The Age of Stupid

Am Ende der Evolutionsgeschichte, wenn der Mensch sich selbst beseitigt hat, brennt Sydneys Oper und vor dem Taj Mahal laben sich die Geier. Der Klimawandel scheint unumstößlich zu kommen.

The Age of Stupid

Die Erde ist unbewohnbar, die Klimakrise hat zugeschlagen. Ein einsamer Archivar der verbliebenen menschlichen Kultur und der verblichenen Fauna sitzt in einem metallenen Turm in der Arktis, kleine Windräder auf dem Dach liefern den Strom. Pete Postlethwaite stellt mit seinem zerfurchten Gesicht und seiner sonoren Stimme eine Art allwissenden Noah dar, der aus der Zukunft auf die Verfehlungen der Menschheit unserer Epoche zurückblickt und den Unwissenden die Wahrheit über den Klimawandel präsentiert. Aus dieser Erzählperspektive verknüpft der Film verschiedene Episoden, die auf dokumentarischen Pfaden wandeln und mit Animationen und found-footage ergänzt werden.

The Age of Stupid

The Age of Stupid konstruiert Figuren, die mit ihrer detailreichen Zeichnung gleichzeitig enorm viel Identifikationspotenzial bieten und durch ihre harten Kontraste bequem gegeneinander ausgespielt werden können. Ein gealterter französischer Bergführer sieht melancholisch auf sein Leben am Mont Blanc zurück, eine junge nigerianische Frau besitzt weder Zugang zu Trinkwasser noch Gesundheitsversorgung. Ein amerikanischer Geologe sucht für Shell nach Öl und ist doch seit Hurrikan Katrina dem Klimawandel gegenüber sensibilisiert; zwei irakische Flüchtlingskinder hoffen in Jordanien auf eine bessere Zukunft und versprechen Rache an den Amerikanern. Das Grundproblem der Klimakrise wird so auf leicht beschreibbare Prozesse zurückgeführt: Erste gegen dritte Welt, Wohlstand gegen Umweltschutz, Krieg um Rohstoffe, Kampf der Kulturen.

The Age of Stupid

So liebevoll sich der menschlichen Stellvertreter für die verschiedenen globalen Probleme angenommen wird, stereotype Vereinfachung ist im Zweifelsfall die argumentative Lösung. Öl regiert die USA, und Menschen, die gegen Windkraft argumentieren, sind schlicht dumm. Auf solche Formeln führt Regisseurin Franny Armstrong die dargestellten Probleme bisweilen zurück. Das ist vor allem fragwürdig, weil es sich unter dem Mantel der Gewissheit versteckt und nur an einigen Punkten die eigentlich brennenden Fragen stellt: Warum China so viel Energie verbraucht? Um billige Produkte für die gesamte industrialisierte Welt herzustellen. Nicht die Prognosen, Szenarien und dargelegten Fakten sind hier strittig, es ist die rhetorische Konstruktion, die sich objektiv gibt und sich die eigene Subjektivität nicht eingesteht. Nur selten verweist The Age of Stupid auf sich selbst und nicht nur auf die anderen.

The Age of Stupid

Gebetsmühlenartig vorgetragene Weltuntergangsszenarien finden sich quer durch alle Genres und Stile, von Umweltchaos-Blockbustern wie Kevin Reynolds Waterworld (1995) und Roland Emmerichs The Day after Tomorrow (2004) bis zu den jüngeren Klimakrisen-Dokus wie The Great Warming (2006). Dass ein politisch engagierter Film mit dokumentarischem Anspruch nicht den Blick auf sein Anliegen verstellen will, ist klar, allerdings ist die Offenheit der gewählten Strategie für ihre Glaubwürdigkeit von erheblicher Bedeutung. Es muss nicht gerade die rabiate, offen polemische Dokufiktion eines Michael Moore sein – dass es geschliffener geht, zeigt Eine unbequeme Wahrheit (An Inconvenient Truth, 2005) von Klimaschützer-Papst Al Gore, der das Thema Klimawandel mit einem politischen Selbstporträt und offenen Statement verbindet. Im letzten Fall markiert sich die filmische Argumentation neben der vorgeblichen Allwissenheit deutlich als subjektive Position.

The Age of Stupid

The Age of Stupid hingegen will vor allem eins: von der guten Sache überzeugen, vom Verweis auf die unabhängige Produktion des Films bis hin zur Kalkulation der eigenen CO2-Bilanz im Abspann. Dass das Nischengenre des Umweltdokumentarfilms über die beschriebene Bühnenrhetorik hinausgehen kann, zeigt etwa Jorge Furtados Kurzfilm Insel der Blumen (Ilha das Flores, 1989). Das Thema Umweltverschmutzung und eine mehrschichtige Erzählung zwischen Argumentation, Polemik und Ironie müssen sich nicht ausschließen. The Age of Stupid offenbart hingegen die Schwäche, gleichzeitig engagiert, aber dennoch kraftlos zu sein: Mit erhobenem Zeigefinger erklärt er ein dringliches Thema und tappt dadurch in die Falle, durch überzogene Pädagogik zu enttäuschen.

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Kommentare


Micha Winkler

Gute Kritik, sehe ich auch so ... habe den Film gestern gesehen, bin allerdings nur hin, weil hinterher eine Diskussion stattfinden sollte und mich die Reaktionen der Leute mal interessiert haben.
Ansonsten interessieren mich "Untergangsszenarien" nicht ... was "The Age of Stupid" zeigt war mir - ovn den primären Fakten - zu 90% bekannt, was allerdings sicher nicht allen so geht und auch nicht gehen kann. Habe/Hatte beruflich damit zu tun.

Allerdings ...
Ihren Satz letzten "Mit erhobenem Zeigefinger erklärt er ein dringliches Thema und tappt dadurch in die Falle, durch überzogene Pädagogik zu enttäuschen." würde ich fast sogar noch "weitertreiben" ... The Age of Stupid geht nach hinten los. Schon allein weil der Film völlig humorlos ist. Aktive Menschen werden gefrustet, jene, die es sowieso nicht interessiert werden in ihrer Meinung "Kann ja sowieso nichts machen." bestätigt. So sehe ich das ... und deshalb sehe ch den Film eher mit einem Stirnrunzeln.






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