Terminal Island

Die Möglichkeit einer Insel: Von ihrem Film über eine Gefängnisinsel, auf der sich die Inhaftierten gegenseitig die Köpfe einschlagen, hat sich Stephanie Rothman immer wieder distanziert. Dabei zeigt Terminal Island, dass es der Regisseurin selbst auf feindlichem Terrain gelingt, ihre Werte zu verteidigen.

Terminal Island 01

Wie sollte ein Staat mit Mördern umgehen? Terminal Island (1973) versetzt uns in eine nahe Zukunft, in der eine Alternative gefunden wurde, die für Justiz und Gesellschaft ebenso bequem wie kostengünstig ist: Anstatt die Gefangenen durchzufüttern oder sich sonst irgendwie mit ihnen auseinanderzusetzen, werden sie einfach auf eine Insel verfrachtet, wo sie schließlich sich selbst überlassen bleiben. Es ist eine feige Strategie, die eigentlich nur zum Ziel hat, dass die Verbrecher sich am Ende gegenseitig die Köpfe einschlagen. Doch weil die Insel isoliert ist und dadurch keine höhere Instanz direkt auf sie einwirken kann, liegt umso mehr Verantwortung in den Händen des Einzelnen. Zu Beginn des Films sehen wir eine Reihe von Interviews mit Leuten von der Straße, die sich zu dieser Strafmaßnahme äußern. Und zwischen allerlei martialischer Wutbürgerei hört man auch das Statement einer jungen Frau, die wie eine Stellvertreterin der Regisseurin Stephanie Rothman wirkt. In der Todesinsel sieht sie auch eine Chance: „Maybe they can get together and make a better life for themselves.“

Menschlichkeit als Luxus

Terminal Island 03

Von diesem angeblichen besseren Leben ist zunächst aber noch nichts zu spüren. Gleich nach ihrer Ankunft muss die frisch verurteilte Carmen (Ena Hartman) erfahren, dass es mit der Solidarität an diesem Ort nicht weit her ist. Vielmehr landet sie in einer grausamen Diktatur unter der Führung des sadistischen Bobby (Sean Kennedy). Jeder Mensch wird hier nur auf seinen ökonomischen Nutzen reduziert. Während die Männer als Arbeitssklaven gehalten werden, müssen die Frauen am Abend für sie die Beine breitmachen. Es herrscht ein System, in dem zwar alles seine feste Ordnung hat, Menschlichkeit aber ein Luxus bleibt, den man sich nicht leisten kann.

Terminal Island 04

Mit Terminal Island wurde Stephanie Rothman ein Projekt anvertraut, mit dem sie denkbar wenig anfangen konnte. Gerade für sie, die ausgerechnet mit Exploitationfilmen zu einer Art Postergirl progressiver Demokraten wurde, muss eine Produktion im Fahrwasser zahlreicher, meist nicht gerade zimperlich mit ihren Figuren umspringender Frauengefängnisfilme selbst wie eine Strafe gewirkt haben. In Interviews betonte die Regisseurin etwa, wie sehr sie mit den Gewaltdarstellungen zu kämpfen hatte. Eine für sie nicht vertretbare Vergewaltigung strich sie sogar aus dem Drehbuch. Aber obwohl im fertigen Film noch die Maschinengewehrsalven rattern und das Blut spritzt, gelingt es Rothman doch, sich den Film anzueignen.

Eine Filmkarriere als einziger Kompromiss

Terminal Island 15

Geschafft hat sie das vor allem, weil es ihr weniger um die Dystopie geht, als darum, wie diese die Figuren zum Handeln zwingt. Schon bald stellt sie dem Schreckensregime eine kindlich naive, aber gerade deshalb auch äußerst sympathische Idealgesellschaft gegenüber. Irgendwann spaltet sich eine Gruppe Gefangener ab, um ein besseres Leben zu führen. Der Krieg, den Rothman inszeniert, wird damit zu einem Gefecht zwischen zwei politischen Systemen. Während die Welt auf der einen Seite von steilen Hierarchien, Zwang und Ausbeutung definiert wird, steht die andere für Gleichberechtigung, Selbstbestimmung und gegenseitigen Respekt. Mit einer fast kindlichen Unschuld nähern sich die Männer und Frauen dort einander an, flirten verlegen oder schütten sich gegenseitig ihr Herz aus. Und wenn das Raubein der Gruppe gewaltsam seine sexuelle Befriedigung einfordert, wird er nicht ausgestoßen, sondern mit einer kindlichen List – bei der ein Topf Honig und ein Schwarm Bienen eine Rolle spielen – eines Besseren belehrt.

Terminal Island 13

Das vielleicht Radikalste an Rothmans Film ist, wie schnell man vergisst, dass wir es mit einer Gruppe von Mördern zu tun haben. Zwar berichten zu Beginn noch ein paar zynische Fernsehreporter von den Gräueltaten der Gefangenen, aber sobald wir auf der Insel sind, spielt weder die Vergangenheit noch Motive wie Rechtfertigung, Reue oder Katharsis eine Rolle. Stattdessen folgt Terminal Island dem humanistischen Leitmotiv von Rothmans Werk: dem Gedanken, dass selbst der sogenannte Bodensatz der Gesellschaft noch dazu in der Lage ist, eine Utopie zu verwirklichen. Wenn die Verbliebenen am Ende in einem selbst geschaffenen Hippie-Camp friedlich am Lagerfeuer sitzen, sind sie zwar der ewigen Ziegenmilch überdrüssig, finden es aber auf der Insel doch so schön, dass plötzlich niemand mehr weg will.

Lob der Beschränkung

Terminal Island 14

Rothmans gesamte Karriere war gewissermaßen ein einziger Kompromiss. Weil sie die anspruchsvollen Arthouse-Filme, die sie gerne gedreht hätte, nicht realisieren konnte, hat sie es eben im Exploitationkino versucht. Dass sie dabei auch auf Sex und Gewalt setzen musste, war ihr zwar irgendwie ein Dorn im Auge, aber es war eben ein Teil des Deals. Terminal Island ist in dieser Hinsicht bemerkenswert, weil er nicht nur als fetziger Exploitationreißer funktioniert, sondern wie kein anderer von Rothmans Filmen die singuläre Position dieser Regisseurin im B-Movie-Business verdeutlicht. Denn so wie es den Gefangen gelingt, unter denkbar schlechten Voraussetzungen eine moderne, friedliche Gesellschaft zu schaffen, die selbst außerhalb der Gefängnisinsel unmöglich scheint, hat auch Rothman ihre Werte ausgerechnet in einem Zweig der Filmindustrie verteidigt, in dem diese Werte nicht besonders hoch im Kurs stehen. Die Lektion, die man daraus ziehen könnte – und die wiederum gut zu Rothmans Filmen passt: Vielleicht ist man erst dann in der Lage, Großes zu schaffen, wenn man innerhalb beschränkter Möglichkeiten handeln muss.

Trailer zu „Terminal Island“


Trailer ansehen (1)

Kommentare

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.