Thank you for Smoking

Wir haben die Wahl. Falls wir sie nutzen. In diesem inszenierten Glaubenskrieg über den Tabakkonsum gelingt Jason Reitman ein pointiertes und amüsantes Lehrstück zum derzeitigen Zustand der Gesellschaft der Vereinigten Staaten von Amerika.

Thank you for Smoking

Nick Naylor (Aaron Eckhart), Chefsprecher der Tabakindustrie, sieht sich in Jason Reitmans aktueller Satire Thank you for Smoking, wo immer er hinkommt, mit massiven Vorwürfen gegen seinen Arbeitgeber konfrontiert. Ob in Fernsehshows oder beim Schulbesuch seines Sohnes: stets muss er sich der Argumente hyperbesorgter pädagogischer wie ideologischer Instanzen der Nation wegen der vorsätzlichen Tötung per Nikotinverführung erwehren. Denn: Amerika ist in diesem Film im Krieg gegen die Genusswelt, welche mutmaßlich Jung wie Alt zum Konsum von ungesunden und, so mutet es an, unmoralischen Gütern der Warenwelt verführt. Deshalb stehen in Thank you for Smoking Alkoholverzehr und Waffenbesitz gleich mit auf der Abschussliste der eifrigen Weltverbesserer.

Wir treffen die Hauptfigur Nick an einem Tiefpunkt ihrer Karriere: Die Forschung hat die gesundheitlichen Folgeschäden des Nikotinkonsums unwiderlegbar bewiesen, der Marlboro Man droht von seinem Totenbett aus mit einer Anklageschrift gegen die Tabakbranche, und political correctness ist in Thank you for Smoking der beherrschende Trend der US-amerikanischen Gesellschaft. Kein Wunder, dass selbst Nicks Boss nicht mehr an einen möglichen Ausweg seiner Branche aus dieser aussichtslosen Situation glaubt. Argumentationen scheinen da nicht mehr zu helfen: Ein Werbeknaller muss her. Was liegt dafür näher als der Rückzug in die guten alten Zeiten rauchender Hollywoodhelden.

Thank you for Smoking

Angesichts dieses Dilemmas kommen Nick und seine Leidenskameraden der Alkohol- wie Waffenlobby von nun an wöchentlich zum Lunch als sogenannte „Merchants of Death“ zusammen, um über die Lage der Nation zu debattieren. Dabei werden unter anderem so existenzielle Fragen wie, wessen Ware jährlich die meisten Todesopfer fordert, verhandelt, aber auch nach Auswegen aus der Misere gesucht. Derart rhetorisch gerüstet schwärmt Nick, der überbezahlte Söldner der Tabakindustrie, aus, um flammend gegen den aufkommenden Gesundheitstrend und für die amerikanische Genussmoral zu streiten. Denn Nick Naylor wäre auf der Karriereleiter nicht soweit gekommen, hätte er nicht expressiv wie optisch die Kunst der Überzeugung von Natur aus für sich gepachtet. Darin ist er, wie wir noch oft zu hören bekommen werden, der Beste.

Nicks Job, so erklärt er seinem Sohn (Cameron Bright), erfordert eine gewisse Flexibilität hinsichtlich der Moral. Erschreckenderweise wirkt er mit dieser Lebensweisheit nicht dumm, sondern unangenehm zeitgemäß. Wahrheit, so lautet eine von Nick Naylors Grundnormen, ist immer eine Frage des Standpunktes. Wer will das schon bestreiten, gehört doch jene Erkenntnis zum Grundrepertoire eines aufgeklärten Demokraten. Meint man. Jedoch nicht in Thank you for Smoking, denn schnell wendet sich die Argumentation des Films, und es ist klar: Hier geht es ums Prinzip, die verhandelte Thematik zielt auf Universelleres, auf die Basis von Demokratie: Wählen wir selbständig, oder beschränken sich unsere Entscheidungen lediglich auf die Ausübung einer tagesaktuellen Moral, fragt Naylor implizit auch uns, wenn er sich im Film weigert, seinem Sohn den Schulaufsatz zur Glorie des Landes zu diktieren und ihn stattdessen zu eigenen Gedanken drängt.

Thank you for Smoking

Um die Macht der Bilder entfacht in Thank you for smoking der Kampf. Denn in ihrer ökonomischsten Form wirken sie universal verständlich, setzen sich über die begrenzte verbale Kommunikation hinweg und sind darin unschlagbar effizient. Die Strategie ist hierbei sichtbar einfach. Ein Totenkopf auf der Zigarettenschachtel spricht für sich: Dieses Produkt tötet seinen Konsumenten. Das erfasst ein Jedermann. Die Neubesetzung des Territoriums Zigarettenschachtel steht in Thank you for Smoking zur Disposition, denn Senator Finistere (William H. Macy), Nicks Gegenspieler im Streit um die moralische Kodierung des Produkts, will jenen Warnhinweis auf den Packungen anbringen lassen.

Thank you for Smoking ist vor allem deshalb so sehenswert und dabei unterhaltsam, da er seinen Gegenstand nicht didaktisch motiviert verhandelt, sondern ihn anhand der erzählten Geschichte sogleich zur Anwendung bringt. Seine Charaktere erreichen zuweilen einen rabiaten Zynismus im Umgang mit ihren branchenspezifischen Problemen, dass einem der Lacher schon mal im Halse stecken bleiben kann. Doch werden die Pointen nie ins Lächerliche überspitzt und behalten so ihren Charme - gerade aus ihrer Grenzwertigkeit gegenüber dem gängigen Geschmack. Und trotz des vermittelnden Schlusses hinterlässt dieser Film nicht den bitteren Nachgeschmack eines sonst so oft gesehenen sentimentalen Konsenses einer angepassten Gesellschaftsmoral. So gelingt Reitman, inspiriert durch das gleichnamige Buch von Christopher Buckley, mit dieser amüsanten Satire trotz vereinzeltem Mangel an Tiefgang eine anschauliche Illustration einer der Bilderwelt der Medien gläubigen amerikanischen Gesellschaft. Und das, ohne auch nur einen einzigen Glimmstängel in Aktion abzubilden. So viel zur Autorität der Bilder.

 

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