Marvel's The Avengers

Marvel bringt seine Comichelden zusammen in einen Ensemblefilm. Als Zweckgemeinschaft, als Ansammlung von Ego-Shootern, als Ersatzfamilie, als Weltenretter. Vor allem aber: als großen Spaß.

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Joss Whedon hat mit Marvel’s The Avengers das erstaunliche Kunststück fertiggebracht, einen Superheldenfilm mit viel Krawumm zu drehen, der die geballte Energie von sechs Übermenschen (und einem Bösewicht) freisetzen muss, in dem Götter aus dem Himmel fallen, Wolkenkratzerfassaden mit der Hand eingerissen werden und Flugzeugträger fliegen können – und der doch einen fast intimen Eindruck hinterlässt. Iron Man (Robert Downey Jr.), Thor (Chris Hemsworth), Captain America (Chris Evans), Black Widow (Scarlett Johansson), Hulk (Mark Ruffalo) und Hawkeye (Jeremy Renner) werfen nicht nur mit größeren bis sehr großen Gegenständen um sich, sondern auch mit scharfzüngigen, auf den Punkt geschriebenen Dialogen.

Whedon, Erfinder der Fernsehsehrie Buffy, hat auch das Drehbuch verfasst. Geschickt zieht er Nicht-Comic-Fans mit ins Boot. Denen ist es sicher egal, warum der Gott Loki in der etwas kryptischen Eröffnungssequenz auf die Erde kommt, und ihnen ist auch egal, was um Himmels Willen ein Tesseract ist (die Definition „kosmischer Würfel, der unbegrenzte Macht verleiht“ muss reichen). Man begreift, dass der von Samuel L. Jackson gespielte S.H.I.E.L.D.-Direktor Nick Fury ein Team zusammenstellen muss, um die Welt zu retten. Warum genau, ist ziemlich wurst.

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Dieses Team macht aus der 220-Millionen-Dollar-Produktion Marvel’s The Avengers einen Ensemblefilm, in dem entgegen allen Regeln keiner der Superstar-Superhelden-Schauspieler im Mittelpunkt steht. Es sind vielmehr die fein herausgearbeiteten Unterschiede zwischen den Figuren, die die Geschichte tragen und über weite Strecken auch zu einer Komödie machen. Etwa das Zusammentreffen des altmodischen Captain America mit dem in Technik und Moral hypermodernen Tony Stark alias Iron Man, das zu spritzigen Diskussionen führt, für die Whedon sich die nötige Zeit nimmt. „A big man in a suit of armour“, sagt Captain America zu Stark. „Take that away and what are you?“ Die trockene Antwort: „A genius, billionaire, playboy philanthropist.“

Wenn man aus der Riege Einzelne hervorheben will, muss man neben dem Partylöwen Robert Downey Jr. unbedingt Mark Ruffalo nennen. Seine sensible Darstellung des Hulk fasst die Gespaltenheit seines Charakters in eine vielschichtige Figur. Da ist zum einen der menschenfreundliche Wissenschaftler Bruce Banner, zum anderen jenes grünliche Monster mit, wie Tony Stark es zusammenfasst, „breathtaking anger management issues“. Ruffalo spielt diesen von seinem inneren Dämon geplagten Mann als wahrhaft tragische Rolle, als einen Verzweifelten, der schon einmal versuchte, sich in den Kopf zu schießen – aber „the other guy“ spuckte die Kugel einfach aus.

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Man denkt dabei an Batman und dessen psychologische Durchdringung in den jüngsten Filmen der Reihe. Aber der Vergleich hinkt, denn Marvel’s The Avengers ist von dem schweißtreibenden Ernst der Christopher-Nolan-Filme weit entfernt. Er ist vielmehr so lustig, dass man selbst den dick aufgetragenen Patriotismus durchwinkt, der hier zwar mit großen Tönen beschworen wird, letztendlich aber auf die Größe von Captain-America-Sammelkarten schrumpft. Ein kindliches Pathos manifestiert sich da, ganz ohne Rekrutierungsabsicht, wie sie etwa bei Spektakeln wie Battleship (2012) in den Vordergrund tritt.

Einen Hinweis darauf, dass The Avengers tief in seinem Herzen eine Komödie ist, gibt auch die Tatsache, dass im großen, visuell spektakulären Showdown in Manhattan, in dem mehr oder weniger die ganze Stadt auseinandergenommen wird, kein Mensch wirklich zu Schaden kommt. Die inzwischen zu einem Team zusammengeschweißten Rächer sind immer rechtzeitig zur Stelle, um die von Loki und seiner Armee auf Messers Schneide gehaltenen Bürger zu retten.

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Die Schlacht ist gedreht wie ein Landschaftsgemälde. Auf jedem Quadratzentimeter gibt es etwas zu sehen; Höhepunkt ist eine dieser unmöglichen Kamerafahrten, die mit neuester Digitaltechnik eben doch möglich geworden sind. Vom Kampf auf der Straße geht es ohne Schnitt in einer Art cinematischem Staffellauf von Superheld zu Superheld weiter – zum nächsten Kampf zweihundert Meter weiter, dann hinauf zu den durch die Häuserschluchten sich schlängelnden Flugmonstern und von dort hinüber auf das Dach eines Wolkenkratzers.

Für einen Extra-Lacher speziell in deutschen Kinosälen dürfte die Szene in Stuttgart sorgen, in der Bösewicht Loki („Die Freiheit ist der größte Irrtum der Geschichte!“) eine ganze Ansammlung von schwäbischen Ausstellungsbesuchern aus der gehobenen Mittelschicht zwingt, vor ihm niederzuknien. Zu erraten, welcher der sechs Superhelden dem Einhalt gebietet, ist nicht schwer. Und man kann sich sicher sein, dass er dabei einen coolen Spruch auf den Lippen hat. 

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