El Club

Pädophile Ex-Priester wollen Rennhunde trainieren. Pablo Larraín prüft, ob sich das katholische Kapitalverbrechen mit Sarkasmus verträgt.

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Über einer kleinen Stadt in Chile hängt dichter Nebel, er macht das Bild diesig. Auf einem Berghang stehen vier Senioren, sie schauen durch ein Fernglas ins Tal, wo ein Hunderennen stattfindet. Offensichtlich geht für sie ein schlaksiger Windhund ins Rennen. Angespannt verfolgen sie von dort den Wettlauf. Ihr Hund gewinnt, er ist ein Champion. Man müsse ihn in einer höheren Liga hetzen lassen, irgendwie muss es doch zu schaffen sein, diesen Hund nach Santiago zu bringen; aber offenbar ist das ausgeschlossen. Es dauert eine Weile, bis uns Pablo Larraín darüber aufklärt, weshalb die Herren nicht unten, von der Rennstrecke aus, zusehen und weshalb eine Reise nach Santiago ausscheidet: Es handelt sich bei den Männern nämlich um Priester, die von der Kirche aus dem Dienst entlassen wurden und nun unter der Aufsicht einer Nonne in eine Art vatikanisches Klostergefängnis – ein abgelegenes Haus auf dem Berg mit Meerblick – zur Sündenbuße geschickt wurden: Sühnen für den Rest ihres Lebens.

Der Penis und ein Kindermund

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Sieht El Club zu Beginn ein wenig wie eine ganz unkatholische Alt-Herren-Komödie aus – vier infantile Opas und eine verbündete Nonne beratschlagen in einer engen Küchenzeile, wie es nun mit dem Champion weiter gehen soll –, schlägt der Film bald in eine unangenehme Situation um, an der für einen kurzen Moment noch etwas Ironisches lastet: Unten vor dem Haus steht ein anscheinend verwirrter Mann und brüllt; dass er als Kind missbraucht wurde, dass ihm gesagt wurde, er solle den heiligen Samen schlucken; er schreit heraus, wie, wo und wovon er penetriert wurde. Pater Lazcano (José Soza) ist der Adressat dieser Beschuldigungen, er steht oben am Fenster, weiß sich nicht zu helfen. Mit einer Pistole soll er ihm Angst machen gehen, soll er ihn verscheuchen, bevor das ganze Dorf von diesem Gebrüll Wind bekommt. Lazcano geht runter und erschießt sich selbst.

The Club 03

Die katholische Kirche ist zur Zeit bekanntlich zunehmend damit beschäftigt, die gewaltige Menge an Missbrauchsfällen aufzuarbeiten, derer sich ihre Angestellten schuldig machten. Pablo Larraín scheint diesem Prozess ein wenig anstoßen zu wollen. Er lässt sein Opfer losbrüllen, lässt ihm die Zeit, bis in die Einzelheiten vorzustoßen: die Größe eines Penis im Vergleich zu einem Kindermund, die aufgerissenen Mundwinkel. Er lässt ihm sogar die Zeit, sich zu wiederholen, immerzu dasselbe zu brüllen. Die Klosterwände isolieren nicht gegen das Geschrei von draußen: Man muss schon rauskommen, wenn man für Ruhe sorgen will.

Die selbstische Theologie des Schweigens

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Diese katholische Kirche also, die ihre Untersuchungen lieber im stillen Kämmerlein anstellt, die vor nichts mehr Angst hat, als vor dem Geschrei, die gewissermaßen auch im eigenen Interesse die Stille und den Frieden predigt, wird von Larraín auf die Straße gezwungen. Mit einem Mal herrscht lauter Aufruhr dort, wo die Kirche ihre Abtrünnigen hin exiliert und wo sie unter der Bedingung des Schweigens (gemäß jener selbstischen Theologie der Stille) ihren zwischen Panik und Gnade oszillierenden Schutz gewährt. Das Dämmerlicht – der Großteil von El Club ist in dieses getaucht – und das trübe Wetter schützen nicht mehr davor, erkannt zu werden. Aufgeschlitzt wird der Kokon, durch den die Kirche ihre Schuld verpuppen will. Ab sofort ist Schluss mit einem Neustart als Hundetrainer. In vielerlei Hinsicht jedoch ist dieser programmatische Impuls, von dem Larraín angetrieben zu sein scheint, satirischer als der bloß didaktische Zeigefinger, den er vermuten lässt. Der Selbstmord des Priesters ruft den Vatikan auf den Plan; ein junger, stattlicher Kleriker soll nach dem Rechten sehen, sehen, was da los ist, bei den senilen Pädophilen: ein Karrieretyp, mit getrimmtem Vollbart, Ralph-Lauren-Pulli und Duty-Free-Parfüm. In psychologischen Seelsorgegesprächen scheint er eher einen besorgten Konzern als die Religion zu vertreten.

Wehrlos, heilig, komisch

The Club 04

Das kann man Larraín zugute halten, dass er die ästhetischen Modi, durch die sich die Erzählung bricht – von der Satire zum Opferdrama –, zwar nicht unbedingt undefiniert, aber zumindest in einem Wechselspiel belässt. Mit der Kirche sollte man sich nicht anlegen, man sollte nicht zu laut werden, sonst kriegt man ihre geballte Macht zu spüren. Die Jagd, die auf den Schreihals beginnt, sie beginnt mit dem gönnerhaften Versuch, ihn in ein Heim abzuschieben, dorthin wo er nichts mehr anrichten kann, und endet mit einer brutalen Hetze, durchläuft etwa ganz unterschiedliche Affektregister. Die Musik wird mit einem Mal pathetisch, sie bricht aus, aus der kargen Cellomelodie, die sich zuvor noch unbeteiligt über die Bilder legte. Das Opfer wird zum Märtyrer sakralisiert; verfolgt von der gesamten Dorfgemeinschaft büßt er für die Sünde, die sich andere bei ihm zu Schulden kommen ließen; wehrlos und heilig. El Club nimmt sich in diesem sakralen Gestus sehr ernst und bricht ihn am Ende dennoch wieder zurück in den Modus eines sarkastischen „Ätsch-Bätsch“. Man kann sich streiten – und das ist womöglich überhaupt das Strittige an El Club– , ob es sich dabei um einen poetischen Spannungszustand oder um Unschlüssigkeit handelt. Im Zweifel für den Angeklagten. Wenn Täter, Opfer und Vermittler gemeinsam in ein Kirchenlied einstimmen, dann kann das feierliche Züge annehmen: eine Art chorische Aussöhnung. Wenn sich das dann allerdings ganz fürchterlich falsch anhört, dann ist es natürlich auch schnell wieder vorbei mit der Harmonie.

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