Der wundersame Katzenfisch

Familie ist … Chaos. Ganz besonders, wenn die Mutter an Aids erkrankt ist. Im Angesicht der tödlichen Krankheit lotet Der wundersame Katzenfisch die Grenzen familiären Zusammenhalts aus.

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Claudia (Ximena Ayala) pickt die lilafarbenen Frootloops aus ihrem Frühstücksmüsli und arbeitet als Werbedame an einem Würstchenstand in einem Supermarkt. Das ist über lange Strecken alles, was wir über sie erfahren. Sie spricht wenig und wohnt in einer Garage, die an eine Fabrikhalle angrenzt. Die Kamera beobachtet sie von oben beim Schlafen oder durch eine Art milchige Glasscheibe beim Essen. Gleichmäßiges Atmen, das monotone Geräusch von Maschinen und tropfendem Wasser. Ameisen, die über die aussortierten Cornflakes krabbeln. In Der wundersame Katzenfisch (Los insólitos peces gatos) entsteht die Versuchsanordnung eines einsamen Lebens, eingezäunt von der eintönigen Routine aus Arbeiten, Essen und Schlafen.

Lebensverändernde Zufallsbegegnungen

In dieser Laborsituation wird Zeit zum unbestimmten Faktor, und der Zufall gewinnt an Bedeutung. So kommt es auch, dass Claudia während eines Klinikaufenthalts aufgrund einer Blinddarmoperation die Bekanntschaft mit der an Aids erkrankten Martha (Lisa Owen) macht. In deren quirlige Patchwork-Familie wird Claudia regelrecht hineingezogen. Aufgrund der Krankheit der Mutter bröckelt jedoch der Familienzusammenhalt zwischen den vier Kindern, die von drei verschiedenen Männern stammen und zwischen denen ein Altersunterschied von 15 Jahren liegt. Die pubertierende Tochter Mariana (Andrea Baeza) klaut und isst kaum, während Wendy (Wendy Guillén) sehr dick und selbstmordgefährdet ist. Armando (Alejandro Ramírez-Muñoz), der Jüngste, ist Bettnässer, Ale (Sonia Franco), die Älteste, unglücklich verliebt. Schreie der Aufmerksamkeit, die im Angesicht der tödlichen Krankheit der Mutter ungehört verpuffen.

Ein Road Movie als Familienzusammenführung

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Der Großteil des Debüts der mexikanischen Regisseurin Claudia Sainte-Luce spielt sich zwischen dem Haus der Familie und dem Krankenhaus ab. Kleine Ausflüge aus diesem Krankenalltag avancieren dabei zur Katharsis für Beziehungen zwischen den heterogenen Familienmitgliedern. Wie in Etappen von Road Movies sind die Protagonisten auf diesen Ausflügen mit Schwierigkeiten und Streitereien konfrontiert, was sie aber stets näher zusammenbringt und sie die Eigenheiten der anderen zu akzeptieren lehrt. Claudia nimmt Armando und Mariana notgedrungen mit zu ihrer Arbeit in den Supermarkt. Nach anfänglichen Streitereien zwischen den Geschwistern verkaufen sie zusammen jedoch so viele Würstchen wie noch nie. Auf der anschließenden weihnachtlichen Betriebsfeier gesteht die sonst so gleichgültige Mariana erst nach einigen Drinks, wie sehr sie ihre Familie liebt und dass sie Angst vor dem Tod ihrer Mutter hat. Am Ende unternimmt die Familie zusammen einen letzten Ausflug ans Meer. Wenn sie sich zu sechst in die kleine gelbe Ente quetschen, erinnert Der wundersame Katzenfisch in seiner Situationskomik an die Fahrten im gleichfarbigen VW-Bus in Little Miss Sunshine.

Frauentausch

Ehe sich’s Claudia versieht, wohnt sie mit im Haus der Familie, bringt die zwei jüngeren Geschwister zur Schule, ist Ansprechpartnerin für Probleme und Spielgefährtin. Viel weniger explizit als in Mein Leben ohne mich (My life without me, 2003) regelt hier die Mutter die Zeit nach ihrem Tod, indem sie ihren Ersatz für die Familie sucht und Ratschläge sowie Zuspruch für das zukünftige Leben jedes der Kinder festhält. In einer Mischung aus Aufopferung, uneingeschränkter Aufmerksamkeit, Zuspruch und bedingungsloser Annahme wächst Claudia nach und nach in Marthas Position hinein. Beide Frauen befinden sich in einem Zwischenstadium menschlicher Existenz. Auf die Frage: „Cómo estás?“, („Wie geht’s“) antwortet Claudia: „No estoy“ („Ich bin nicht da“, aber auch: „Ich existiere nicht“). Während Marthas Dasein durch den geschwächten Körper nicht mehr vollkommen ist, fehlen Claudia die menschlichen Bindungen.

Familiendynamik im Spiegel der Kamera

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In Der wundersame Katzenfisch stehen die Beziehungen zwischen den Protagonisten im Mittelpunkt. Die Kameraarbeit von Agnès Godard, deren Handschrift schon in Home (2008) ein eindringliches Bild einer Familie im Ausnahmezustand zeichnete, spiegelt dabei die verschiedenen Dynamiken wider. Die Familie wurde von der Erkrankung der Mutter völlig aus dem Gleichgewicht gebracht. Ihren chaotischen Alltag evoziert eine wackelige Handkamera, deren Fokus mitten in den familiären Auseinandersetzungen und gesundheitlichen Problemen der Mutter unentwegt zwischen den Mitgliedern hin und her wechselt. Claudia hingegen beobachtet die Kamera oft aus der Ferne, wie sie abseits der Familie steht oder hinter ihr zurückbleibt, weil sie noch nicht vollends integriert ist. Man könnte sagen, erst zusammen finden die beiden Seiten einen Mittelweg zwischen überfordernder Gemeinsamkeit und lähmender Einsamkeit, indem sie sich gegenseitige Aufmerksamkeit schenken. Diese Harmonie äußert sich in konventioneller Ästhetik aus unbewegten, halbnahen Einstellungen für Gespräche und Schuss-Gegenschuss-Situationen.

Ernst und Fröhlichkeit, Verzweiflung und Hoffnung, Traurigkeit und Humor liegen in Der wundersame Katzenfisch stets nah beieinander. Besonders machen den Film seine kauzigen Figuren, die sich mit ihren Eigenheiten in einer familiären Dynamik aus alltäglichen Pflichten, Ausnahmezustand und Versuchen des Ausbruchs verstricken.

Trailer zu „Der wundersame Katzenfisch“


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