The Bigamist

Wenn Film und Figuren einander vertrauen: In The Bigamist interessiert sich Ida Lupino für all das, was nicht im Schema des scheinbar geradlinigen morality play aufgeht.

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In Gang gebracht wird der Film durch einen tüddeligen alten Herren Namens Mr. Jordan (Edmund Gwenn). Herr Jordan ist Angestellter einer Agentur, die Kinder für Adoptionen vermittelt und führt background checks der Interessenten durch. Der gesamte erste Filmabschnitt ist ihm gewidmet: Jordan, rein optisch der Verzicht auf zwei Beinen, kommt tapsig aber unermüdlich einem Fall von Vielweiberei auf die Schliche. Toll, wie er vor den Hochäusern von Los Angeles steht, ohne sich einschüchtern zu lassen. Noch toller eine Szene, in der er die bisherigen Erkenntnisse über ein adoptionswilliges Ehepaar in ein Diktaphon spricht, während seine Haushälterin sich mit einem Staubwedel nähert und neugierig lauscht. Er wendet sich unwillig ab, sie jedoch denkt gar nicht daran, sich abwimmeln zu lassen und besteht auf ihrem Recht auf Gossip. In dieser auf leise Art hochkomischen Szene, in der Art, wie die Kamera Raum, Menschen und Objekte miteinander in Beziehung setzt, steckt bereits die ganze Meisterschaft Ida Lupinos.

Mother Lupino

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Gibt es so etwas wie mütterliche Autorenschaft? Mit „Me, Mother Directress“ hatte Lupino 1967 einen Artikel über ihre Arbeit als Regisseurin für Film und Fernsehen überschrieben. Am Set war das auch ihr Spitzname: „Mother“ Lupino umhegt ihr Team und ihre Schauspieler liebevoll und zieht außerdem einen Film groß. Vermutlich hat Lupino, in den späten 1940er und frühen 1950er Jahren die einzige Frau, die in Hollywood Filme inszenieren konnte, dieses traditionell weibliche Rollenbild hauptsächlich aus taktischen Gründen derart proaktiv angenommen: um den Skandal abzumildern, den ihre Tätigkeit damals für die Filmindustrie bedeutet haben muss.

Andererseits: 1952 wurde Lupino selbst Mutter, und gerade einmal ein Jahr später übernahm sie zum ersten und einzigen mal in einer ihrer Kino-Regiearbeiten auch vor der Kamera eine zentrale Rolle – eine, die Mutterschaft reflektiert: In The Bigamist spielt sie Phyllis Martin, eine nicht mehr ganz junge Frau, die in Los Angeles in einem chinesischen Restaurant als Kellnerin arbeitet. Im Rahmen des spekulativen Melodrams, das der Film an der Oberfläche ist, übernimmt sie die Rolle der „anderen Frau“. Der Ehebrecher des Titels ist der Vertreter Harry Graham (Edmond O’Brien), der mit seiner Frau und Geschäftspartnerin Eve (Joan Fontaine) ein paar hundert Meilen nördlich in San Francisco lebt. Auf einer seiner zahlreichen Geschäftsreisen lernt er Phyllis kennen – und zwar auf einer Bustour durch Hollywood, die beide nur gebucht haben, um Zeit totzuschlagen. Während die Mitreisenden rechts und links die Anwesen von Clark Gable und Barbara Stanwyck bewundern, schließt Phyllis die Augen – eine kleine, feine Spitze Lupinos gegen jene Filmindustrie, der sie zwar ihre Karriere verdankt, die von ihren filmemacherischen Ambitionen jedoch vor allem irritiert war. Phyllis und Harry verlieben sich ineinander, schließlich wird sie von ihm schwanger und er geht auch mit ihr eine Ehe ein.

Vertrauensverhältnis zwischen Film und Figuren

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Man kann die biografische Verschränkung der Regisseurin und Hauptdarstellerin mit ihrer Rolle als Zufall abtun (ein weiterer, fast noch erstaunlicherer Zufall: Lupino und Fontaine waren auch im echten Leben mit demselben Mann verheiratet – allerdings nicht gleichzeitig, sondern nacheinander) und The Bigamist als ein geradliniges morality play lesen: Harry übertritt, möglicherweise als Reaktion auf die beruflichen Ambitionen seiner Frau, eine von Sitte und Gesetz gleichermaßen überwachte Grenze, und muss schließlich dafür bezahlen. Lupinos sorgfältige Regie extrahiert aus allen Rollen und aus jeder einzelnen Szene allerdings stets genau das heraus, was in diesem Schematismus nicht aufgeht.

Für die Figuren heißt das: Eve ist keine eiskalte Karrierefrau, sondern ein verletzliches Wesen mit offenem Lachen und einem fast kindlichen Vertrauen in die Welt („I love our marriage“); Phyllis ist keine verruchte Verführerin, sondern ein ermattetes working girl, das die bürgerlichen Glücksversprechen eigentlich schon abgehakt hat und sein Glück kaum fassen kann, wenn der traveling salesman es nicht bei einem one night stand belassen will; und Harry selbst ist alles, nur kein viriler Stecher – vor allem anderen ist er überfordert, schon mit einer, erst recht mit zwei Frauen. Lupino stellt diese drei Menschen in wechselnden Konstellationen in ihre langen, geduldigen Einstellungen hinein und lässt sie aneinander verzweifeln. Es gibt gewissermaßen ein – vielleicht ja tatsächlich: mütterliches – Vertrauensverhältnis zwischen dem Film und seinen Figuren: Er erwartet von ihnen, dass sie sich ihm bis auf ihr Innerstes offenbaren, aber er nimmt auch selbst keine unzulässigen Abkürzungen, reduziert die ihm anvertraute komplexe Innerlichkeit nicht auf billige Rhetorik.

Objektive, nicht moralische Grenzen

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Zwei Familien gibt es in dem Film, eine respektable aber kinderlose in San Francisco (in der Wohnung von Harry und Eve stehen Porzellanfiguren auf schicken Kommoden), eine klandestine, aber fruchtbare in Los Angeles (in der Wohnung von Harry und Phyllis liegen Stofftiere auf ein wenig ranzigen Sofas). Lupinos Film muss zwar konstatieren, dass das nicht sein darf, er verurteilt jedoch weder die eine noch die andere Familie, bringt allen Beteiligten dasselbe Verständnis entgegen. Die Grenzen, an die Harry, Phyllis und Eve am Ende des Films in einer denkwürdigen Gerichtsszene (Chris Fujiwara: „[a] combination of ambiguity and intensity that recalls both Carl Dreyer and Nicholas Ray“) stoßen, sind die objektiven der bürgerlichen Gesellschaftsordnung, nicht die moralischen der bürgerlichen Ideologie.

Trailer zu „The Bigamist“


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