The Beaver Trilogy

Eine Talentshow in der amerikanischen Provinz. Ein junger Mann mit Make-up und blonder Perücke. Zwischen Dokumentation und Fiktion erzählt Trent Harris drei Variationen einer wahren Geschichte.

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Filmemachen kann reine Glückssache sein. Nicht unbedingt in der bis ins Detail durchgeplanten, kommerziellen Filmindustrie, dafür aber umso mehr in kleineren und dokumentarischen Produktionen. Hier kann das unerwartete Aufeinandertreffen günstiger Umstände noch zu einem magischen Moment führen. Trent Harris hatte 1979 etwa eine Zufallsbekanntschaft, die ihn noch Jahre später beschäftigen sollte. Der Regisseur war damals für Channel 2 in Utah angestellt und testete auf dem Parkplatz des Senders eine neue Kamera. Dabei kam ihm ein blonder junger Mann mit dem Spitznamen Groovin’ Gary vor die Linse, der sich nicht nur als redseliger Gesprächspartner erwies, sondern auch als mal mehr, mal weniger begabter Stimmenimitator. Am Ende landete Harris bei einer Talentshow in der Kleinstadt Beaver, wo sich Gary als Olivia Newton John verkleidete und ihre Disco-Ballade „Please Don’t Keep Me Waiting“ zum Besten gab.

Now is the moment we must live, you can’t run and hide

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Das Ergebnis dieser Begegnung ist ein bemerkenswerter, halbstündiger Dokumentarfilm, dem es nie ganz gelingt, die Person, die er porträtiert, zu greifen. Dabei strahlt The Beaver Kid (1979) einen groben Do-it-Yourself-Charme aus, der nicht nur auf Garys leidenschaftliche, wenn auch alles andere als perfekte Bühnendarbietung zurückzuführen ist, sondern auch darauf, dass Harris zu diesem Zeitpunkt noch kein Filmemacher war. Sein Umgang mit der Kamera gleicht der eines Amateurs in der Experimentierphase, während sein offensichtliches Ziel als Regisseur vor allem darin besteht, möglichst viel von diesem faszinierenden Mann mit dem unsicheren Blick und dem herausgepressten Lachen einzufangen.

Sich über eine Talentshow in der Provinz lustig zu machen wäre ein Leichtes gewesen. Stattdessen zeigt der Film, wie man aus der Enge einer konservativen Kleinstadt ausbrechen kann, ohne diese tatsächlich zu verlassen. Die Bühne ist für Gary ein Ort der Freiheit. Hier kann er seine Träume ausleben und sich vor allem auch Sachen leisten, die im Alltag nie möglich wären. Umso wichtiger ist es für ihn, eine Trennlinie zwischen Realität und artifizieller Bühnenwelt zu ziehen. Doch auch wenn Gary, während er in einem Bestattungsinstitut geschminkt wird, noch so oft betont „It’s just Fun“ und „I’m a Man, not a Girl“, wird man das Gefühl nicht los, dass ihm das alles sehr viel mehr bedeutet, als er zugeben möchte. Das Schöne an The Beaver Kid ist jedoch, dass er zwar viele Gedanken provoziert – nicht zuletzt über Garys ungeklärte Sexualität –, sie aber letztlich nicht ausformuliert.

Moralische Bedenken

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Zumindest noch nicht. Denn Harris konnte sich von Gary in den folgenden Jahren nicht mehr lösen und verarbeitete die Begegnung noch zwei weitere Male, in The Beaver Kid 2 (1981) und The Orkly Kid (1985). Erst 2001 wurden diese drei Annäherungsversuche eins und als The Beaver Trilogy veröffentlicht. Dabei wirken die späteren Filme so, als wollte der Regisseur begreifen, was ihn damals so an dieser Geschichte fasziniert hat, und als sähe er die einzige Möglichkeit, es herauszufinden, in einer zunehmenden Fiktionalisierung. Sobald Harris beginnt, filmisch zu erzählen, zu verdichten und zuzuspitzen, verschwinden die Unebenheiten des dokumentarischen Ausgangsmaterials und weichen einem Melodram über einen gesellschaftlich geächteten Außenseiter.

The Beaver Kid 2 ist vor allem ein seltsames Reenactment. Aufnahmen aus dem ersten Teil werden mit Szenen gekreuzt, die einen damals noch unbekannten Sean Penn zeigen, wie er eine groteske Vorstellung als trauriger Drag-Queen-Clown gibt. So sehr sich Harris hier an der Struktur seiner Dokumentation orientiert, so wild sind die Interpretationen darüber, wie das damals eigentlich alles gemeint war. Und auch wenn aus Gary mittlerweile Larry geworden ist, fragt man sich als Zuschauer doch, ob die künstlerische Freiheit, die sich der Regisseur nimmt, nicht auch moralische Probleme mit sich bringt. Dass der Porträtierte, heutigen Casting-Teilnehmern gleich, unbedingt berühmt werden will, lässt sich nicht abstreiten. Ob man aber über eine real existierende Person, die derart naiv und zerbrechlich wirkt, einfach wild drauf losspekulieren darf, ist eine andere Frage. Nicht unwichtig dabei ist die Information, dass sich Gary nach dem Dreh besorgt über seinen Auftritt zeigte und Harris bat, die Aufnahmen nicht auszustrahlen. Nachdem sich der Regisseur weigerte, versuchte Gary sich, ohne Erfolg, umzubringen. Später stand er dem Projekt angeblich wohlwollender gegenüber.

Eine endlose Maskerade

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Vielleicht muss man solche moralischen Vorbehalte auch ausblenden, um die Qualität des Films zu schätzen zu wissen. Und immerhin ist nicht nur ein zum Freak stilisierter Protagonist ein Opfer dieser Dramatisierung, sondern auch Harris selbst, der sich als ausbeuterisches und gewissenloses Arschloch inszeniert. Bevor der Regisseur mit dem letzten Teil seiner Trilogie bei einer recht konventionellen Selbstermächtigungsgeschichte ankommt, die vor allem interessant ist, weil Crispin Glover hier sehr eindrucksvoll sein Talent für grenzüberschreitende Charaktere unter Beweis stellt, kann man etappenweise verfolgen, wie eine Fiktion gesponnen wird. Nach und nach verändert sich die Geschichte; durch die wechselnden Schauspieler ebenso wie durch die zunehmend komplexere filmische Erzählweise.

An seinem Vorhaben, den Glücksfall von The Beaver Kid zu wiederholen, ist Harris schließlich gescheitert. Statt den Zufall noch einmal Co-Regie führen zu lassen, hat er einige der ursprünglichen Themen stärker herausgearbeitet und andere eliminiert. Je mehr weggelassen und dazugedichtet wird, desto stereotyper wirken die Filme letztlich auch. Interessant ist The Beaver Trilogy dann vor allem als Kompilation miteinander korrespondierender Einzelteile. Langsam wird dabei die wild wuchernde Wirklichkeit in eine klassische dramaturgische Form gegossen. Verbindungsglied bleibt das Motiv der Maskerade. Je mehr sich Harris einem konventionellen Spielfilm nähert, desto stärker wird sein Projekt zur Travestie: Crispin Glover spielt Sean Penn, der Groovin’ Gary dabei verkörpert, wie er Olivia Newton John imitiert. Spätestens am Ende des Films ist der vermeintlich ausgebeutete Gary nur noch eine von mehreren Figuren in einem faszinierenden Experiment über gleitende Identitäten und Methoden des Geschichtenerzählens.

Trailer zu „The Beaver Trilogy“


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