The Canyons

„Do you really like movies? Maybe they’re just not my thing anymore.“

The Canyons 01

Hollywood liegt in Ruinen. Bevor Paul Schrader in seinem neuen Film davon erzählt, wie hässlich es bei den Schönen und Reichen zugeht, präsentiert er uns den Niedergang der Filmindustrie in kleinen Stillleben. Eine Reihe von Aufnahmen leerstehender und verfallener Lichtspielhäuser ist zu sehen, ausgerechnet in einer Stadt, die man sofort mit einer gigantischen Filmmaschinerie in Verbindung bringt. Es ist, als schaue man auf einen Friedhof, auf Relikte aus einer Zeit, in der das Publikum sich seine Filme noch nicht aus dem Netz ziehen konnte. Wenn Schrader beginnt, seine Geschichte zu erzählen, werden zwar die Settings schicker, der Verfall bleibt aber ein Leitmotiv. Hinter den glänzenden Oberflächen einer minimalistischen Villa und den aufgespritzten Lippen von Lindsay Lohan eröffnet sich ein Schlachtfeld emotionaler Verwahrlosung.

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Viel zu oft wird Paul Schrader auf seine Funktion als Drehbuchautor von Martin Scorseses Taxi Driver (1976) reduziert. Daneben ist er nämlich auch ein ausgesprochen interessanter Regisseur, der mit seinen Filmen immer wieder ein finsteres Amerika und dessen gepeinigte Helden heraufbeschwört. The Canyons wirkt deutlich weniger stilisiert als seine früheren Filme, fügt sich aber doch gut in sein Gesamtwerk ein. Er erzählt vom gelackten, unsympathischen Filmproduzenten Christian (James Deen) und seiner vom Leben gezeichneten Freundin, der Schauspielerin Tara (Lohan). Als Hobby sucht das dekadente Paar gemeinsam den Sex mit anderen, betrügt sich dann aber auch noch gegenseitig. Taras heimliche Affäre mit einem unbekannten jungen Schauspieler ruft schließlich den notorisch eifersüchtigen und leicht psychotischen Freund auf den Plan. Mit allen Mitteln muss der Nebenbuhler zerstört werden.

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So eine Inhaltszusammenfassung führt leicht in die Irre, weil sie nahelegt, es handele sich hier um einen recht gewöhnlichen Genrefilm. Das Drehbuch schrieb diesmal nicht Schrader selbst, sondern Bret Easton Ellis, einstiger Bestsellerautor von Büchern wie American Psycho und nie darum verlegen, sich mit provokativen Äußerungen in den Mittelpunkt zu spielen. Doch den Erotikthriller, den Ellis schrieb, will Schrader partout nicht inszenieren. Stattdessen nimmt er seinem Werk immer wieder die Dynamik und inszeniert ein Requiem auf die Filmindustrie. Wie betäubt wandeln seine Figuren durch eine substanzlose Welt und erliegen nach und nach ihrer Sucht nach Geld, Macht und Ruhm.

The Canyons sucht dabei nicht zwanghaft nach dem Neuen. Weniger wohlmeinend könnte man auch sagen, der Film hält sich auf Allgemeinplätzen auf, wenn er von Schauspielern erzählt, die sich im buchstäblichen Sinn prostituieren müssen, von einer glamourösen Welt, hinter der nur triste Leere herrscht, und von Minderwertigkeitskomplexen, die mit finanzieller Macht kompensiert werden. Schrader widmet sich diesen Themen aber mit einer Ernsthaftigkeit und Detailfreude, wie man es nur selten zu sehen bekommt. Seine von Intrigen durchsetzten Szenarien wirken dabei oft wie eine nicht jugendfreie und ohne jegliche postmoderne Ironie inszenierte Seifenopfer. Doch dass der Film teilweise dramatisch überfrachtet oder unfreiwillig (?) komisch wirkt, sollte man nicht gegen ihn verwenden. Schrader versucht erst gar nicht, sein Sujet immer geschmackvoll umzusetzen. Er scheut sich nicht, einem Laiendarsteller einen zu anspruchsvollen Part zu geben oder seinen Film mit einem bedeutungsvollen Blick in die Kamera zu beenden. Er triumphiert mit The Canyons, weil er ständig dazu bereit ist, zu scheitern.

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Der größte Coup des Films ist aber seine Besetzung. Schrader hat keine Schauspieler aus der ersten Liga engagiert, sondern Darsteller, die vor allem durch ihre Präsenz glänzen, durch das, was sie wirklich sind. So kühl und uncharismatisch, wie Pornodarsteller James Deen in seinen Hardcore-Produktionen rüberkommt, ist er auch als zugekokstes Ekelpaket Christian. Nebenrollen werden von glatten Fernseh- und Nebendarstellern wie Nolan Funk und Tenille Houston gespielt, die auch im wirklichen Leben nicht voll im Geschäft, sondern immer auf der Jagd nach dem nächsten Auftrag sind. Die eigentliche Sensation aber ist Lindsay Lohan, die es regelrecht kultiviert, verbraucht und müde auszusehen. Bei ihr fühlt man sich ein wenig an die Hochzeit des Exploitationkinos erinnert, als Schauspieler noch wegen ihres Aussehens oder ihrer Ausstrahlung gecastet wurden und nicht wegen ihres schauspielerischen Könnens. Mit Schlafzimmerblick und aufgedunsenem Gesicht steigt hier ein durch Alkohol- und Drogenexzesse abgestürzter Kinderstar wieder hoch ans Firmament. Zur bejubelten Oscarpreisträgerin wird es Lohan wohl nie bringen, eine Königin des B-Movies wäre hier aber durchaus zu entdecken.

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Es verwundert kaum, dass Schrader dem Untergang Hollywoods in seinem Film so emotionslos gegenübersteht. In der Traumfabrik ist für einen wie ihn schon längst nichts mehr zu holen. Und auch außerhalb der Grenzen Hollywoods fehlt den meisten Produzenten der Mut, einen vor wirtschaftlichen Risikofaktoren nur so wuchernden Film wie The Canyons zu unterstützen. Doch aus der Asche der Filmindustrie kann ein Phönix emporsteigen. Im Falle Schraders war es neben finanzieller Eigenbeteiligung etwa die Crowdfunding-Plattform Kickstarter, die sein seltsames, kleines Kinowunder ermöglicht hat.

 

Trailer zu „The Canyons“


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Kommentare


anna

bisher habe ich nur in 2 Artikeln von dem deutschen Schauspieler Jim Boeven gelesen, der in "The Canyons" eine Nebenrolle hat - er spielt den Produzenten Jon, einen Amerikaner (keinen Cliche Deutschen). Da hat mal einer das Zeug zu einer internationalen Kariere ! Wann ist die Premiere in Deutschland?


Michael

Bisher hat der Film leider noch keinen deutschen Starttermin. Ich hoffe aber schwer, dass sich das noch ändert!


ulle

Gestern auf DVD geguckt. Sehr gewöhnungsbedürftig, gerade weil die Schauspieler zum Teil grottenschlecht spielen. Soap-Opera-Noir träfe es ganz gut. Besonders James Deen ist ein herausragend schlechter Actor, was dem Film aber zu Gute kommt; mit anderen Worten: So gut schlecht kann niemand spielen. Durch seine ungewollte Authentizität (?) wird seine Figur noch einmal zusätzlich eine Spur unsympatischer/ wiederlicher. Die größtenteils hölzernen Dialoge sind kaum inszeniert und basieren in ihrer eigenen Qualität auch aufgrund einer gewissen Unbeholfenheit des "Star" Ensembles. Somit eine Referenz des Regisseurs zum Gegenstand des Film (prima Autopoiesis!). Lohan überzeugt durch ihre offen zur Schau getragene Kaputtheit, die körperlich zum Ausdruck kommt und unbeschönigt in Szene gesetzt wird. Insofern auch eine endgültige Demontage der über Jahre rotierenden Lohan-Industrie.






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