The Act of Killing

Ein Film zum Kotzen: Joshua Oppenheimers Genozid-Nachinszenierung legt das Töten nahe und bringt schließlich den eigenen Protagonisten zum moralischen Erbrechen.

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Es sei gleich vorweg geschickt: The Act of Killing ist ein Monster von einem Film. Und ein Faszinosum. Unter der Militärdiktatur Indonesiens wurden zwischen 1965 und 1966 bis zu einer Million Menschen umgebracht, unter dem Vorwand, sie seien Kommunisten und mitverantwortlich für einen angeblichen, gescheiterten Putschversuch. Joshua Oppenheimer geht es in seinem inszenierten Dokumentarfilm allerdings weniger um eine historisch korrekte Aufarbeitung der damaligen Verbrechen – zu der in den letzten Jahren erneut in der Presse einige Details zu lesen waren, wie etwa die Unterstützung oder Billigung durch westliche Staaten –, sondern um eine Phänomenologie der Täterschaft. Über eine psychologische oder historische Rekonstruktion hinaus verfolgt der Regisseur primär eine Strategie der Freilegung von Erkenntnissen durch die Konfrontation der Täter selbst mit ihren Verbrechen von damals. Und in The Act of Killing wollen viele Täter gerne vor die Kamera. Es wird sofort klar: Die gesellschaftliche Verarbeitung des Genozids hat noch gar nicht richtig begonnen, denn noch heute brüsten sich die Killer von damals mit ihrem Sadismus und ihrer Brutalität.

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Was Joshua Oppenheimer und seine beiden Co-Regisseure Christine Cynn und ein anonym bleibender Indonesier uns zu sehen geben, ist schwer zu fassen, wirkt beizeiten absurd, erschreckend oder unfreiwillig komisch. Da jubeln sich die Mitglieder der paramilitärischen Organisation Pancasila-Jugend zu, als sei noch immer die Diktatur in Amt und Würden. Oder die Gangster um Protagonist Anwar Congo verkleiden sich im Stile der Gangster-Epen der 1950er und 60er Jahre mit beigen und blauen Anzügen und samtenen Hüten, um Folter und Mord nachzuspielen. Amüsiert und stolz zeigt Anwar die Videoaufnahme der Inszenierung auf einem Fernseher seinen Enkeln, im Off protestiert eine Stimme, das sei zu gewaltsam. Anwar verneint, es sei ja bloß ein Film. Ein paar Einstellungen später lächelt er über beide Ohren: „Opa guckt ganz schön traurig, nicht wahr?“ Betont reflektiert behauptet er schließlich, er könne nachfühlen, was die Leute empfunden hätten, die er gefoltert hat. Mit Blick auf den Fernseher erklärt er, seine Würde sei zerstört worden, und dann käme die Angst. Der Terror ermächtige sich des Körpers.

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Es ist eines der seltenen Male im Film, wo das Gegenüber hinter der Kamera zu hören ist und ihn darauf hinweist, dass er doch wisse, es sei nur ein Film, seine Opfer dagegen hätten gewusst, sie würden umgebracht. Anwar ist dennoch von seinem Mitgefühl überzeugt, halb an sich selbst schiebt er die Frage hinterher: „Oder habe ich gesündigt?“ In diesen Momenten wird The Act of Killing zu einer Waffe, zu einem Stück Aktionismus, der mit den Mitteln der Inszenierung, der Dokumentation und der Vorführung der Inszenierung etwas in seinen Darstellern auslöst. Und doch ist der Film nicht vorrangig eine Bewusstseinswerdung Krimineller. Auch das Erbrechen des Protagonisten über seine Gräueltaten lässt die freimütige Selbstdarstellung der Mörder nicht vergessen.

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Man könnte nach dem Film fragen, was man aus dieser Selbstdarstellung denn lernt, wie etwa der Holocaust-Forscher Wolfgang Benz im Interview mit Deutschlandradio Kultur: „Einfach abbilden ist nur abbilden, und da ist jetzt der Intellektuelle gefragt, der deutlich macht: Was sehe ich hier? Das ist, glaube ich, dem normalen Zuschauer nicht immer gegenwärtig, ob er jetzt Vergangenes oder Gegenwärtiges sieht, ob das gerade Gesellschaftskritik oder Historienmalerei ist.“ Der Historiker Benz setzt in seiner Bewertung von The Act of Killing die Vermittlungsaufgabe an oberste Stelle. Und tatsächlich ist es alles andere als leicht, die potenzielle Wirkung des Films auf ein Publikum mit anderem Rechtsbegriff als dem eigenen einzuschätzen. Freilich ist es gerade das, was dieses Werk ausmacht: dass die moralischen Einordnungen uns nicht abgenommen werden. Ständig blickt man aus zwei verschiedenen Perspektiven auf das Gefilmte: als empathiefähiger und als distanzierter Zuschauer. Letztere Position fördert der Film nicht zuletzt mit dem eröffnenden Voltaire-Zitat, das die Perversität des Gefilmten nahelegt: „It is forbidden to kill. Therefore, all murderers are punished, unless they kill in large numbers, and to the sound of trumpets.“

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Im Abspann ist dann zu lesen, dass zu den Executive Producers des Films Werner Herzog und Errol Morris (The Fog of War, 2003; Standard Operating Procedure, 2008) gehören. Der Gedanke an Morris eröffnet schließlich einen Zugang zu dem Werk, der sehr hilfreich für das Verständnis von The Act of Killing ist. In dessen Dokumentarfilmen bedingen sich stets die Faszination für die Protagonisten und deren nachhaltige Entfremdung, zwei Aspekte, die einen über den Film hinaus begleiten und nie in eine ethische, historische oder psychologische Eindeutigkeit aufgelöst werden können. Wenn man also nach den Reinszenierungen des indonesischen Genozids mit einem zwiespältigen Eindruck oder einem mulmigen Gefühl das Kino verlässt, ist dies das eigentliche Verdienst von The Act of Killing.

Die ursprüngliche Laufzeit des Films beträgt 159 Minuten. Die Fassung, die auf der Berlinale gezeigt wurde und ins Kino kommt, ist dagegen um 45 Minuten gekürzt. Dabei sind vor allem Szenen, die sich näher mit Herman und Anwars Alpträumen befassen der Schere zum Opfer gefallen. Oppenheimer hat sich selbst dazu entschieden, den Film zu kürzen, um ihn besser vermarkten zu können. Demnächst wird außerdem eine dritte Fassung auf dem Fernsehsender ARTE ausgestrahlt, die nur 90 Minuten lang ist.

Trailer zu „The Act of Killing“


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