Company Men

Serienproduzent John Wells hat vor dem Hintergrund der Rezession in den 1990er Jahren ein Drehbuch geschrieben und es aus aktuellem Anlass aus der Schublade geholt. Das Ergebnis ist ein waschechter Krisenfilm.

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Neben Metaphern von platzenden Blasen und Statistiken fallender Aktienkurse bedeuten Krisenzeiten auf gesellschaftlicher Ebene vor allem die Erfahrung einer erweiterten Zone der Verwundbarkeit. Das Gespenst der Entlassungen erreicht auch diejenigen, die sich längst im Reich der Sieger wähnten – und bei denen ein Jobverlust nicht nur den finanziellen Wohlstand bedroht, sondern Status und Identität.

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In Company Men sind das die Angestellten des Multis GTX, dessen Personalabteilung im Vorfeld einer Übernahme unproduktive Abteilungen schließt und massenweise Stellen kürzt. Der junge Executive Bobby (Ben Affleck) ist der erste, der die zuvor verleugnete Verwundbarkeit zu spüren bekommt. In einem Moment verkündet er der versammelten Abteilung mit breitem Grinsen seinen neuesten Golfrekord, im nächsten wird er ins Büro der Personalleiterin zitiert, und drei Monatsgehälter später gehört er nicht mehr zu den Golfspielern. Bobbys Kollege Phil (Chris Cooper) hat zunächst mehr Glück, doch auch sein Job hängt am seidenen Faden. GTX-Mitbegründer Gene (Tommy Lee Jones) beäugt die Firmenpolitik seines einzigen Vorgesetzten, dem Konzernchef James Salinger (Craig T. Nelson), mit zunehmendem Argwohn. Als auch er abgesägt werden soll, empfindet Gene das weniger als Identitätsverlust denn als Verrat seines Partners, mit dem er einen kleinen Schiffbaubetrieb zu einem erfolgreichen Unternehmen aufgebaut hat.

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Das Mitleid des politisch interessierten Zuschauers, der um die deutlich härteren Schicksale weiß, welche die aktuelle Finanzkrise weltweit produziert hat, dürfte sich in Bezug auf die auch nach der Entlassung nicht gerade am Hungertuch nagenden Manager zunächst in Grenzen halten. Doch greift es zu kurz, dem Regisseur seine verengte Perspektive auf die obere Mittelschicht vorzuwerfen. Wells, vor seinem Regiedebüt Produzent von Erfolgsserien wie ER (1994-2009) oder The West Wing (1999-2006), erzählt von einem Milieu, das er selbst gut genug kennen dürfte. Sein Ansatz erscheint aufrichtiger als bei Jason Reitman, der in seinem thematisch ähnlichen Up in the Air (2009) mit dem Einbezug von Arbeitslosen als Laiendarstellern noch ein echtes Interesse an der Working Class vorgab, dieses aber hinter einer selbstgefälligen Inszenierung und dem Charme seiner Stars verschwinden ließ. Während sich Reitmans Held der Leere seines oberflächlichen Daseins noch selbst bewusst werden darf, stürzt Wells seine Figuren buchstäblich in die Krise und macht spürbar, was die Finanzkrise für die so zentrale Ideologie des amerikanischen Traums bedeutet. Sein Film ist kein Porträt des prekären Lebens, sondern die Analyse einer Zeit, in der eine vage Ahnung von Prekariat in die Welt amerikanischer „Normalität“ eindringt – die weißen, männlichen Bewohner dieser Welt dabei zunächst nackt und hilflos zurücklässt.

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Das hervorragend ausgewählte Darsteller-Ensemble ist das Herz des Films. In Ben Afflecks subtiler Mimik zeigt sich die neue Verwundbarkeit am deutlichsten, Chris Cooper lässt die labile Psyche seiner Figur von Anfang an erahnen, und in Tommy Lee Jones' faltigem Gesicht beim Blick aus dem Fenster hat tatsächlich eine ganze Wirtschaftskrise Platz. Wells lässt diesem Cast genügend Freiheiten und beschränkt sich auf eine konventionelle, aber gelungene und äußerst sichere Inszenierung. Seine Erfahrung im US-Serien-Betrieb ist jederzeit spürbar, auch die Company Men könnte man sich hervorragend als das Ensemble einer neuen Reihe vorstellen. Sogar die einzige Schwäche des Films wäre in einer Serie kaum notwendig geworden. Nur im Spielfilm muss Wells eine direkte Auflösung für die Probleme finden, welche die Krise den Figuren bereitet – in Bobbys Fall ist das die Besinnung auf einen ursprünglichen Arbeits-Ethos. Als er das Job-Angebot seines Schwagers (Kevin Costner) annimmt und für eine Weile auf dem Bau arbeitet, erlebt er nicht nur die Freuden des echten Handwerks, sondern erfährt auch eine Solidarität unter den Kollegen, die der Konkurrenz und Heuchelei des Büros entgegensteht. Aus dieser Erfahrung schöpft Bobby neuen Mut für den Kampf um seinen Job. Die im Narrativ angelegte Angst vor dem Absturz – dem amerikanischen Albtraum – löst Wells im ebenso amerikanischen Mythos des Neuanfangs auf: Nach überstandener Krise macht Bobby weiter wie zuvor – mit der etwas veränderten Haltung: „Im schlimmsten Fall werde ich halt gefeuert.“

Der Held des Krisenfilms rettet nicht die Welt und verhindert auch nicht die Auswirkungen einer Finanzkrise. Sein Triumph ist nur durch die individuelle Anpassung an eine neue Situation möglich. Bobbys neue Einstellung besiegt die Krise nicht, aber degradiert sie zum Diskurs und ordnet sie damit dem wieder gestärkten Ego unter. Die Odyssee des Helden ist seine Entwicklung vom überzeugten Diener des Systems zum geläuterten Zyniker – nicht mehr als eine vorläufige Überlebenstaktik in der nach oben neu vermessenen Zone der Verwundbarkeit. 

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