The Children

Im weihnachtlichen Kampf der Kinder gegen ihre Eltern haben Letztere dem kreativen Sadismus ihrer Nachkommen nichts entgegenzusetzen.

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Ein derangiert aussehender Schneemann, einäugig und mit einem knotigen Stock statt einer Karotte als Nase. Der ausgefranste Riss in einer sonnengelben Zeltplane. Ein nackter Barbie-Ken mit angeklebten Schmetterlingsflügeln und an einer Schnur baumelnd wie die Hühnerknochen-Installationen in Tobe Hoopers The Texas Chainsaw Massacre (1974). Pilzartig wuchernde Eiskristalle, schleimiger Froschlaich, hektisch wuselnde Einzeller. Eine sich langsam und unaufhörlich ausbreitende Blutlache im Schnee. Immer wieder im unhörbaren Wind wiegende, kahle, knochige Bäume. In Tom Shanklands The Children (2008) ist das Alltägliche fremd geworden, hat sich Sprache in unverständliches, vorzivilisatorisches Stöhnen, Schreien und Klagen verwandelt, während zuvor bedeutungslose Dinge plötzlich mit neuem, beunruhigendem Sinn vibrieren. Im Zentrum dieser weihnachtlichen Horrorvision steht die Erkenntnis, dass zwischen der Welt der Erwachsenen und der der Kinder eine tiefe Schlucht klafft, die bislang nur durch eine Laune der Natur äußerst fragil überbrückt worden ist.

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Elaine (Eva Birthistle) und ihr Ehemann Jonah (Stephen Campbell Moore) besuchen mit ihren Kindern – Teenager-Tochter Casey (Hannah Tointon), blonder Engel Miranda (Eva Sayer) und Lockenköpfchen Paulie (William Howes) – Elaines Schwester Chloe (Rachel Shelley), ihren Gatten Robbie (Jeremy Sheffield) und deren Kinder Leah (Rafiella Brooks) und Nicky (Jake Hathaway) in ihrem in den Wäldern gelegenen Landhaus, um dort gemeinsam Weihnachten und Neujahr zu feiern. Paulie scheint eine Erkältung mitgebracht zu haben und fällt bald durch seltsames, beinahe autistisches Verhalten auf, das die anderen Kinder erst verstört und dann schließlich ansteckt. Die Stimmung verschlechtert sich zusehends, und als Robbie einem blutigen Streich der Blagen zum Opfer fällt, müssen die Erwachsenen der Tatsache ins Gesicht sehen, dass die Frucht ihres Leibes es auf sie abgesehen hat.

Blutige Demontage des Familienidylls

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Weihnachten wird nicht nur in der Werbung immer wieder als Fest der Besinnlichkeit beschrieben, bei dem man die gemeinsame Zeit nutzt, um familiäre Bande zu stärken oder gar neu zu knüpfen. Man isst, trinkt, sitzt beisammen und unterhält sich, widmet sich vor allem den Kindern, die im Alltag sonst oft zu kurz kommen. Künstlern ist die aufgesetzte Harmonie, die an den Feiertagen Einzug in die Häuser hält, schon immer Anlass für ätzende Satiren gewesen, die die Scheinheiligkeit des Rituals gnadenlos aufdeckten, aber so blutrünstig, verstörend und vor allem final wie in Shanklands Horrorfilm ist die schöne Utopie vom familiären Frieden wohl noch nie demontiert worden. Dass hier etwas im Argen liegt, wird dem Zuschauer – im Unterschied zu den Protagonisten – schon in den ersten Sekunden klar. Die Fahrt mit dem Auto durch den dunklen Wald erinnert gleichermaßen an Dario Argentos Suspiria (1977) wie an Sam Raimis Tanz der Teufel (The Evil Dead, 1981), auch im Folgenden werden Bäume immer wieder drohend ins Bild gerückt, suggerieren wie in M. Night Shyamalans im selben Jahr entstandenem The Happening (2008), dass bisherige Gewissheiten hinfällig geworden sind. Woher der Virus kommt, den Paulie in das Idyll einschleppt, ob er wirklich verantwortlich ist für die Verwandlung der kleinen Engel in mörderische Bestien, diese Frage lässt Shankland bewusst unbeantwortet. Ganz sicher ist nur: Hier liegt Böses in der Luft.

Die Geburt des Bösen im sozialen Miteinander

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Dass dieses Böse aber möglicherweise nicht durch übersinnliche oder bislang verborgen gebliebene Naturkräfte in die Welt gekommen ist, sondern im sozialen Miteinander „behutsam“ zur Reife getragen wurde, zeigt das nur vordergründig harmonische Miteinander der beiden Familien. Caseys Entfremdung ist längst nicht nur der Pubertät geschuldet, sondern Resultat der Vernachlässigung durch ihren Stiefvater Jonah, der das leibliche Töchterlein Miranda eindeutig favorisiert (und mit ihr bevorzugt auf Chinesisch plaudert, das er ihr nebenbei beibringt). Mit Embryo-Tattoo am Bauchnabel stilisiert sich Casey zur „abortion that got away“ und ringt mit der Netzverbindung ihres Handys, das sie mit ihren Freundinnen in Kontakt halten soll. Neid und unaufgelöste Konflikte schwelen unter der weinseligen, kerzenbeleuchteten Oberfläche: Jonah will den erfolgreichen Robbie als Geschäftspartner gewinnen, doch der scheint keinerlei Interesse an den Ideen des Schwagers zu haben. Der ostentativ zur Schau getragenen Eintracht und Fortschrittlichkeit der Gastgeber haben Jonah und Elaine kaum etwas entgegenzusetzen, müssen vielmehr immer wieder kleine Nadelstiche ertragen. Und als die Situation mit den Kindern schließlich eskaliert, kann auch Chloe mit ihren offensichtlich lange zurückgehaltenen Vorwürfen, Elaine sei eine schlechte Mutter, nicht mehr hinterm Berg halten. Da ist freilich bereits alles zu spät, und wenig später liegt Robbie mit gespaltenem Schädel in einer Blutlache im Schnee.

Frontalzusammenprall zweier Bedürfniswelten

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Was Shanklands Film vor allem auszeichnet, ist das Auge für das verstörende Potenzial, das dem in seinen Grundzügen zutiefst asozialen Verhalten von Kindern innewohnt. Das in sich selbst versunkene, stupide und durch keine Ermahnung zu unterbindende Gehämmer von Paulie auf seinem Xylophon, die entfesselt-kreischige Glossolalie Nickys, das wort- und ausdruckslose Starren Leahs oder die krampfartigen Weinanfälle Mirandas werden Eltern ohne Zweifel wiedererkennen und ein leichtes Frösteln kaum ignorieren können. The Children handelt vom plötzlichen Wegfall der übersetzenden und dann vermittelnden Instanz zwischen Eltern und Kindern und vom dadurch bedingten Frontalzusammenprall zweier vollkommen unterschiedlicher Sprach- und Empfindungsebenen. Eltern und Kinder verstehen einander nicht mehr: Nicht nur existieren sie in unterschiedlich ausgeprägten Bedürfniswelten, sie müssen sich geradezu als Feinde begreifen. Beim Ausagieren ihrer Wünsche stehen den Kindern die autoritären Erwachsenen im Weg und müssen demzufolge ausgeschaltet werden. Das Fehlen jeglicher moralischer Erdung gleicht die körperliche Unterlegenheit mühelos aus: Die Erwachsenen fallen wie die Fliegen, hauchen ihren letzten Atemzug mit dem Gesichtsausdruck verständnisloser Überraschung aus.

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The Children reiht sich nahtlos ein in die kleine, aber feine Tradition von Horrorfilmen um mörderische Kinder. Wolf Rillas Das Dorf der Verdammten (Village of the Damned, 1960) kommt zwangsläufig ins Gedächtnis und spiegelt sich gewissermaßen in den puppenhaften Gesichtern Paulies und Leahs. Den teuflisch-sadistischen Einfallsreichtum der kleinen Satansbraten kennt man aus Böse Saat (The Bad Seed, Mervyn LeRoy, 1956) oder auch Angst (Bloody Birthday, Ed Hunt, 1981), den dystopischen Aspekt – die etwas überflüssige Schlusspointe antizipiert eine wahre Invasion der Killerkinder – aus dem grandiosen Ein Kind zu töten (¿Quién puede matar a un niño?, Narciso Ibáñez Serrador, 1976). Dessen Titel beschreibt denn auch die zweite Ebene des Grauens von Shanklands Film: Wenn Elaine am Ende ihre eigene Tochter über den Haufen fahren muss, wird klar, dass es im Kampf der Erwachsenen gegen die Kinder keine Sieger, nur Kriegsversehrte geben wird. In diesem Sinne: Frohe Weihnachten.

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