The Best Offer – Das höchste Gebot

Kein Sizilien, keine Kindheitserinnerungen, doch in einer Sache bleibt sich Regisseur Giuseppe Tornatore auch in seinem Thriller in der Welt der Antiquitäten treu: der nostalgischen Liebe zum klassischen Kino.

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Macken, Phobien und Psychosen: Das Thriller-Genre lebt nicht nur von den Ängsten des Publikums, sondern vor allem auch von den seelischen Störungen seiner Protagonisten – man denke nur exemplarisch an Alfred Hitchcocks Figuren wie Marnie Edgar (Marnie, 1964), John Ballantine/Dr. Anthony Edwardes (Ich kämpfe um dich, Spellbound, 1945), John Ferguson (Vertigo, 1958) und natürlich Norman Bates (Psycho, 1960).

Auch Virgil Oldman (Geoffrey Rush) ist ein Mensch mit Ticks und absonderlichen Marotten, ein typischer Anti-Held à la James Stewart. Der Protagonist von The Best Offer ist ein Einzelgänger nahe am Misanthropen, doch zugleich ein brillanter und kultivierter Kunstkenner und Antiquitätenhändler, dessen Handschuh-Sammlung eine eigene Schrankwand einnimmt. Einer, der sich keine Blöße in der Öffentlichkeit geben will, der sich eitel die grauen Haare färben lässt und der aus purer Pedanterie ein Geschenk als höfliche Geste nicht annehmen kann. Ein einsamer Mann, der nur in seiner selbstgeschaffenen Kunstwelt existiert, die er vollständig kontrollieren muss. Kein Wunder also, dass Oldman ein erfolgreicher Auktionator ist.

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Regisseur Giuseppe Tornatore hat sich mit seinem Werk den Ruf des Nostalgikers erworben – mit Liebeserklärungen an das analoge Kino (Cinema Paradiso, Nuovo Cinema Paradiso, 1988) wie an seine sizilianische Heimat (Der Zauber von Malèna, Malèna, 2000; Baaria – Eine italienische Liebesgeschichte, Baarìa – La porta del vento, 2009), die er mit dem retrospektiven Blick auf die Kindheit im goldenen und verklärten Licht erstrahlen ließ. Auch The Best Offer ist ein zutiefst nostalgischer Film. Dabei steht Tornatores erste englischsprachige Produktion seit Die Legende vom Ozeanpianisten (La leggenda del pianista sull’Oceano, 1998) in einer Reihe mit seinen weniger bekannten Produktionen Eine reine Formalität (Una pura formalità, 1994) und Die Unbekannte (La sconosciuta, 2006) – und das sind klassische Genrethriller.

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So führt er Oldmans Universum ebenso elegant und präzise ein, wie er den Protagonisten charakterisiert. Sorgfältige Kamerafahrten und Einstellungen zeugen von einer auf Perfektionismus getrimmten Symphonie, die adäquat vom Score Ennio Morricones untermalt wird. Tornatore entwickelt seine Story langsam und überaus kunstfertig, führt die Zuschauer in die Welt der Antiquitäten ein und stellt Oldmans wenige Verbündete vor, den erfolglosen Maler Billy (Donald Sutherland) und den jungen Restaurator Robert (Jim Sturgess), bis der Telefonanruf einer jungen Frau genau diese festverankerte Welt ins Wanken bringt. Es ist das Geheimnis um diese mysteriöse Claire (Sylvia Hoeks), das Oldman mehr und mehr gefangen nimmt und bis zur Obsession antreibt. Die junge Frau, so erfährt Virgil nach und nach, leidet an Agoraphobie. Sie hält sich in einer verlassenen Villa von der Außenwelt versteckt und erweckt die Begierde im passionierten Kunstsammler Oldman.

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Regisseur und Drehbuchautor Tornatore baut seine Geschichte so bedächtig zusammen wie den altertümlichen Automaten, dessen Einzelteile sein Protagonist Stück für Stück in der alten Villa findet. Dadurch lässt er die Zuschauer an der Konstruktion teilhaben und schafft dennoch eine Atmosphäre der Anspannung und des Misstrauens. Getragen wird The Best Offer dabei vom meisterhaften Spiel Geoffrey Rushs und Jim Sturgess’, das auch einige Längen im letzten Drittel überdecken kann. Denn Tornatore zieht das Tempo erst nach dem Höhepunkt und der vorhersehbaren Auflösung an, die einen derangierten Protagonisten hinterlässt, und damit ein wenig zu spät, um den Suspense publikumswirksam und punktgenau zu entladen. Es ist der einzige Makel in einer ansonsten mustergültigen Konstruktion.

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Identitätsverlust, Fetischismus, Voyeurismus: The Best Offer ist eine liebevolle Hommage an die großen Hitchcock-Themen und – auch hier bleibt sich Tornatore treu – an die Kinohistorie selbst. Gemessen am Zeitgeist kann man seinen Stil als altmodisch bezeichnen, tatsächlich ist er aber im besten Sinne klassisch-zeitlos wie ein gut geschneiderter Smoking. Es ist eine Ode an das Kunsthandwerk des Genres, das weniger durch die Aufdeckung eines bestimmten Rätsels fasziniert als vielmehr durch die anschauliche und präzise Ausführung seiner Gestaltung.

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