The Comedy

Das Ende des Humors.

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Schlechtes Benehmen auf der Leinwand kann eine ungemeine Faszination ausstrahlen. Vor allem Komödien schöpfen ihre Kraft daraus, dass sich ihre Figuren über gesellschaftliche Regeln hinwegsetzen, die man als Zuschauer im Alltag selbst brav befolgt. Hier entfaltet sich gänzlich das anarchische Potenzial des Humors. Aber wo liegt die Grenze oder, genauer gefragt, wie schlecht darf man sich benehmen, ohne sein Publikum zu verprellen? Der amerikanische Regisseur Rick Alverson erforscht in seinem dritten Spielfilm The Comedy jenen Grenzbereich, in dem der Humor zu wirken aufhört. Der Titel des Films erweist sich dabei als ebenso irreführend wie die Tatsache, dass hier einige bekannte Komiker am Werk sind, denn Alverson hat es offensichtlich nicht darauf angelegt, einen lustigen Film zu drehen.

The Comedy 3

The Comedy handelt von Swanson (Tim Heidecker) und seinen Freunden, die im angesagten New Yorker Stadtteil Williamsburg in den Tag hinein leben. Sie sind zynische Hipster, die jede authentische Emotion mit einer Überdosis Sarkasmus abtöten und sich auch mit Mitte dreißig beharrlich weigern, erwachsen zu werden. So in etwa stellt man sich die in die Jahre gekommene Leserschaft der Vice vor, einem Magazin, das gelangweilte Bürgerkinder lehrt, wie man mit offensiv rotziger Attitüde die eigene Spießigkeit kaschiert. Nur hier ist die abgebrühte Lebenseinstellung schon pathologisch geworden. Swanson sieht in der Provokation die letzte Möglichkeit zu zwischenmenschlicher Kommunikation. Eine politisch korrekte Akademikerin schockiert er mit seinen Lobliedern auf Hitler und kriegt sie dann doch ins Bett – hier bestätigt sich wieder das ungeschriebene Gesetz amerikanischer Independent-Filme, nach dem unattraktive Männer immer die schönsten Frauen abkriegen –; einem Krankenpfleger, der sich um Swansons todkranken Vater kümmert, führt er aus, wie ekelhaft ein Job ist, bei dem man die Scheiße anderer Leute anfassen muss.

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Solche Momente haben zweifellos komisches Potenzial. Der Humor bewegt sich in eine ähnliche Richtung wie aktuell die amerikanische Sitcom Louie (ab 2010), in der der Komiker Louis C.K. seinem Faible für vulgäre, beleidigende und politisch unkorrekte Witze nachgeht. Es ist ein Humor, der zwar erst unter der Gürtellinie beginnt, gleichzeitig aber auf intelligente Weise mit gesellschaftlichen Tabus spielt. Selbst wenn Louie allen möglichen Leuten Aids an den Hals wünscht, ist das nicht unbedingt zynisch. Das ist in The Comedy anders. Die Monologe des Protagonisten sind immer eine Spur zu gehässig, geschmacklos oder menschenverachtend, um noch lustig zu sein. Swanson ist jemand, der sich wie ein Arschloch benimmt, weil es ihm sein sozialer Status erlaubt. Alversons Anti-Held ist weiß, männlich und finanziert sein Leben auf dem Hausboot offensichtlich vom Geld der reichen Eltern. Im Gespräch mit Angestellten, Gärtnern oder Schwarzen geht es nicht nur darum zu provozieren, sondern auch darum, ein Machtgefälle zu demonstrieren.

The Comedy 1

Das soll nicht heißen, dass es in The Comedy keine komischen Augenblicke gibt. Häufig ist es die Kreativität, mit der die Figuren andere Menschen verletzen, die den Reiz des Films ausmacht. Ein Taxifahrer ohne Radio wird mit einem bösartigen Spoken-Word-Kanon bestraft, und ein Gespräch zwischen Swanson und einem Freund über die Sauberkeit von „Penner-Schwänzen“ gerät zum absurden Improvisationsduell. Doch über all dem liegt auch eine ungeheure Traurigkeit. Alverson inszeniert einen Haufen Mittdreißiger, die ihr Leben durch Sarkasmus filtern müssen, um es zu ertragen. Allerdings nicht in gewohnter Wackel- und Schummer-Ästhetik, sondern überwiegend in statischen, gut ausgeleuchteten Bildern. Und auch die Wahl der Musik ist ungewöhnlich, denn die zurückhaltend eingesetzten, melancholischen Indie-Songs wollen sich so gar nicht mit den abgebrühten Gesprächen der betont emotionslosen Hipster vertragen. Überhaupt bemüht sich der Film darum, die Ursachen für das Verhalten seiner Figuren im Dunkeln zu lassen. Immer wenn The Comedy Anstalten macht, zum Psychogramm zu werden, verweigert Alverson eine tiefere Analyse seiner Hauptfigur. Auch die Struktur des Films zeichnet keine Entwicklung nach, sondern besteht überwiegend aus nur lose zusammenhängenden Szenen, die dem Ganzen keinen übergeordneten Sinn verleihen wollen.

Swanson bleibt stets ein wenig ungreifbar und ist, anders als die langweiligen Endlosdiskutierer aus dem Mumblecore-Universum, auch nie darauf angelegt, Sympathien zu wecken. Oder zumindest fast nie, denn ganz will sich der Film schließlich doch nicht mit einem Misanthropen abfinden und zeigt ihn beim Herumtollen mit einem Kind oder wie er seinem Vater im Krankenhaus liebevoll die Haare kämmt. Solche Momente hätte es wahrscheinlich nicht gebraucht, aber Alverson widersteht hier immerhin konsequent der Versuchung, seinem Protagonisten die Maske runterzureißen. Auch die Tatsache, dass Swansons Bruder in der Nervenheilanstalt sitzt, dient nicht dazu, seinen Charakter mit einem familiären Trauma zu erklären, sondern zeigt lediglich, wie er selbst bei persönlichen Schicksalsschlägen noch sein Programm durchzieht. Und darin besteht letztlich auch die Qualität des Films: sich einer Figur mit notorisch schlechtem Benehmen zu widmen, ohne dieses Verhalten dauerhaft zu problematisieren oder für Witze zu nutzen.

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