BFG – Big Friendly Giant

Wenn London aussieht wie ein deutsches Dorf in einem Hollywoodfilm. Steven Spielberg hat Roald Dahl verfilmt. Fabian Tietke fasst das Unglück in Worte.

BFG - Big Friendly Giant 05

Eben noch hat die patente kleine Sophie einer Gruppe Betrunkener gehörig die Meinung gegeigt – als sie wenig später erneut aus dem Fenster blickt, sieht sie eine riesige faltige Hand einen Mülleimer aufrichten. Aus Angst, von Sophie an die anderen Menschen verraten zu werden, greift der dazugehörige Riese kurzentschlossen nach Sophie und braust mit ihr über Felder, Berge und Meere davon – ins Land der Riesen. Dort stellt sich heraus, dass der Riese der kleinste der Riesen ist und zudem als Vegetarier von den anderen Riesen verachtet wird – was angesichts seines Hauptnahrungsmittels (riesigen schleimigen stinkenden Gurken) allerdings sehr nachvollziehbar ist.

Nachdem Sophie ihre Angst und der Riese sein Misstrauen überwunden haben, freunden die beiden sich an. Der Riese beschützt das Mädchen, als die anderen Riesen ihre Anwesenheit wittern und Jagd auf sie machen. Während die übertumben fleischfressenden Riesen nachts Kinder klauen und auffressen und die Tage vorrangig mit Schlafen verbringen, zieht der vegetarische Riese tagsüber los, um Träume einzufangen und sie des Nachts an Schlafende zu verteilen.

Der Queen hörig

BFG - Big Friendly Giant 07

Steven Spielbergs BFG beruht auf dem gleichnamigen Buch von Roald Dahl – leider. Denn sonderlich originell und fantasievoll ist diese Geschichte jenseits der Riesen nicht. Auch im Film äußert sich die grenzenlose Freiheit dieser Fantasie darin, dass Sophie und der Riese in nebeligen Moorlandschaften auf einem Hügel bunten Lichtern hinterherjagen, die frei fliegende Träume darstellen sollen.

Die Spezialeffekte sind auf dem Stand der Technik, und die Kombination aus realen und animierten Elementen ist Spielberg mehr als gelungen. Weniger gelungen sind die visuellen Entscheidungen des Setdesigns: Dass in einem Film, der offenbar in der Entstehungszeit des Dahl-Buches in den 1980er Jahren spielen soll, London aussieht wie ein deutsches Dorf in einem Hollywoodfilm der 1930er Jahre, darüber könnte man wohl noch hinwegsehen. Aber weder das Holzgebälk in der Höhle des Riesen noch die Brücke über einen Abgrund zu einer Art Werkstatt des Riesen, in der dieser die gefangenen Träume in beschrifteten Gläsern aufbewahrt, kommen über generische Standards hinweg. Zu allem Überfluss blökt Sophie zudem in der englischen wie in der deutschen Fassung unablässig „BFG“, wenn sie den Riesen anspricht (und diese Anrede ist schon auf Englisch nur notdürftig als Abkürzung für „Big Friendly Giant“ zu erklären).

Spielbergs Film ist eine durchaus gelungene Umsetzung von Dahls Vorlage, nur ist Dahls Vorlage eben dazu geeignet, möglichst unwiederbringlich vergessen zu werden. Vollends unerträglich wird BFG durch den Lösungsansatz, den Spielbergs Werktreue dem Film einbrockt – und hier muss man dann wohl mal spoilern: Um sich der bösen fleischverzehrenden Riesen zu entledigen, verfällt Sophie als autoritätshörige Britin darauf, dass sie gemeinsam mit ihrem Riesen die Queen um Hilfe bitten sollten. Auf dass die Queen ihre Soldaten auf die bösen Riesen hetzen möge. Um es kurz zu machen: Jede Fantasiegeschichte, die derart auf Autoritätshörigkeit setzt und Militarismus als Lösungsstrategie anbietet, hat sich von selbst erledigt.

Trailer zu „BFG – Big Friendly Giant “


Trailer ansehen (3)

Kommentare


Jeremias

Überwiegend nachvollziehbar, aber dass am Ende die Queen eingeschaltet wird, erscheint mir für ein modernes Märchen wie dieses kein unstattmäßiger Stilbruch, sondern im Gegenteil ziemlich passend und angemessen. In Märchen gibt es nunmal Riesen und, ja, Königinnen, und dass es sich hier um eine mehr oder weniger real existierende mit nützlicher Armee handelt, verleiht der Sache einen originellen Twist. Ich verstehe ja, wenn man sich daran stört, dass in "World War Z" die WHO die Welt rettet, weil es nunmal zur Zombiedramaturgie gehört, dass die Insitutionen versagen und Jedermänner über sich hinauswachsen, aber in einem Märchen hat die Hocharistokratie einen rechtmäßigen Platz.


Fabian Tietke

Die Empörung/Genervtheit über diesen letzten Twist rührt auch eher daher, dass ich bei dem Film einfach nie fand, dass der Phantasie so recht die Flügel gewachsen sind. Die Verbiestertheit, die manche Romane Dahls nun mal haben, klebt dem Film fast durchgängig an und findet in den Szenen mit der Queen und dem militärischen Butler der Queen dann vollends zu sich selbst.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.