The Attack

Ein arabischstämmiger Chirurg in Tel Aviv muss erfahren, dass seine Frau ein Selbstmordattentat begangen hat. Regisseur Ziad Doueiri inszeniert den Versuch seines Protagonisten, das Unverständliche zu verstehen.

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The Attack ist der dritte Film des libanesischen Regisseurs Ziad Doueiri in 15 Jahren und nicht bloß wegen seines Plots ein Politikum. Doueiri, in den 1990ern langjährigerer Kameraassistent an den Sets von Quentin Tarantino, reiste 1998 in den Libanon, um sein Regiedebüt West Beyrouth zu drehen. Der Film verhandelte die Teilung Beiruts infolge des Mitte der 1970er Jahre entbrannten Bürgerkriegs in Form einer Coming-of-Age-Dramas. Für die jugendlichen Protagonisten stellt die Green Line (beziehungsweise ihre illegale Überquerung) zunächst nicht viel mehr als eine Mutprobe dar – und ist somit genauso interessant wie der Blick durchs Schlüsselloch ins Schlafzimmer der Eltern oder die eigene Pubertät. Gerade diese fast sorglose Inszenierung der geteilten Stadt als Abenteuerspielplatz machte West Beyrouth zu einem immens wichtigen Film für eine nachwachsende Generation: „West Beyrouth made every one from the East dream about the West. And we were proud that the Ex-Tarantino cameraman made films in Beirut“, berichtete etwa der Experimentalfilmer Elie Alexandre Habib 2012 am Rande eines Screenings von Doueiris Debüt in Berlin.

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Nun hat sich dieser Regisseur eine andere Grenze vorgenommen, nämlich die zwischen Israel und den palästinensischen Autonomiegebieten (oder vielmehr jene ideologische, die zwischen Kulturen und Religionen verläuft). The Attack (L’attentat) hätte als erster Film mit einem überwiegend israelischen Cast in libanesischen Kinos starten sollen, doch dazu kam es nicht. Denn Doueiri hatte in Tel Aviv gedreht, ein libanesisches Gesetz von 1955 untersagt jedoch jede Zusammenarbeit mit israelischen Institutionen oder Einrichtungen – ganz egal ob innerhalb oder außerhalb Israels. Das reichte für eine Protestwelle, in deren Folge The Attack in allen Staaten der Arabischen Liga behördlich abgesetzt wurde. Auch eine Einreichung zu den Academy Awards wurde vom Kulturministerium abgelehnt, man befand The Attack dort schlicht für zu „unlibanesisch“.

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Dieses Urteil ist aus westeuropäischer Sicht freilich kaum nachzuvollziehen. Im Gegenteil scheinen The Attack gerade seine subtilen antisemitischen Untertöne zum Problem zu geraten. Dabei liest sich der Plot zunächst wie eine Geste der Verständigung: Amin ist Chirurg arabischer Abstammung. Er lebt vollständig assimiliert in Tel Aviv, vor allem aber in glücklicher Ehe. Dann erschüttert ein Selbstmordattentat die Stadt. Siebzehn israelische Kinder kommen dabei zu Tode, die Täterin ist Amins Frau Siham. Zuerst ist das nur ein Verdacht, den der ahnungslose Amin nicht wahrhaben will und kann. In der ersten Hälfte ist The Attack ein persönliches Drama um einen Mann, der zu verstehen versucht, was nicht zu verstehen ist: die geliebte Frau als Terroristin. Doueiri spiegelt Amins Unsicherheit formal, die Kamera springt zwischen subjektiven und objektiven Einstellungen und The Attack entwickelt eine komplexe Rückblenden-Struktur. Dabei offenbart sich dem Zuschauer nie vollständig, ob die Rückblenden nun Erinnerungen der Protagonisten sind oder eher deren Vorstellungen, oder gar eine Darstellung einer sozusagen objektiven Vergangenheit.

Aus der Unsicherheit wird Gewissheit, als Amin den eindeutigen Abschiedsbrief seiner Frau findet. Er ist versteckt zwischen Bildbänden von Designmöbeln, im eigenen Haus, an dessen Wänden Bilder von Mark Rothko hängen: fremde Welten. Amin, von dem man erfährt, dass er in seiner Kindheit gerne Batman gewesen wäre, will nun wissen, wer seine Frau indoktriniert hat. Er reist in die Westbank, wo er auf eigene Faust ermittelt. Der Film deutet hier ein Kippen in den Modus eines Politthrillers lediglich an, letztlich will Amin keine Schuldigen dingfest machen, er will verstehen. Der Verständnisprozess ist jedoch heikel. Schließlich geht es nicht um den Nachvollzug einer ‚palästinensischen Position‘, sondern um den eines terroristischen Aktes. Doueiris Film bemüht sich um Überparteilichkeit, er weist (noch auf den Filmplakaten) immer wieder darauf hin, dass er das persönliche Drama Amins zum Thema hat und kein politisches Statement sein will. Doch wie soll man das angesichts eines solchen Sujets trennen?

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Es ist unmöglich, zumal The Attack die Figur des Amin (zumindest einem westlichen Publikum) sehr klassisch zur Identifikation anbietet. Ihm gelten fast alle Momente der Einfühlung, nur über ihn gewährt der Film auch Blicke auf Siham. Den von ihr verübten Anschlag zeigt Doueiri nicht, aber dreimal beinahe, in einer Klimax der Nähe. Beim ersten Mal ist er lediglich ein dumpfes Grollen auf der Tonspur. Beim dritten Mal aber sieht man Siham: Auf einer unmittelbar vor der Tat aufgenommen Videoaufzeichnung erscheint sie nicht als fanatische Märtyrerin, sondern als liebende Ehefrau. Wenn sich die Sympathie für Siham zuvor aus Amins zärtlichen, eindeutig subjektiven Erinnerungsbildern ergab, so wird sie hier von einer ‚unbestechlichen‘ Kamera als tatsächlicher Wesenszug festgeschrieben. Szenen wie diese, die ein graduelles Verständnis der Hauptfigur für die Entscheidung seiner Frau auf eine andere, eine allgemeinere Ebene heben, häufen sich gegen Ende des Films. Einmal steht Amin in einem von israelischen Raketen verursachten Trümmerfeld bei Nablus. An einige der herumliegenden Betonteile hat jemand die Worte „Ground Zero“ gesprüht. Doueiri lässt die suggestive Kraft solcher Bilder ungebrochen. Das verleiht The Attack und den sicher noblen Absichten seiner Macher einen etwas fragwürdigen Beigeschmack.

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