Die Bücherdiebin

Ein Märchen aus der Nazi-Zeit.

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Flöckchenzarter Schneekugelschnee bestäubt das ferne Deutschland, die roten Fahnen mit den zackigen Kreuzen leuchten wie frisch gewaschen und gebügelt, der süße Mantel aus Musik schlingt sich um die düstere Vergangenheit mit ihren goldlockigen Mädchen und pausbäckigen blonden Buben, die Gold im Herzen haben und einen versteckten Juden im Keller. O schicksalhafte Nazizeit! Ein letztes Mal wurde die inzwischen abgerissene Berliner Straße – die berühmte Babelsberger Allzweck-Retrokulisse – herausgeputzt: für einen Film, der mit „Es war einmal ...“ hätte beginnen können. Denn Die Bücherdiebin (The Book Thief) sieht aus wie ein Märchen, das bei den Nazis spielt. Mit Hitler als unsichtbarem Bösen Wolf und einem couragierten Rotkäppchen, das, getragen vom Zauber des geschriebenen Wortes, den dunklen Wald (das „Dritte Reich“) durchquert, dabei den Tod höchstpersönlich um den Finger wickelt und zu einem erfüllten Leben gelangt.

Auf der Suche nach dem Erbaulichen

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2005 erschien Markus Zusaks Jugendroman The Book Thief und wurde zu einem Bestseller. Zusak wählte den Kniff, den während der NS-Zeit schwerbeschäftigen Tod zum Erzähler zu machen. Dieser Sensenmann geht seinem Handwerk mit bitterer Ironie und – ja – auch Gefühl nach. Die neunjährige Liesel Memminger rührt zufällig sein Herz, und er verfolgt ihren Lebensweg, ohne sie wie so viele andere vorzeitig abzuholen. Liesel verliert ihre Familie und kommt zu Pflegeeltern, dem in ärmlichen Verhältnissen lebenden Ehepaar Hans und Rosa Hubermann. Das einsame Mädchen entdeckt – ein wenig wie Bastian aus Die unendliche Geschichte, bei dem auch alles mit einem Diebstahl begann – die magische Welt der Literatur. Sie lernt lesen und durchläuft ihre persönliche Entwicklung an einem Ort, wo bald Bücher verbrannt werden. Durch ihre Liebe zur Sprache wird Liesel, die zunächst auch begeistert das NS-Jungmädel-Outfit trug, oppositionell. Kleine Gesten zeigen ihr Aufbegehren gegen das nationalsozialistische Unrecht. Hitlers Mein Kampf wird sie mit ihren eigenen Erlebnissen überschreiben. Als ein langer Zug der Ausgestoßenen durch die Straße getrieben wird, rennt Liesel auf die einzelnen Menschen zu und ruft: „Ich vergesse dich nicht!“ Das ist schön.

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Auch die Verfilmung möchte eine schöne – wenn nicht sogar noch schönere – Geschichte aus dem „Dritten Reich“ erzählen. Der Tod schaltet sich nur noch sporadisch aus den wallenden Wattebauschwolken ein. Sein Sarkasmus hält sich in Grenzen, und die ihm dann doch anheimfallen, „küsst“ er rücksichtsvoll im Schlaf, während leise die alliierten Bomben auf die puppenstubenhafte Ortschaft fallen. Oder er lässt die ihm Anvertrauten noch einen halben Liebesschwur über die Lippen bringen, bevor die Seelen ihren „Frieden“ finden, in einem melancholischen Anselm-Kiefer-Panorama aus Schutt und Asche, malerisch fotografiert von ganz oben. Und da oben schwebt über der Bücherdiebin auch permanent die notorische Frage, was es eigentlich nochmal auf sich hatte mit diesem starken menschlichen (und marktorientierten) Drang, in allem Schrecklichen partout das Erbauliche zu suchen, das Rührende, die Rettung vom Holocaust, das goldige Mädchen mit den Zöpfen, bei dem sogar der Tod innehält. Das ist wohl ein aufs allgemeine Seelenheil ausgerichteter, evolutionär sicher wichtiger Zug. Und das ist großer Kitsch.

Ein Nazi-Weihnachtsfilm für die ganze Familie

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In Brian Percivals Die Bücherdiebin tragen die Jungdarsteller ebenmäßige Gesichter wie aus der Werbung für Kinderschokolade und sagen damit vor Lebensweisheit tropfende Erwachsenendialoge auf. Die Protagonisten verhalten sich so, wie wir uns das alle rückblickend gewünscht hätten. Liesel (Sophie Nélisse) und ihr kleiner Verehrer Rudi (Nico Liersch) rufen „Ich hasse Hitler!“ über den See und decken den im Hubermann’schen Keller versteckten jüdischen Max (Ben Schnetzer). Liesels leibliche Mutter und ihre Pflegeeltern, die Nachbarn, die Frau des Bürgermeisters ... irgendwie sind doch alle im inneren Widerstand, heimliche Kritiker, Kommunisten, Judenretter. „Saumensch“ ist zwar das Lieblingswort der erst so hartherzig erscheinenden Zweitmutter Rosa (Emily Watson), aber Thema der Bücherdiebin ist der gute Kern in eben diesen Saumenschen. Am Ende bleibt das Gefühl, einen Nazi-Weihnachtsfilm für die ganze Familie gesehen zu haben, ein Fantasy-Abenteuer aus einem Land vor unserer Zeit, in Hochglanz und mit Oscar-Ambition. Als der vermenschlichte Tod dann doch im Epilog unsere Protagonistin sanft heimholt, erzählt das Stillleben in ihrer Wohnung von ganz heutigen Vorstellungen vom guten Leben: eine erfolgreiche Schriftstellerinnenkarriere, ein teures Apartment in Citylage, ein Apple-Computer. O stilles Glück, o bittersüße Vergangenheit. Aus dir lässt sich noch viel Schmalz gewinnen.

Trailer zu „Die Bücherdiebin“


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