The Big Wedding

Eine weitere Komödie über fidele Alte. Mit Starbesetzung.

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Was immer Sie an Schlechtem über The Big Wedding gehört haben, ist leider wahr. Und Schlechtes gehört beziehungsweise gelesen haben Sie, falls Sie auch ausländische Filmkritiken zur Kenntnis nehmen, vermutlich eine ganze Menge. Zum Kinostart in den USA war der Film in den Medien so übel beleumundet, dass von der Sammelstelle rottentomatoes.com unter den führenden Kritikern ein sagenhaft niedriger Wert von vier Prozent ermittelt wurde. (Noch schlechter schneidet nur noch Scary Movie 5 ab, mit null Prozent.)

Aber Sie sollten den Film nicht gleich aufgeben. Denn ein anderer Wert der Datenbank verrät Erstaunliches. Das Publikum, also die große Masse an Rottentomatoes-Nutzern, hat sich durchaus amüsiert: 69 Prozent mochten den Film. Auch das lässt nicht auf einen Hit schließen. Aber die große Diskrepanz zwischen den Zahlen 4 und 69 wirft doch die Frage auf, was man in The Big Wedding anderes sehen kann als den misslungenen Versuch einer schenkelklopfenden Sex-Komödie? (Der oben erwähnte Scary Movie 5, das sei ergänzt, liegt bei der Publikumsbeliebtheit noch einmal zehn Prozent höher. Aber diejenigen Kritiker, die meinten, sie hätten Einfluss auf ästhetische Erziehung oder gar wirtschaftlichen Erfolg an der Kinokasse, sind ja ohnehin längst verschwunden und sehen sich im Himmel in einem plüschigen alten Kinosaal All About Eve in Endlosschleife an.)

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Was also gibt es Gutes zu sagen über Justin Zackhams zweiten Spielfilm als Regisseur, zwölf Jahre nach der Straight-to-Video-Produktion Going Greek? Eine Antwort könnte lauten: Stars. Wirklich große Stars, und viele davon. Robert De Niro, Diane Keaton, Susan Sarandon und Robin Williams aus der älteren, Katherine Heigl und Amanda Seyfried aus der jüngeren Generation. Der zweite Grund könnte sein: Sex. Der Film beginnt mit Robert De Niro, der sich gerade daran macht, die auf einem Küchentisch liegende Susan Sarandon mit Cunnilingus zu erfreuen. Die Nummer geht schief, Knie knallen gegen Schläfen, der Mann geht zu Boden.

Womit wir beim möglichen dritten Grund wären, dem Slapstick, dessen Opfer stets De Niro ist, immerhin einer der berühmtesten Schauspieler der Welt, der leider seit Jahren vor allem in mittelmäßig gelungenen Komödien zu sehen ist. Seine Oscarnominierung für Silver Linings (Silver Linings Playbook, 2012) in diesem Jahr machte kurzzeitig Hoffnung auf Besserung. In The Big Wedding ist er zum Punchingball geworden: Kurz nach dem erwähnten Cunnilingus-Knockout übergibt sich Katherine Heigl auf seine Schulter, und insgesamt drei Mal wird er geschlagen, dabei jedes Mal von Frauen: zwei Hiebe mit der Faust, eine Backpfeife. (Über die angebliche Witzigkeit von weiblicher Gewalt im US-Kino wäre bei Gelegenheit auch noch einmal zu reden.)

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De Niro spielt einen geschiedenen Bildhauer, der mit seiner neuen Freundin (Sarandon) in einem Haus am See lebt. Gemeinsam mit seiner Ex-Frau (Keaton) hat er drei erwachsene Kinder, zwei leibliche und ein adoptiertes, Alejandro (Ben Barnes). Als Letzterer seine Verlobte Missy (Amanda Seyfried) heiratet, wird die dysfunktionale Familie zur Wiedervereinigung gezwungen: Damit Alejandros streng katholische leibliche Mutter, die aus Mexiko anreist, nicht schockiert wird, müssen De Niro und Keaton so tun, als seien sie noch verheiratet. Das ist die Prämisse, auf der das Drehbuch von Regisseur Zackham – der vor allem als Autor und Produzent von Das Beste kommt zum Schluss (The Bucket List, 2007) bekannt ist – ein ziemliches Durcheinander veranstaltet, eine seltsame Mischung aus Prüderie und Libertinage, Familienwerten, Religion und antiklerikalem Furor.

Und doch liegt ein gewisser Reiz in dieser Geschichte, in der laufend versucht wird, Sexualität zu unterdrücken, und in der der Trieb doch immer wieder hervorbricht. (Einmal, darauf ist De Niros Figur dann auch sehr stolz, in einer Nacht für volle 40 Minuten am Stück, und das in seinem Alter!)

Bezeichnenderweise wird der Witz aus umgekehrten Vorzeichen abgeleitet: Es ist hier die ältere Generation, die sich recht sexbesessen gibt, und es ist ein Mann, dessen Jungfräulichkeit es zu überwinden gilt. Die Frauen, alte wie junge, sind, sehr zum Missmut des von Robin Williams gespielten bigotten Priesters, sowohl innerhalb als auch außerhalb der Ehe äußerst aktiv. Das erreicht mit der sehr stereotypen Figur einer abenteuerlustigen, jungen Mexikanerin einen absurden Höhepunkt.

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Aber anders als im atheistischen Universum von Judd Apatow (Beim ersten Mal, Knocked Up, 2006), dessen Figuren noch in der gröbsten Vulgarität nie ihre Glaubwürdigkeit verlieren, sind die Zoten in The Big Wedding wirklich nur Zoten. Vielleicht liegt das daran, dass Sex hier noch eine ganz altmodische Bedeutung beigemessen wird, die in modernen Komödien längst verloren ist: In Apatows Immer Ärger mit 40 (This is 40, 2012) bietet die Frau ihrem (Viagra konsumierenden) Mann einen Blow-Job an, weil sie „Lust auf eine Zigarette“ hat, sich das Rauchen aber abgewöhnen will. Sexualität ist in dieser Welt nichts Erhabenes mehr, sondern simpler Bestandteil menschlicher Natur, sowohl sinnlich als auch mechanisch, sowohl intim als auch (im ständigen Reden darüber) öffentlich. Eine Freizeitbeschäftigung, über die man pfiffige Oneliner schreiben kann.

In The Big Wedding wird die Keuschheit des Priesters zwar verlacht, aber sie ist dennoch Zentrum des gesellschaftlichen Koordinatensystems, nach dem die Figuren handeln. Zu diesem konservativen Zug passt auch die Tatsache, dass die einzige Person, die am Schluss ein gleichgeschlechtliches Abenteuer beichtet, die unsympathischste Figur in der ganzen Geschichte ist und auf der großen, alle vereinenden Feier am Ende des Films nicht mitmischt – der angeblich lächerliche Kirchenmann aber schon.

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Ein alter Song von den Drifters gibt zum Abspann die Botschaft in Kurzform. Seid wild, habt Spaß. Aber nicht zu viel. Und nicht zu lange:

But don’t forget who’s takin’ you home

And in whose arms you're gonna be

So darlin’ save the last dance for me.

Trailer zu „The Big Wedding“


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