The Bloody Exorcism of Coffin Joe – Kritik

Ein langer Fingernagel als Symbol der Grenzüberschreitung. José Mojica Marins zelebriert ein teuflisches Weihnachtsfest.

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Bei José Mojica Marins lassen sich reale Person und Kunstfigur nicht immer trennen. Für seinen Film At Midnight I'll Take Your Soul (À Meia-Noite Levarei Sua Alma, 1964) schuf der Regisseur und Schauspieler einen niederträchtigen Bösewicht namens Coffin Joe (im Original: Zé do Caixão), der sich mit schwarzem Umhang, Zylinder und einem krallenartig gewachsenen Fingernagel auf die Jagd nach begattungswilligen Damen macht. In Brasilien ist er damit längst zum festen Bestandteil der heimischen Popkultur geworden: Den finster dreinschauenden Leichenbestatter kann man wahlweise im Fernsehen oder in einem der zahlreichen bis heute produzierten Coffin-Joe-Filme sehen. Einen Teil seiner Schöpfung nimmt Marins auch mit ins wirkliche Leben. Den charakteristischen langen Fingernagel etwa trägt er aus Gründen der Authentizität auch privat.

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In The Bloody Exorcism of Coffin Joe (O Exorcismo Negro, 1974) lässt Marins Dichtung und Wahrheit auf besondere Weise miteinander kollidieren. Die Eröffnungsszene – ein schräger Überfall auf ein Zombiepärchen – wird als Film in einem Film enthüllt, in dem Marins mit gemäßigter Eitelkeit eine fiktive Version seiner selbst gibt. Im Ferienhaus eines Freundes will er über die Weihnachtsfeiertage das Drehbuch zu seinem neuen Film schreiben. Irgendwas ist jedoch faul auf der entlegenen Insel: Ein animierter Dreizack erscheint, Bücher fliegen durch die Luft, eine Schlange windet sich bedrohlich um den Christbaum und das Fest der Liebe verwandelt sich zunehmend in ein teuflisches Happening.

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Horrorfilme, die an Weihnachten spielen, leben von einem extremen Gegensatz. Gerade zu jener Jahreszeit, in der die Menschen in besinnliche Gefühlsduselei versinken und alles Negative ausklammern, konfrontiert sie das Kino mit saisonalen Scheußlichkeiten. Meist nimmt das Grauen das Antlitz von Dingen an, die normalerweise Freude bereiten: Weihnachts-, Schnee- oder Lebkuchenmänner etwa, die in Teilen dieses Subgenres mit den bösesten Absichten wüten. Marins geht dagegen weiter zurück. Er nimmt sich nicht den kommerziellen Auswüchsen von Weihnachten an, sondern dessen religiösem Ursprung. Den Tag, an dem auch im christlichen Brasilien die Geburt von Gottes Sohn gefeiert wird, inszeniert er als satanistische Orgie unter dem Vorsitz von Coffin Joe. Und schon davor streut er Vorahnungen für den blasphemischen Super-GAU, lässt eine Jesusfigur enthaupten und das Bild eines Engels mit einem Messer bearbeiten.

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Der Begriff Horrorfilm kann das, was Marins hier veranstaltet, eigentlich nur unzureichend beschreiben. Wenn es zu spuken beginnt, wirkt The Bloody Exorcism of Coffin Joe noch wie ein klassischer Haunted-House-Film, der auf unheilvoll wehende Vorhänge und erschreckte Gesichter setzt. Bald schon gerät aber alles außer Kontrolle: die Erzählung, die Darsteller und auch die Technik. Mit grobschlächtigen Schnitten, wahnwitzigen Schwenks und hektischen Zooms wird der Film zu einer fiebrigen Exploitation-Raserei. Während Weitwinkelobjektive menschliche Gesichter zu Fratzen verzerren, poltert ein infernalischer Soundtrack mit elektronischem Gebrummel und Gefiepse, Gongschlägen und schweren Gitarrenriffs. Selbst in den statischen Dialogszenen  bewahrt sich der Film seine Erregung, gleicht die fehlende Bewegung mit lärmender Musik und expressiver Mimik aus. Umso seltsamer wirkt es, wenn der filmische Exzess von selbstreflexiven Momenten gebrochen wird. Etwa wenn Marins zwischendurch in Grüblerpose erklärt, warum sich Menschen gerne Schreckliches ansehen.

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Schon in früheren Filmen war Coffin Joe trotz seiner moralisch fragwürdigen Handlungen ein Held – ein Held der Subversion. Häufig richteten sich seine Schandtaten etwa gegen die erdrückende Macht einer totalitären Kirche. The Bloody Exorcism of Coffin Joe ist nicht zuletzt deshalb interessant, weil er christliche Motive aufgreift und sie in einem anarchischen Akt in ihr Gegenteil verkehrt. Die Wurzel des Übels ist etwa die Adoptivtochter der Gastfamilie, die sich einen eigenen Mann ausgesucht hat, obwohl sie dem Sohn des Teufels versprochen ist. Wie im Neuen Testament ist auch ihrer Stiefmutter eine Art unbefleckter Empfängnis widerfahren. Wenn es in den letzten zwanzig Minuten dann zu einer wilden Ansammlung von sadomasochistischen und kannibalistischen Akten kommt, sind diese Bilder offensichtlich kunstgeschichtlichen Darstellungen des Jüngsten Gerichts entlehnt. Nur sind die nackten, gequälten Leiber diesmal nicht Opfer einer göttlichen Bestrafung, sondern teuflischer Willkür.

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Manchmal wirkt es ein wenig seltsam, wenn Marins meint, seine Faszination für das Dunkle rechtfertigen zu müssen. Bevor er mit einem selbst gebastelten Kreuz gegen die dämonischen Weihnachtssaboteure ins Feld zieht, distanziert er sich entschieden von seiner Schöpfung und lässt seinen Gastgeber beteuern, dass sich Parapsychologie und Katholizismus nicht ausschließen müssen. Letztlich rettet Marins sogar Weihnachten – irgendwie zumindest. Dahinter könnte man ohne Weiteres eine konservative Botschaft oder gar die Verleugnung der eigenen Kunst vermuten. Doch wenn man sich ansieht, mit welcher Begeisterung die Figuren hier ihre Besessenheit in die Kamera brüllen und wie detailliert und lustvoll Marins die Rituale des Bösen inszeniert, bleibt kein Zweifel daran, welche Prioritäten der Film hat. Schöpfer und Schöpfung verbindet vielleicht doch mehr als nur ein langer Fingernagel.

Trailer zu „The Bloody Exorcism of Coffin Joe“


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