Die Liebenden

Als Liebe noch unendlich teilbar schien. Christophe Honorés nostalgisches Musical setzt mit Ludivine Sagnier, Catherine Deneuve und Chiara Mastroianni drei Frauen als libertäre Figuren in Szene. 

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Mit einem Blick über die Dächer von Paris beginnt Beloved (Les Bien-Aimés). Regisseur Christophe Honoré steigt schnell hinab in die Straßen, versucht aber dennoch, immer wieder einen Überblick in seiner Musical-Tragikomödie zu schaffen. Der ist schon allein deshalb nötig, weil Honoré in seinem neuesten Film vier Jahrzehnte im Leben der Familie einer Freizeit-Hure umspannt. Dabei setzt er weniger auf einen roten Faden, als dass er in einer romanartigen Logik Verbindungslinien aufbaut, um Verästelungen zu folgen und schließlich wieder zum Stamm zurückzukehren. 

Beloved ist im besten und schlechtesten Sinn exemplarisch für das französische Kino. Positiv gewendet lässt sich darin ein Unikat erkennen, eine in Deutschland unvorstellbare künstlerische Freiheit, mit Leichtigkeit von Prostitution, Kommunismus, AIDS, Terrorismus und Libertinage zu erzählen und es damit auch ernst zu meinen. Und das mit einer nicht ganz geringen finanziellen Ausstattung, die es ermöglicht, dies im Gewand eines Musicals mit originären französischen Chansons zu realisieren, mit einigen der größten Stars und an Schauplätzen in Paris, Prag, London und Montreal mit entsprechenden Dekors aus vier Jahrzehnten. 

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Wer dem Film weniger wohlwollend entgegentritt, wird vielleicht geneigt sein, ihn selbstverliebt zu nennen, oder auch hermetisch. Denn trotz aller Leichtigkeit und sexuell-kulturellen Austauschs innerhalb des Films – von Tschechen mit Französinnen, von Französinnen mit Amerikanern, von Heteros mit Schwulen – schließt sich Beloved in seinem Stil ein, suhlt sich in Beziehungsdramatik, die sich nicht immer erschließt, obwohl sie in Dialog und Chanson ausführlich  reflektiert und wiederholt wird. Christophe Honoré hatte in der Vergangenheit, im bisher einzigen seiner Filme, der einen regulären Kinostart in Deutschland hatte, Chanson der Liebe (Les chansons d'amour, 2007) bewiesen, dass er mit sehr geringen Mitteln pointiert und einfallsreich zu erzählen weiß. Hier ist das Gegenteil der Fall, alles wirkt gedehnt, lavierend oder forciert. Alex Beaupain hat im Gegensatz zu Chanson der Liebe eigens für den Film komponiert, was sich in einem primär illustrativen Gestus der Chansons ausdrückt. 

Für Liebhaber französischer Filme ermöglichen vor allem die Schauspieler den Zugang. Ludivine Sagnier bringt für die Rolle der jungen Madeleine ihren ganzen Körper zum Einsatz, bietet ihn selbstbewusst zur Miete an und sät schon in den glücklichen Anfängen ihrer großen Liebesgeschichte den Keim von Trauer. Catherine Deneuve setzt für die alte Madeleine auf eine Verbindung von gesetzter Anmut, die Deneuve nie ganz von sich zu streifen weiß, und von divenhafter Verspieltheit, die sie von ihrer jüngeren Kollegin in die filmische Gegenwart trägt. Tochter Vera rund um die Jahrtausendwende gibt Deneuves tatsächliche Tochter, eine sichtlich gealterte Chiara Mastroianni, die zwischen ähnlichen Momenten wie ihre junge Filmmutter schwankt. Nur nimmt man ihr die bedingungslose Hingabe für einen schwulen Drummer kaum ab. Eine undankbare Nebenrolle übernimmt Honoré-Veteran Louis Garrel als ebenfalls unglücklich Verliebter, nur mit offenbar wenig investiertem emotionalem Kapital. Lediglich im Epilog bekommt er in mehreren Szenen die Gelegenheit, als menschliches Wrack zum Bindeglied zwischen den sich der Welt entziehenden Frauen und dem Zuschauer zu avancieren. 

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Am Ende kehrt Beloved zu einigen seiner Schauplätze zurück, lässt Madeleine an ihnen vorbeistreifen in einer Bewegung, die Ordnung schafft, wo Ordnung doch dem Lebensprinzip der Protagonistin so fern war. Vielleicht entwirft Honoré hier auch einen Abgesang auf eine Zeit, in der Libertinage noch kein Schimpfwort war. Beloved endet nicht zufällig kurz nach dem 11. September 2001 mit einem Scheitern der ungebundenen Liebe. In die Zukunft blickt er nicht.

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