The Cabin in the Woods

The Cabin in the Woods ist der unterhaltsamste Horrorfilm der letzten Jahre. Ja, ist er.

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Eine Gruppe von fünf Collegefreunden fährt mit dem Kleinbus zu einer Hütte, die ganz entlegen in den tiefen Wäldern liegt. Auf ihrem Weg halten sie bei einer ziemlich heruntergekommenen Tankstelle und machen dort sogleich eine unheimliche Begegnung mit einem verrohten Mann, der ihnen mit der nötigen Portion Unhöflichkeit grausames Unheil prognostiziert … nein, liebe Leser, bitte nicht weiterklicken, denn die Handlung von The Cabin in the Woods ist tatsächlich alles andere, als sie vorzugeben scheint.

In der ersten halben Stunde dekliniert das Regiedebüt von Drew Goddard jedes auch nur erdenkliche Motiv des (Teenie-)Horror-, Slasher- und Monsterfilms durch. Angefangen bei der knarzigen Waldhütte, die innen wie außen aus Sam Raimis legendärem Tanz der Teufel (The Evil Dead, 1981) übernommen scheint, über einen Holzsteg am Seeufer à la Freitag der 13. (Friday the 13th, 1980-2009) bis hin zur ungeniert klischeehaften Zeichnung der Protagonisten: das blonde Flittchen, der Muskelprotz, der Nerd, der Kiffer und natürlich die toughe Jungfrau. Durch eine Klapptür am Boden gelangen sie in den unheimlich-düsteren Keller des Waldhauses, wo sie sogleich mehrere Utensilien (Fotografien, geheime Bücher, Schatullen) und ein wenig später auch eine Folterkammer voller spitzer Gegenstände entdecken. Dieser Ort, das weiß jeder, der auch nur ein paar Horrorstreifen in seinem Leben geguckt hat, birgt Böses.

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All dies wäre natürlich nur allzu platt, würde der Film nicht bereits von Beginn an eine zweite Handlungsebene etablieren. Tatsächlich spielt bereits die erste Sequenz nach dem von blutrünstigen, mittelalterlichen Folterzeichnungen untermalten Vorspann in einem gänzlich anderen (Film-)Universum. Wir sehen einen steril beleuchteten Automaten mit der Aufschrift „Fresh Coffee“. Um ihn herum stehen zwei ältere Männer (Richard Jenkins, Bradley Whitford), die zynisch und gelangweilt über ihr Privat- und Berufsleben lamentieren. Sie schreiten endlose Betonkorridore entlang, passieren Sicherheitskontrollen und nehmen schließlich mit ihren heißgeliebten Getränken auf fetten Bürochefsesseln Platz. Ein Mitarbeiter informiert die beiden, dass alles nach Plan läuft.

Bereits in den ersten Minuten offenbart der Film: Der Ausflug der Jugendlichen in der Waldhütte ist ein von ominösen Wissenschaftlern gesteuertes Medienspektakel. Mit Hilfe unzähliger technischer Hilfsmittel wie künstlichem Nebel, versprühten Pheromonen, Überwachungskameras und nicht zuletzt auf Kommando agierenden Zombies soll hier ein Horrorszenario aufgefahren werden, um die Zuschauer zufriedenzustellen. Die an dieser Stelle bisweilen aufkommende Medienkritik nimmt sich glücklicherweise nie zu ernst, sondern wirkt wie eine riesige Farce voller perverser Komiker. Und dass wir nicht die einzigen Zuschauer dieser Show sind, darüber gibt keine Kameraeinstellung, kein Positionswechsel von Sichtweisen den ganzen Film über Hinweise, nur einige symbolisch-fragmentarische Dialoge (u.a. an einem knallroten Telefon).

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The Cabin in the Woods lebt von seiner Intertextualität und seinen zahlreichen, dabei niemals erzwungenen Wendungen. Regisseur Goddard und sein Produzent und Co-Autor Joss Whedon (Serenity, Marvel’s The Avengers) sind beide wahrhaftige Filmfans und verwenden die ihnen und den Zuschauern bekannten Motive, um dann doch etwas gänzlich Neues zu erschaffen. Im Kern steht dabei beständig die Reflexion von mal mehr, mal weniger abgenutzten Horrorszenarien, sowie die Möglichkeit von deren Kombination (einmal im Film skizziert an einer Schreibtafel, als der eine Bürochef einem enttäuschten Wettkandidaten den Unterschied zwischen normalen „Zombies“ und einer „Zombie Redneck Torture Familie“ erklärt). Das funktioniert in den meisten Fällen sehr gut, auch wenn mit fortschreitender Spielzeit die tödlichen Unfälle der Protagonisten nicht immer schockierend wirken, sondern vielmehr der Auslotung genretypischer Grenzen dienen. Ein Befreiungssprung per Motorrad kann deshalb nur schief gehen und zwar nicht dank irgendwelcher Monster, die sich blitzartig in den Weg stellen, sondern aufgrund der Struktur des Systems selbst. Langsam aber sicher wird das gesamte Spektakel von Grund auf durchleuchtet. Protagonisten wie Zuschauer werden Zeuge eines gekonnt die gesamte Kadrage des Filmbildes ausnutzenden Verfolgungsszenarios à la Cube (1997), bei dem sich zu den bereits etablierten Motiven noch Elemente der Science-Fiction sowie des Fantasy-Films hinzugesellen.

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Im Finale gibt es schließlich das lang ersehnte Splatterinferno, bei dem sich die Leinwand ziemlich rot färbt und Figurenkonstellationen einmal mehr hinterfragt bzw. über Bord geworfen werden. Der Film bricht konsequent die Grenzen zwischen den beiden Realitätsebenen auf und zeigt, wozu die Crew von Maskenbildnern und visuellen Effekten zusätzlich zur detailverliebten Set-Dekoration zu Beginn in der Lage sein kann. Spätestens hier ist das Genrefanherz erfüllt, der Hunger nach selbstironischer, die Konventionen untergrabender Unterhaltung gestillt. Dann packt der Film nochmal eins drauf, präsentiert dem Zuschauer einen amüsanten Gastauftritt und entwickelt ganz nebenbei seine eigene Mythologie, die alles zuvor Gesehene noch übertrifft. Tatsächlich ist all die Vielfalt, die sich in diesem Film offenbart, gleichzeitig die Visualisierung des Genre-Grundschemas per se.

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The Cabin in the Woods führt das ohnehin äußerst selbstreferenzielle Genre des Horrorfilms nicht nur an seine Grenzen, er überschreitet sie. Er führt jegliche Charakteristika seiner Erzählmuster ad absurdum und kann sie gleichzeitig unterhaltsam verwerten: Inszenierung als notwendiges Übel, ein wahnwitziger Gladiatorenkampf zur Besänftigung der Allmächtigen selbst. Der Film ist mutig genug, die „eine Regel“ des Horrorfilms tatsächlich zu brechen und in dessen wahre Seele zu blicken, die nicht einmal der größte Nerd hätte erahnen können (außer den beiden, die den Film gemacht haben). The Cabin in the Woods ist vielleicht das für den Horrorfilm, was Apocalypse Now (1979) für den Kriegsfilm darstellt: Nach ihm braucht es andere Vertreter des Genres eigentlich gar nicht mehr. Diese Gewissheit kann man als Zuschauer letztlich hassen oder lieben. Der Weg dorthin bleibt das Entscheidende – und der war überaus unterhaltsam!

Trailer zu „The Cabin in the Woods“


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Kommentare


Stefan

Dieser Film ist der schlechteste den ich je gesehen habe. Die Idee ist gut 3/10, aber der Film an sich, ohne ständige Hinterfragung der Idee, ist seelenlos und eine Aneinanderreihung von Ideen ohne jeglichen Zusammenhang.
Alles was jetzt an Horror kommt ist besser- garantiert.


Sebastian

Die Ideen im Film und die tatsächliche Grundidee des Filmes ansich haben mir gefallen. Ansich wird der Film jedoch zu Unrecht in der Kritik überhöht.
Der Film ist unterhaltsam, aber doch sehr platt und interessiert sich keineswegs für seine Figuren. Die Mythologie wird nur grob angerissen. Meiner Meinung nach wird hier durch ein oberflächliches Drehbuch und zu viele Lächerlichkeiten eine sehr gute Idee sinnlos verbraten. Das hätte ein richtig guter 120 min.-Film mit Kultpotential werden können. sehr schade!!! ... so ist es nur eine nette Unterhaltung für zwischendurch mit mäßigem Erfolg an der Kinokasse, einfach nicht wirtschaftlich genug, dieser Ansatz!


Visitor Q

Believe the hype. Einer der spaßigsten und cleversten Filme des Jahres. 9/10


Leander

Klar ist der Film klasse, selbst wenn man sich nicht für die dahinterstehende Symbolik interessiert / Sie nicht wahrnehmen kann.






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