The Bang Bang Club

Pulitzer-Preise für Paparazzi: Von den Paradoxien der Kriegsfotografie.

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Ein bis auf die Knochen abgemagertes kleines Mädchen kauert auf dem karg bewachsenen Boden. Im Hintergrund sitzt ein Aasgeier, der stoisch lauernd in ihre Richtung starrt. Dieses Bild, aufgenommen im Sudan, ging 1993 um die Welt. Sein Urheber Kevin Carter erhielt dafür den Pulitzer-Preis. The Bang Bang Club zeigt die Pressekonferenz, nachdem er die gute Nachricht überbracht bekam. Anwesende Journalisten fragen ihn, ob er dem Mädchen denn auch geholfen habe. Der Fotograf weicht einer Antwort aus.

Kevin Carter (Taylor Kitsch) gehörte zum titelgebenden „Bang Bang Club“, ursprünglich „Bang Bang Paparazzi“ genannt; vier Fotografen, die durch ihre Arbeiten in Südafrika in den letzten Tagen der Apartheid berühmt wurden, als die Auseinandersetzungen zwischen Nelson Mandelas ANC und der opponierenden Inkatha Freedom Party, einer Zulu-Organisation, die streckenweise mit dem Apartheids-Regime zusammenarbeite, blutig eskalierten. The Bang Bang Club zeigt diesen Konflikt ohne nennenswerten Blick auf die komplexen politischen Rahmenbedingungen – man sieht also hauptsächlich Schwarze gegen Schwarze kämpfen. Über den Apartheits-Kontext erfährt man, von ein paar Bemerkungen am Filmanfang abgesehen, so gut wie nichts.

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Allerdings scheint Steven Silvers Film auch nicht an akkurater historischer Aufarbeitung interessiert. Vielmehr enthält die Sequenz mit dem Sudan-Foto in verdichteter Form das eigentliche Thema von The Bang Bang Club. Wir sehen vier Kriegsfotografen bei der Arbeit, und das Kriegsfoto als solches steckt voller moralischer Paradoxien, sowohl in seiner Produktion wie in seiner Rezeption. Über Letzteres debattiert die Öffentlichkeit jedes Mal, wenn drastische Kriegsbilder in den Nachrichten auftauchen: Darf man das zeigen, muss man es? Was ist verwerflicher, die sensationsheischende Konfrontation oder die Beschönigung des Krieges als sauberes Geschäft?

The Bang Bang Club widmet sich der Produktionsseite – und zeigt vor allem deren schiere Absurdität. Immer wieder sehen wir, wie die vier Fotografen inmitten des Gemetzels stehen, in Seelenruhe am Objektiv herumschrauben, einen günstigen Standpunkt suchen und schließlich ihre Bilder schießen. Fast wirken sie wie surreale Erscheinungen, von den kämpfenden Parteien ignoriert, als seien sie nachträglich in die Landschaft hineingeschnitten, und scheinbar unberührbar – auch wenn sich das bald als Täuschung herausstellt. Welchen aufklärerischen Nutzen ihre Fotos später auch immer haben werden, im Moment ihrer Entstehung sind ihre Produzenten grotesk unnütz und fehl am Platz. So wird die grausigste Szene des Films, in der ein mit Benzin übergossener Mann angezündet und zugleich mit einer Machete niedergestreckt wird, doppelt verstörend, weil der Protagonist, Greg Marinovich (Ryan Philippe), unmittelbar danebensteht und das Motiv möglichst gut einfangen will. Nichts könnte dem Opfer in dem Moment weniger helfen, dafür wird sein Leiden und Sterben vor der Weltöffentlichkeit ausgestellt werden – Präsentation der Barbarei, oder auch selbst ein barbarischer Akt? Der Widerspruch scheint unauflöslich. Das Foto wird jedenfalls auch Marinovich den Pulitzer-Preis einbringen. .

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Die Szenen, die die Fotografen im Einsatz zeigen, gehören zu den stärksten des Films. Im Ganzen ist er jedoch ein merkwürdig unausgegorenes Werk, in dem gleichsam zwei sich beißende Inszenierungsschichten übereinanderliegen. In den Kriegsszenen gewinnt The Bang Bang Club eine bemerkenswerte dokumentarische Härte. Bereits bei Marinovichs erstem Spaziergang durch ein in IFP-Hand befindliches Township erzeugen Subjektiven und variierende Einstellungstiefen einen Raum der Bedrohung, der sich im Laufe des Films aufs ganze Land ausdehnt, über Dorfstraßen, Schienen und Ruinen, vorbei an verwahrlosten Landstrichen und bulligen Militärfahrzeugen, bisweilen in Bildern, die nicht vollständig in die Narration eingeflochten sind. Gerade die Szenen des Belauerns und Taxierens vor dem Kampf lassen momentweise eine bedrückende Atmosphäre des Terrors und des Todes entstehen, untermalt vom Pfeifen der wedelnden Macheten.

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Konterkariert wird dies jedoch durch eine Actionfilm-Ästhetik und -Dramaturgie, die bis zu den seicht dahinplätschernden Popsongs im Score tief in den 1980er Jahren verwurzelt ist. Die vier Jungs sind archetypische harte Kerle, furchtlos und bartstoppelig, mit einer Rollenverteilung nach festen Stereotypen: der Jähzornige, der Durchgeknallte, der Nachdenkliche und „der Neue“, Marinovich, der am Anfang zum Team stößt und aus dessen Perspektive erzählt wird. Im Einsatz schenken sie sich nichts, in ihrer Freizeit vergnügen sie sich mit Musik, Mädchen und Bier. Letzterem widmet der Film bemerkenswert viel Zeit, und eine Schema-F-Romanze zwischen Marinovich und Fotoredakteurin Robin (Malin Akerman) – die als Figur mit tendenziell „kritischer Stimme“ komplett vergeudet wird – findet auch noch Platz.

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Kevin Carter, der, weniger Gegenfigur als schattiges Spiegelbild des Protagonisten, in etwa die gleichen Aufs und Abs durchläuft, wäre noch der Charakter mit dem größten Potenzial. Doch der Film kommt über das Klischee des drogenabhängigen Eso-Hippies am Rande des Wahnsinns, oft gegens Licht als langhaarige Silhouette gefilmt, kaum hinaus. Über die Moral und das politische Bewusstsein der Fotografen erfahren wir wenig mehr, als dass sie ihr Ding durchziehen wollen.

Die hybride Form des Films zeitigt Effekte, die sicher nicht im Sinne des Erfinders sind. Der Kontrast von dokumentarischer Schroffheit und künstlich wirkenden Genrestandards ergibt eine ausgestellte Inszeniertheit, die wie ein Kommentar zur Vertrauenswürdigkeit und Redlichkeit der Kriegsfotografie wirkt. Und mit der Darstellung der vier Fotografen als Klischee-Abenteurer drängt der Film den Zuschauer bei der Entscheidung zwischen Pulitzerpreis-würdigen Helden und schießwütigen Paparazzi in eine Richtung, die den realen Vorbildern der vier Figuren einen Bärendienst erweist. Der Blick durch die Kamerasucher während der Kriegsszenen erinnert frappierend an Fadenkreuze.

Trailer zu „The Bang Bang Club“


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