The Ballad of Genesis and Lady Jaye

Genesis P-Orridge und Lady Jaye verwischten die Grenzen zwischen Leben und Kunst. Marie Losier porträtiert diese ungewöhnliche Beziehung nun in einem verspielten Dokumentarfilm.

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Genesis P-Orridge war in den späten 1970er Jahren ein kleiner schmächtiger Mann mit kurz rasierten Haaren. Seine Aufsehen erregenden Performances mit der Künstlergruppe COUM Transmissions lagen schon hinter ihm. Nun widmete er sich als Frontmann von Throbbing Gristle der Gründung der Industrial-Musik. Der britischen Presse war eine Band, die mit faschistischer Symbolik hantierte und Musik machte, die weniger aufgeschlossene Gemüter als infernalischen Krach bezeichnen würden, seinerzeit suspekt. In einem legendären Artikel wurden P-Orridge und seine Mitstreiter gar als „Zerstörer der Zivilisation“ bezeichnet.

Ein liebevolles Fangeschenk

Diese Zeit ist letztlich nur eine kurze Phase im äußerst bewegten Leben einer Ikone der Gegenkultur. Heute ist aus dem kleinen schmächtigen Mann ein schwer kategorisierbares, künstliches Wesen mit implantierten Brüsten, ausgespritzten Lippen und blondierter Mähne geworden. Grund dieser äußerlichen Veränderung war, dass sich P-Orridge und seine Lebensgefährtin Lady Jaye körperlich angleichen wollten. Das geschah durch Kleidung, Styling, aber auch durch Schönheitsoperationen. Unfreiwillig beendet wurde das Projekt schließlich mit dem plötzlichen Tod der weitaus jüngeren Lady Jaye.

Marie Losier hat dieser Liebe nun ein filmisches Denkmal gesetzt. Zuvor hat sich die Regisseurin Avantgarde-Künstlern wie Tony Conrad oder George und Mike Kuchar gewidmet und es scheint fast so, als wolle Losier all ihren Idolen eine Dokumentation widmen. In der Tat wirkt The Ballad of Genesis and Lady Jaye streckenweise wie das liebevoll zubereitete Geschenk eines Fans. Doch auch darüber hinaus ist der Film durchaus interessant, entzieht er sich doch immer wieder den Konventionen herkömmlicher Musiker-Dokus.

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Durchsetzt von kindlichem Spieltrieb

Auch hier werden biografische Daten abgehakt, die musikalische Laufbahn nachgezeichnet und Archivaufnahmen – unter anderem mit William S. Burroughs und Brion Gysin – gezeigt. Doch daneben verfügt The Ballad of Genesis and Lady Jaye auch über einen distinktiven Look. Mit Super-8-Aufnahmen, Stop-Motion-Animationen, nachgestellten Kindheitserinnerungen und artifiziellen Settings zelebriert Losier eine surreale Do-it-yourself-Ästhetik mit kindlichem Charme. Von einer bloßen Vermittlung von Informationen und einer Aufzählung von Anekdoten grenzt sich dieser Ansatz deutlich ab. Freunde oder Kollegen kommen hier überhaupt nicht zu Wort. Stattdessen ist The Ballad ein sehr intimes, von innen heraus erzähltes Porträt geworden.

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Mehr als um die außergewöhnliche Beziehung geht es letztlich aber um P-Orridge. Und das Pin-Up-Girl des Industrials genießt die Aufmerksamkeit sichtlich. In wechselnden Kostümen posiert er vor der Kamera, schneidet Grimassen oder spricht mit verstellter Stimme. Neben Losiers Ästhetik ist es auch das Wesen des Musikers, das den Film mit einem kindlichen Spieltrieb durchsetzt. The Ballad of Genesis and Lady Jaye läuft besonders dann zu Höchstform auf, wenn er nicht mehr unbedingt etwas erzählen will, sondern ganz in eine fantastische Welt aus Bildern und Klängen eintaucht.

Beide Ebenen führen mitunter ein Eigenleben. Es gibt etwa eine Stelle, in der P-Orridge die Hausfrau spielt und der Kamera erzählt, wie gern er sich für diese Rolle hübsch macht. Dabei mischt Losier Super-8-Aufnahmen mit Originalton und obwohl sich beide Medien auf dieselbe Quelle beziehen, will sich keine wirkliche Synchronizität einstellen. Durch diese Dissonanz sieht der Zuschauer eine eigentlich dokumentarisch gedrehte Szene schließlich mit verzerrter Wahrnehmung.

Losier verlässt sich eben nicht ganz auf die Strahlkraft von Genesis P-Orridge, sondern schafft es, ihm mit einem breiten Repertoire an visuellen Mitteln etwas entgegen zu setzen. Eine traumwandlerische Ästhetik für den einstigen „Zerstörer der Zivilisation“. 

Trailer zu „The Ballad of Genesis and Lady Jaye“


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