißt die Regel jedoch: Wenn einem Genre nichts Neues mehr hinzuzufügen ist, dann gilt es eben, ein wenig an den Elementen zu schrauben. Auch The Complex nimmt sich dies vor; nach kurzer Zeit ist dem Film deutlich anzumerken, dass er noch etwas Reizvolles aus dem altbekannten Allerlei der kinematografischen Heimsuchungen kitzeln möchte. Nicht nur beruft sich Nakata stärker auf direkten Grusel ohne technische Zwischenschaltungen, auch reißt er nach etwa der Hälfte des Films sein bisheriges Arrangement ein und rühmt sich mit der Tatsache, uns hinters Licht geführt zu haben. Die narrative Falle ist zwar keine überraschende Entscheidung, aber eine, die uns noch einmal zum Hinsehen verleitet und zur Neuordnung des Gesehenen zwingt. Die falsche Fährte als richtiger Weg?

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In einem Genre wie dem Haunted-House-Film, das seine Pfade innerhalb kürzester Zeit so schonungslos breitgetrampelt hat, ist ein derartiges Vorgehen aber höchstens ein bemühter Notnagel. Das letzte Bild vor dem Twist saugt uns buchstäblich in ein neues Szenario, alles auf Anfang, wir wurden gelinkt. Nakata gefährdet dadurch aber die Stringenz seines Films, da er seinen Erzählduktus wechselt. Wie auch schon in seinem amerikanischen Einstand The Ring 2 (2005) droht hier der Grusel im plötzlich aufkeimenden Familiendrama zu ersticken, und der vorher fest etablierte Horror muss weichen. Das Übernatürliche wird dabei nicht nur auf eine andere Figur überführt, sondern erhält auch eine neue Funktion. Der vormals wimmernde, willkürlich spukende Poltergeist verformt sich zur Auslagerung von Asukas schlechtem Gewissen, das vehement an die Türe klopft und Vergeltung fordert.

Dabei gelingt es Nakata nur sehr bedingt, die beiden Genres produktiv zu verweben. Vielmehr stellt er sie gegenüber und nutzt den Grusel als Klammer für das Drama, mit dessen Elementen er nicht annährend so gut vertraut ist. Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit ist keine harte Konfrontation mit dem Erlebten, sondern ein lethargisches Aussitzen mit der Nichtigkeit des leeren Blicks und des abgehackten Gestammels. Wäre der Regisseur nicht so versiert darin, eine starke Atmosphäre zu schaffen, hätte es The Complex äußerst schwer beim Zuschauer. Nakata weiß seine Räume nicht nur konsequent zu ästhetisieren, sondern ihre Wirkung, oftmals nur für wenige Sekunden, stark zu intensivieren. Ein lärmendes Unbehagen schält sich da plötzlich aus den Bildern, hinterlässt Risse in den Wänden und reißt Löcher in den Boden. Solche Momente beherrschen die Geschichte aber nicht, sondern sind zwischengestreut als unvermittelte Eruptionen, in denen die dramatischen Elemente dem metaphysischen Grauen kurzzeitig den Vorrang lassen.

The Complex 02

Nur gegen Ende zehrt The Complex noch einmal von seinen Möglichkeiten, ein aufwühlendes Gefecht zu bestreiten. Das Geisterwesen als Verkörperung von Asukas Schuld kommt zum Zuge, seine zerfressene Erscheinung ergreift Besitz von der jungen Frau und bringt sie an den Rande des Wahnsinns. In einem Meer der Farben wird die karge Wohnung endlich zur Arena des Konflikts, ein kurzes, urplötzliches Erwachen aus der Apathie. Aber kein anhaltendes. Als Katharsis will Nakata den donnernden Showdown ebenso wenig gelten lassen wie als Möglichkeit, seinen Film zu Ende zu denken.

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