The Color Wheel

Zwei Geschwister, die sich so unterhaltsam hassen, dass es ein Vergnügen ist. Doch Alex Ross Perrys The Color Wheel ist mehr als eine überzeugende Mumblecore-Komödie. 

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Im Universum des Mumblecore dürfte kaum jemand die Auffassung teilen, das Schweigen Gold ist. Mit Leidenschaft wird in diesen amerikanischen Low-Budget-Komödien geredet, was das Zeug hält. Das dient in den wenigsten Fällen einer Erzählökonomie, mag durchaus mal geistreich und witzig sein, zeigt aber häufig nur, dass nicht jeder Gedankengang es wert ist, geäußert zu werden. Ob das narzisstische und wehleidige Geschwätz von überreflektierten Mittzwanzigern wirklich zu einem eigenen Genre erhoben werden musste, kann man dahingestellt lassen. Doch dann gibt es auch hin und wieder sehr schöne Mumblecore-Filme wie Humpday (2009), der mit treffsicherem Witz verschiedene Lebensentwürfe gegeneinander ausspielt, oder den gelungenen Genre-Bastard Cold Weather (2010).

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Auch The Color Wheel, der zweite Spielfilm von Alex Ross Perry, ist ein bemerkenswerter Vertreter des Genres. Nicht zuletzt, weil er sich vom typischen Mumblecore-Stil ein wenig distanziert. Die beiden Hauptfiguren, die Geschwister JR (Carlen Altman) und Colin (Alex Ross Perry), reden zwar auch gerne und viel, allerdings entsteht bei ihren Gesprächen eine ganz andere Dynamik. Das liegt zunächst einmal an ihrem zutiefst antagonistischen Verhältnis zueinander. Im Grunde genommen verachten sich die beiden und lassen es den jeweils anderen auch mit jedem Satz spüren. Somit bestehen ihre Konversationen aus pausenlosen Wortgefechten, gespickt mit Vorwürfen und Beleidigungen unter der Gürtellinie. Das sind keine sauber getrennten Dialoge, bei denen jeder seinen Oneliner aufsagen darf, sondern ein simultanes Gequatsche, aus dem immer wieder grandiose Sätze jenseits politischer Korrektheit herausstechen. Dieses kultivierte Streiten ist für den Zuschauer zunächst zwar ein bisschen anstrengend, aber mit der Zeit eben auch unheimlich komisch.

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Das lose auf Geschichten von Philip Roth basierende Drehbuch hat Perry gemeinsam mit seiner Co-Darstellerin Carlen Altman entwickelt. Schon bei ihrer ersten Station in einem christlichen Motel zeigt das Duo, wie souverän es das Handwerk der Situationskomik beherrscht. Ganz genreüblich gibt es nur eine sehr rudimentäre Handlung: JR wurde gerade von einem aufgeblasenen Journalismus-Professor verlassen, den sie eigentlich als Einstieg für ihre aussichtslose Karriere als Wettersprecherin nutzen wollte. Nun soll ihr der Bruder – so viel Familienzusammenhalt gibt es dann doch – Beistand leisten, wenn sie ihre Sachen abholt. Das ist allerdings nur der Auslöser für eine Reihe episodischer Situationen, die für die Geschwister eine endlose Kette an Erniedrigungen darstellen.

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The Color Wheel ist mehr als nur ein komödiantischer Schlagabtausch zweier sich hassender Geschwister. Perry erzählt auch von zwei typischen Slackern, die eigentlich alles und jeden scheiße finden, aber trotzdem süchtig nach der Anerkennung anderer sind. Dieses Dilemma zwischen Abgrenzung und Dazugehörenwollen beschreibt der Film auf ebenso kluge wie komische Weise. JR und Colin sehen sich mit einem aus Karikaturen bestehenden Umfeld konfrontiert, dass ihnen ausgesprochen ablehnend gegenübersteht. Eine Party voller spießiger Langweiler, deren einziges Lebensideal beruflicher Erfolg ist, ist nur eines von vielen enttäuschenden Erlebnissen auf ihrer Reise.

The Color Wheel 2

Ästhetisch erinnert The Color Wheel weniger an aktuelle Mumblecore-Filme als an das Kino der 1970er Jahre. Allein Perrys Entscheidung, auf schwarzweißem 16mm-Film zu drehen, markiert einen deutlichen Unterschied zu den verwaschenen Videobildern seiner Kollegen. Und auch in den geschwungenen Schriftzügen des Vorspanns und den abrupten Zooms lebt der Geist der Vergangenheit auf. Ganz können sich die Bilder allerdings nicht vom stereotypen Look des amerikanischen Independent-Kinos lösen. Doch darüber tröstet Perry hinweg, indem er seinem Film immer ein Stück Unberechenbarkeit verleiht. So kommt The Color Wheel in der letzten Viertelstunde plötzlich zur Ruhe und bewegt sich  in eine ungeahnte Richtung. Dann zeigt Perry, dass er nicht nur lustig sein kann. 

Trailer zu „The Color Wheel“


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