The Ambassador

Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen. Und das Schmuggeln von Blutdiamanten.

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Etwas ist faul in Mads Brüggers Amygdala. Angst scheint der Däne nicht zu kennen. Für seine erste Doku, The Red Chapel (Det røde kapel, 2009), reiste er nach Nordkorea und führte dort mit zwei Schauspielern grottenschlechte Theaterstücke auf. Ob die anwesenden Parteikader nicht merkten, dass sie verhohnepipelt wurden, oder ob sie schlichtweg nichts dagegen auszurichten wussten: Sie mussten dem Klamauk in der ansonsten humorfreien Zone Nordkorea jedenfalls aus Höflichkeit applaudieren. Denn die beiden Schauspieler gaben sich als geistig Behinderte aus. Wohl nur deshalb war es Brügger überhaupt gelungen, einen Film in dem abgeschotteten Land drehen zu dürfen. In seinem Besuch sah das Regime vermutlich eine Chance, den Image-schädigenden Berichten internationaler Beobachter über staatliche Euthanasie-Programme entgegenzuwirken. Doch Brügger ließ sich nicht als „nützlichen Idioten“ benutzen, sondern drehte den Spieß um und veräppelte die staatlichen Vertreter vor ihren Augen.

Aber: Das Schlimmste, was ihm in Nordkorea hätte passieren können, wäre wohl ein Rauswurf aus dem Land gewesen. Bei den (oft heimlichen) Dreharbeiten für The Ambassador (2011) hingegen drohte ihm ein deutlich drastischeres Schicksal – nämlich, so drückt es eine zwielichtige Gestalt ihm gegenüber aus, „in Afrika in der Gosse zu verrecken.“

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Das glaubt man als Zuschauer spätestens, wenn Brügger in den Norden der Zentralafrikanischen Republik fliegt, um eine Diamantenmine zu besichtigen – wohl wissend, dass es in der Gegend vor schwerbewaffneten Rebellen, ausländischen Legionären und brutalen Gangsterbanden nur so wimmelt. Brügger bricht sein lebensgefährliches Experiment selbst dann nicht ab, als einer seiner (unwissentlichen) Interviewpartner ermordet wird.

Jenes Experiment verläuft so: Brügger kauft sich unter dem Namen Mads Cortzen einen diplomatischen Titel von Liberia und zieht als Konsul dieses Staates in die Zentralafrikanische Republik. Er sieht zwar ungefähr so liberianisch aus wie ein Stück Weißbrot – das stört aber niemanden, solange er genügend Geld überweist. Einige verarmte Staaten verkaufen Diplomatenposten, um ihre Einnahmen zu steigern. Die meisten Interessenten zahlen Hunderttausende Dollar, um in den Genuss diplomatischer Immunität zu kommen und so ungestört ihre dubiosen Pläne zu verwirklichen. Im Fall der Zentralafrikanischen Republik ist das üblicherweise der Handel mit Blutdiamanten. Denn Diplomaten werden bei ihren Reisen nicht vom Zoll kontrolliert.

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Der Spannungsbogen des Films besteht aus Brüggers oft verzweifeltem Kampf um seine Ernennung als Konsul und seinem Aufstieg im völlig verfilzten Netzwerk der politischen Elite. Das Ganze kommentiert er per Voice-over mit bitterbösem Sarkasmus, bei dem einem aber oft das Lachen im Halse stecken bleibt. Ohne offizielle Ernennungsurkunde und Kontakte zu den politischen Strippenziehern kommt er nicht an die Blutdiamanten heran – und beides funktioniert nur über „envelopes of happiness“, prall mit Banknoten gefüllte Briefumschläge, die er bei fast jedem Treffen überreicht.

Ähnlich kostspielig ist der Lebensstil, den dieses Milieu mit sich bringt. Brügger entwickelt dabei eine Persona, die wie die Karikatur eines Kolonialisten aus dem 19. Jahrhundert wirkt. Stets in feine Maßanzüge und kniehohe Lederstiefel gekleidet, raucht er Zigarren oder zieht an seinem Zigarettenhalter aus Elfenbein, gibt zu Hitler-Witzen eine Flasche Moët aus oder prahlt mit importiertem Kaviar.

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Und genau das scheint die richtige Methode zu sein, um sich in diesem völlig undurchsichtigen Beziehungsgeflecht Schwerkrimineller zu etablieren, die einen Staat gekapert haben, um ihn zum eigenen Vorteil auszubeuten. Denn bald schon gehört er dazu in dieser Sphäre, wo Unter- und Oberwelt, Gangster und Staatsmänner oft ununterscheidbar werden. Dass in gescheiterten Staaten häufig die Korruption regiert, ist weithin bekannt. In Liberia und der Zentralafrikanischen Republik geschieht das aber in besonders hässlicher Form: Hier herrschen nepotistische Familienclans, frühere Fremdenlegionäre der Ex-Kolonialmacht Frankreich und als Kriegsverbrecher bekannte Politiker – allerdings oft nur bis zum nächsten Staatsstreich oder Attentat, was beides nicht selten von ehemaligen Weggefährten betrieben wird. Hier hintergeht jeder jeden. Um dieses System, das den Handel mit Blutdiamanten erst ermöglicht, aufzudecken, muss Brügger ein Teil davon werden.

Das Faszinierende daran: Er rechtfertigt seine Taten nie, legitimiert seine Komplizenschaft nicht mit dem Zweck der Enthüllung. Irgendwann spielt er kein skrupelloses Arschloch mehr, sondern er wird zu einem – zu Mads Cortzen statt Mads Brügger. Er bezahlt für Kinderarbeit in den Diamantenminen, macht Einheimischen bewusst falsche Hoffnungen auf einen sicheren Arbeitsplatz und mokiert sich in einer besonders unangenehmen Szene darüber, wie er zwei Mitglieder eines Hinterwäldler-Stamms vorführt.

Fraglos ist all das ethisch hoch problematisch. Nur behauptet Brügger eben auch nie das Gegenteil, stilisiert sich nicht zum tragischen Helden, der gegen moralische Grundsätze verstoßen muss, um sie zu retten. Ob der Zweck hier die Mittel heiligt, ist letztlich eine Frage, die jeder Zuschauer für sich beantworten muss. So oder so ändert das aber nichts an der filmischen Leistung Brüggers – man muss schließlich kein guter Mensch sein, um einen guten Film zu machen.

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Wie Brügger diesen Film finanziert hat und wie es ihm gelungen ist, all die hochbrisanten Aufnahmen mit versteckten Kameras zu machen, ohne erwischt zu werden, ist ein Rätsel, das vermutlich als Stoff für einen Thriller taugen würde. Ein Nebenstrang müsste dabei beleuchten, ob Brügger seit der Veröffentlichung in ständiger Angst vor Vergeltungsaktionen all derer lebt, die er entlarvt hat. In The Ambassador jedenfalls bleibt all das offen – übrigens ebenso wie die Frage, was mit den Diamanten geschieht, die er nach langem Warten tatsächlich bekommt.

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Kommentare


Martin Gobbin

Lieber Herr Lenz, was genau ist an der Einleitung denn "falsch"? Wenn Sie einfach nur behaupten, der Text sei falsch, aber nicht benennen, was nicht stimmen soll, haben wir keine Möglichkeit zu überprüfen, ob tatsächlich etwas in der Kritik nicht stimmt und sie ggf. zu ändern.






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