The Call

Bei Anruf Mord. Kultregisseur Takashi Miike biedert sich beim Teenie-Horrorpublikum an.

The Call

Das bereits mehrere Dutzend Filme umfassende Gesamtwerk des noch relativ jungen japanischen Regisseurs Takashi Miike ist seltsam disparat. Der Vielfilmer ist berüchtigt für sein ausschweifendes, ins explizit Pornographische tendierendes Ausagieren von Gewaltphantasien. Bereits Dead or Alive (1999) zeigte Gewaltszenen von erstaunlichem Einfallsreichtum, und Ichi the Killer (Koroshiya 1, 2001) setzte Maßstäbe in Sachen Brutalität. Die Filme Gozu (Gokudo kyofu dai – gekijo: Gozu, 2003) und Izo (2004) verbanden die Gewaltexzesse mit mythischen Untertönen sowie skurrilem Humor. Audition (Odishon, 1999), ein psychologischer Thriller von großer Eleganz und Raffinesse, stellt den bisherigen Höhepunkt in Miikes Oeuvre dar. Dieser Film brachte es auch ins reguläre deutsche Kinoprogramm, was eine deutliche Ausnahme darstellt, denn Miikes Werke laufen zumeist nur auf Festivals und erscheinen anschließend mit einiger Verspätung als Videopremieren.

The Call

Nun ist auch The Call (Chakushin ari, 2003) - im vergangenen Jahr noch unter dem passenderen amerikanischen Titel One Missed Call auf der Berlinale vertreten - in deutschen Lichtspielhäusern zu sehen. Das verwundert wenig, denn der exzentrische Regisseur liefert einen für seine Verhältnisse extrem gradlinigen und auf ein Mainstreamgenrepublikum zugeschnittenen Film.

Der Tod kommt durchs Handy. Ein Mobiltelefon klingelt, Yoko nimmt nicht rechtzeitig ab, das Display verkündet: One missed Call, datiert in der nahen Zukunft. Auf der Mailbox hört die junge Frau ihre eigene Stimme – und einen furchtbaren Schrei. Zwei Tage später spricht sie tatsächlich die gehörten Worte in den Hörer, es folgt ein Schrei – das letzte, was sie in dieser Welt von sich gibt.

The Call

Wie schon in Hideo Nakatas Ringu (1998) und dessen Sequels (1999-2000) sucht sich der Tod also ein Medium, wird ein Fluch quasi via Technik weitergeleitet, und wie es in Japan scheinbar üblich ist (siehe auch Ju-on - The Grudge, 2003) stammen die Geister, die man anrief, von gestörten Mädchen aus gestörten Familien. Wer dabei wer ist, wer tot und wer nicht, das gehört dann zum thrillenden Plot.

Auch hier muss eine weibliche Protagonistin, Yumi, Freundin der verunglückten Yoko, dem Horror auf die Schliche kommen, bald steht ihr ein Mann unterstützend zur Seite. Die Gefahr wächst und der Tod scheint unaufhaltsam, denn die Telefonanrufe können offensichtlich jeden erreichen, ehe es schließlich auch bei Yumi klingelt.

The Call

Miike webt ein dichtes Netz aus Motiven und Verweisen, wobei er auf dem Weg zur schaurig schockierenden Lösung auch Medienschelte und Selbstreflexivität nicht auslässt. Das hat schon etwas Hollywoodeskes, und am meisten überrascht dieser bezugreiche japanische Horrorfilm tatsächlich dadurch, dass er eher den glatten amerikanischen Remakes als den kantigeren Originalen aus der eigenen Heimat gleicht. Während diese Horrormeilensteine der vergangenen Jahre oftmals erstaunliche Kameraführung mit überraschender Erzähltechnik paarten, weist The Call noch nicht einmal den immer noch beachtlichen Gruseleffekt oder die handwerkliche Souveränität der Duplikate auf.

Beispielhaft wird die Klischeehaftigkeit von Miikes Gruselkabinett in einer Blut- und Madenszene, die höchstens noch als Reminiszenz, jedoch nicht mehr als eigenständiger Beitrag gewertet werden kann. Die üblichen Schockelemente sind zwar vorhanden, ohne jedoch neu arrangiert zu werden.

The Call

Nach Full Metal Yakuza (Full Metal gokudô, 1997), einer Robocop-Variante, kommt nun Miikes wohl konventionellster Film in die Kinos, der seelenlos zwischen amerikanischen Mainstream und japanischen Vorbildern mäandert. Da fragt man sich, wie erst das geplante amerikanische Remake aussehen wird. Daran wird Miike zwar nicht beteiligt sein, dennoch hat er sich mittlerweile scheinbar endgültig auf die amerikanische Seiten geschlagen: Im nächsten Jahr erscheint Halloween Retribution, Teil neun der Endlosreihe, von dem Japaner in Szene gesetzt.

Da darf man gespannt sein, ob sich der einst zumindest konsequente Regisseur dann an einen Satz aus Ichi zurück erinnert: „Gewalt ist etwas Ernsthaftes“.

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