The Big Short

Eine Börsenkrimikomödie, die es in sich hat: Adam McKay holt die großen Kaliber raus und justiert sie genau, damit wir das Platzen der Immobilienblase lustvoll genießen können.

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Kurios sind sie alle, die Männer mit dem Geld. Die Männer mit dem Geld, das sie haben. Das sie schon fast greifen können. Das sie verlieren, um es zu vervielfachen, indem sie darauf setzen, dass die anderen pleite gehen. The Big Short führt uns ihre Welt vor, wie in einem Zoo, bei dem wir die Gitterstäbe für den Augenblick eines Films hinter uns lassen können. Wir steigen ein in die Käfige der Geldvermehrung und -verbrennung, gelangen ganz dicht an diese merkwürdigen Tiere heran, an die mit den taillierten Anzügen in feinster Abstimmung mit den Augenfarben, und an die, die sich in T-Shirt und Shorts nonchalant beim Telefonieren mit dem Investor die Zähne putzen. Nur in wenigen Augenblicken sind die Spekulanten pervers anziehend im Exzess wie in Scorseses Wolf of Wall Street. Harmlos, geradezu brav erscheinen vor allem diejenigen, die die Immobilienkrise vorhersahen, die darauf wetteten, dass die Blase platzt. Vertrauenserweckend sind sie freilich nicht, die Protagonisten der Finanzkrise von 2007, die Adam McKay hier inszeniert, der Experte für zweifelhaft komische Figuren, verantwortlich etwa für die Will-Ferrell-Komödien Anchorman – Die Legende von Ron Burgundy (2004) und Stiefbrüder (Step Brothers, 2008).

Underdogs in scharfgezündeter Gemengelage

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Investmentbanker taugen ganz schlicht zu Helden nicht. Faszinierend sind sie umso mehr. The Big Short erzählt von mehr oder minder gewieften Underdogs, die entdecken, dass vor allem die amerikanische Finanzwirtschaft auf Sand gebaute Träume von geschenkten Krediten und hinterhergeworfenen Hypotheken verkauft. Mit Glück, Verstand, nach Verhandlungen und vor allem gegen ganz viel Widerstand und Unglauben verstehen die Protagonisten das miese Geschäft und lassen es mit Lausbuben-Grinsen für sich arbeiten. Es ist eine spektakuläre, geradezu wahnwitzige Geschichte, die McKay schildert. Nach und nach wetten Banker auf den großen Knall, und die Gegenseite lässt es bereitwillig zu.

So einfach ist das aber nicht. Einfach ist hier ohnehin nichts, weil McKay ein mediengesättigtes Mosaik komponiert, das ohne Rücksicht auf Konsequenz und Hollywood-Schwere, die oft auch Komödien gerne bestätigen, munter verknüpft und verschränkt – auf dass alles miteinander überlappt. Zum Eigeninteresse gesellen sich Triebe, Rhythmen, Lust, Marken, Ideologie. Erst gemeinsam und in ihrer kulturellen Dimension bringen sie die scharfgezündete Gemengelage der 2000er eindringlich zum Vorschein.

Wie kein Börsencrashfilm vor ihm

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Die an Realität satte Geschichte ist mit Referenzen so herzhaft überladen, dass noch jeder sich aufdrängende oder hochkommende Authentizitätsfetisch im Keim erstickt wird. Das Irreale, das zum inneren Wesen der Börse gehört wie sonst vielleicht nichts, baut The Big Short nach und wirkt gerade durch all die Freiheiten, die er sich erzählerisch, rhythmisch und stilistisch nimmt, gleichzeitig so real und glaubwürdig wie kein Börsencrashfilm vor ihm. Theoretisch müsste sich hier alles gegenseitig abstoßen, das Gegenteil trifft aber zu: Blendend fügen sich die verschiedenen Register, die McKay zieht, ineinander.

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Von Ryan Gosling über Steve Carell und Christian Bale bis Brad Pitt hat der Regisseur bis in kleinste Nebenrollen A-List-Schauspieler herausragend besetzt und inszeniert. Dank ihnen gibt es keinen trockenen Augenblick in diesem Film, trotz aller Vermittlungsbegierde, die McKay für sich beansprucht. Zwischendurch lässt er auch mal eine Berühmtheit wie Selena Gomez auftreten, die als der Fremdkörper, der sie ist, zunächst wirkt, als sei sie rein dekorativ eingesetzt, dann aber in einer drolligen Massenchoreografie mal eben den Ausgangspunkt der Spekulationsmaschinerie darstellt. Überhaupt erklärt McKay lustvoll viel und gerne in dieser gemeinsam mit Charles Randolph geschriebenen Adaption des gleichnamigen Sachbuchs von Michael Lewis. Die erwartete Unwissenheit des Zuschauers wird nicht auf Sidekicks abgewälzt, die naive Fragen stellen – wie das konventionelle Drehbücher gerne lösen, um die Protagonisten noch in ihrer Autorität zu stärken. Neben den kleinen Erklärbär-Einschüben, die den Zuschauer direkt adressieren und aus einer Parallelwelt zu stammen scheinen, sind in The Big Short fast alle Figuren auf die ein oder andere Weise einfältig und wissensbedürftig, und sie stacheln sich gegenseitig zum Ausformulieren der Hypotheken- und Börsentricks an.

Lustvoller Niedergang

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McKay gelingt es, gleichzeitig Empathie und Subversion, Distanz und Humor gegenüber seinen Figuren heraufzubeschwören. Seine Darsteller setzt er ohne falsche Rücksicht herzhaft stereotyp ein: Ryan Gosling gibt den schmierigen, immer ein bisschen überambitionierten Hinterbänkler, dessen Charme aufgrund seiner eigenen Euphorie auf das Gegenüber einwirkt. Christian Bale ist als manischer Zahlennerd besetzt, der seine Firma beinahe ruiniert, weil er zu früh dran ist und alle ihn nach und nach für wahnsinnig halten. Brad Pitt spielt den ominösen, bereits aus dem aktiven Geschäft ausgestiegenen Einsiedler, der ein Herz für die Schwachen hat. Steve Carrell gibt den wütenden Banker, dem es nur selten gelingt, seinen existenziellen Zorn zu kanalisieren, dem aber im richtigen Moment der Kragen hält.

Während die vielen Figuren und noch mehr Nebenfiguren oft getrennt voneinander gegen die großen Finanzhäuser arbeiten, gibt es diesen einen Moment, der alle verbindet – und der ist bei allem Pathos ein besonders schöner, weil er gerade keine Heldenreise kulminieren lässt, sondern den Niedergang auf lustvolle und physische Weise zum Glänzen bringt. Es ist der Augenblick des aufkommenden Leichtsinns bei den Underdogs, die sich plötzlich als Sieger sehen. Sie feiern, obwohl die Zeit dafür noch nicht reif ist, obwohl die Zukunft erst recht ungewiss ist. Sie fühlen das Leben auf dem Zenit seiner Kraft in jeder ihrer Zellen, jeder Faser ihres Körpers, und McKay lässt uns das spüren.

Poetik des Leichtsinns

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Der Leichtsinn ist vielleicht überhaupt das schönste aller Laster, die das Kino einzufangen weiß. Das Vergnügen, das Strahlen, das von den sich aufhellenden Augen mit den sich weitenden Pupillen aus den ganzen Körper übermannt, die Spannungen löst und in einen Schwebezustand überführt. Der Leichtsinn führt zusammen: die, die es ernst meinen und die anderen. Er ist ein Geschenk für jede Inszenierung geschichtlicher Prozesse, in denen Antagonisten menschlich erscheinen dürfen, und bricht sich Bahn in herzhaftem Lachen, einem Lachen, das nachhallt, das wir kennen, das uns gleichzeitig größer und kleiner macht, als wir es sind. Das uns die Erfahrung erlaubt, für kurze Zeit außer uns zu sein, um die Realität wieder erleben zu lernen. Es gibt keine bessere Voraussetzung, um das mit der Börse zu verstehen. Und es gibt keinen Film, der das weniger von uns erwartet.

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Kommentare


Lucas Barwenczik

Miley Cyrus spielt in diesem Film gar nicht mit. Lügenpresse!
(Gemeint war wohl Selena Gomez.)


Michael

Danke für den Hinweis! Ist jetzt korrigiert.






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