The Brown Bunny

Kann ein Film, der beim Festival in Cannes von der versammelten Filmkritik höhnisch verrissen wurde, vollkommen schlecht sein? The Brown Bunny ist ein reduktionistischer Autorenfilm von und mit Vincent Gallo, der einen quälen, einschläfern und am Ende doch beeindrucken kann.

The Brown Bunny

Ein Motorradrennen: Die zittrige Kamera hat sich aus großer Ferne herangezoomt. Als sie den Helden inmitten der übrigen Fahrer ausmacht, setzt für einige Augenblicke der Ton aus. Dann brandet das Kreischen der Rennbahn wieder auf. Der Mann auf der goldgelben Honda rast minutenlang durch den Motorenlärm und immer wieder in die Stille hinein. Für den Sieg ist er nicht schnell genug. Bud Clay (Vincent Gallo) verstaut sein Motorrad in einem schwarzen Van und macht sich auf die Reise von New Hampshire nach Kalifornien, und während der nächsten eineinhalb Stunden wirkt der Film, als genüge ihm das pure Beobachten dieses einsam fahrenden Mannes als Geschichte.

In langen Einstellungen fällt der Blick durch die Frontscheibe auf Vororte und Städte, Landstraßen und Highways; Sonnenuntergänge werfen bunte Lichtreflexe zwischen die Flecken toter Insekten, die niemals weggewischt werden. Die Kamera zeigt Bud am Steuer seines Wagens: in Nahaufnahmen von der Seite, von hinten, sein Kopf als Schatten im Gegenlicht. Immer wieder setzt der Ton aus, Bilder verschwinden in der Schwarzblende. Diese Lähmung der erzählerischen Mittel korrespondiert mit der inneren Leere der Hauptfigur. Der Mann mit Stoppelbart hat ein Problem, hat irgendwelche Schmerzen – oft sieht er so aus, als müsste er weinen, dann küsst er wortlos einsame Frauen mit Blumennamen – Violet, Lilly – die ihm an einer Tankstelle oder Raststätte begegnen. Er kreist ziellos mit einer Hure namens Rose durch eine der vielen Städte, bevor es ihn weiter treibt. Der Mann muss fahren, und alle Schauplätze sind nur Stationen. So wie die wahre Ursache seines rastlosen Schmerzes noch im Unbewussten des Protagonisten bleibt, so verweigert sich der Film bis kurz vor Schluss einer konventionellen Narration.

The Brown Bunny

Das Genre des Roadmovies, das häufig atemberaubende Panoramen der Freiheit und des Fahrens ins Kino gebracht hat, wird in The Brown Bunny in atemberaubende Leere und Trostlosigkeit transformiert. Nur einmal scheint Bud Clay ins Metaphysische entkommen zu können. Er stellt seinen Van inmitten einer Salzwüste ab, steigt auf sein Motorrad und rast auf den Horizont zu. Die Kamera zoomt hinterher, bis sie nicht mehr kann, der Fahrer wird zur Fata Morgana, die flirrend und tonlos über dem Weiß der Wüste schwebt. Doch nach einem Schnitt ist alles wie zuvor: Die Autofahrt geht weiter.

Vincent Gallo ist es ernst mit dem geballten Leiden seiner Hauptfigur. Diese fast egomanische Ernsthaftigkeit war es, die bei der Pressevorführung von Cannes in Gelächter umkippte. Dabei wollte Gallo die totale Kontrolle über sein Werk behalten. Nach seinem Regiedebüt Buffalo ’66 (1998) ist The Brown Bunny der zweite Spielfilm des Musikers, Schauspielers, Malers, Fotografen, des Multitalents und begnadeten Selbstdarstellers. Nicht nur inszenierte sich Gallo erneut selbst in der Hauptrolle, er übernahm auch Produktion, Teile der Kameraarbeit und den Schnitt, Design und Kostüm. Nur die Reaktion von Publikum und Presse ließ sich nicht kontrollieren – und so wunderte sich letztere hämisch, dass Gallo nicht noch die weibliche Hauptrolle übernommen hatte.

The Brown Bunny

Diese tritt erst am Ende auf, und der Film, der bis dahin wie aus der Zeit gefallen scheint, verfolgt plötzlich doch eine Erzählung. Zu Beginn seiner Tour hatte Bud das alte Ehepaar Lemon besucht und erzählt, dass er mit Daisy, der Tochter der beiden, ein Baby kriegen sollte. Am Schluss erscheint Daisy (Chloë Sevigny) in Buds Hotelzimmer. Als dann die schnell berühmt gewordene Full-size-Oralsex-Szene folgt, taucht tatsächlich kurz der Gedanke auf, Gallo habe diesen Film vielleicht nur gedreht, um sich von Chloë Sevigny einen blasen zu lassen. Was sie kompromisslos tut. Doch dann steigert sich Bud in einen Eifersuchtsanfall hinein, der selbstmitleidig heulend auf dem Bett endet. Eine Rückblende erzählt die Wahrheit über Daisy und Bud, und alles wird klar. Ändern wird sich nichts.

Der Film benutzt das Stereotyp des einsamen Helden, aber er dreht einen Strick daraus. Hinter den Männlichkeitssymbolen, dem Motorrad, der unrasierten Unwiderstehlichkeit, dem egozentrischen Kamerablick steckt ein von Schuld zerfressener Versager, in den die Wahrheit erst langsam einsickert - wie auch in den Zuschauer. Die unerwartete Erkenntnis des Endes entfaltet ihre volle Wucht erst durch die Zeit, die zuvor in ruhiger Beobachtung verstrichen ist. Diese Wirkung setzt voraus, dass sich ein Publikum auf den Rhythmus der Bilder einlässt und ihn nicht gleich als pathetische Stilisierung verlacht.
Im besten Falle funktioniert The Brown Bunny als Schlag in den Magen. Im schlimmsten Fall ist er schmerzhaft langweilig. Aber er biedert sich nicht an, und das darf man ihm anrechnen.

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