Tender are the Feet

Ein archäologisches Fundstück aus dem unsichtbaren Kino Birmas.

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Metaphern für eine Liebesbeziehung gibt es viele. Der birmanische Regisseur Maung Wunna wählt dafür ein fruchtbares Abhängigkeitsverhältnis aus den Schönen Künsten. Während der Mann auf seinen Trommeln den Takt angibt, bewegt sich die Frau elegant zum vorgegebenen Rhythmus. Gleich am Anfang von Tender Are the Feet (Ché phawa daw nu nu, 1972) gibt es ein heftiges Streitgespräch zwischen dem Musiker Sein Lin und einer Tänzerin, der es seiner Meinung nach nicht gelingt, im Takt zu bleiben. Weil die Leute aber einen Nachtclub nicht wegen der Musik, sondern wegen der schönen Frauen besuchen, packt der gekränkte Trommler seine Sachen, zieht weiter und landet schließlich im Ensemble einer traditionellen Musiktheaterkompanie. Auch hier ist er um Belehrungen nicht verlegen, und in der ehrgeizigen Tänzerin Khin San hat er ein Opfer gefunden, das sich das auch noch gerne anhört.

Im Prinzip funktioniert Tender Are the Feet wie ein klassisches Liebesmelodram: Das Mächteverhältnis verschiebt sich, und der übermütige Gockel bekommt seine Lektion erteilt. Als nämlich Khin San auf ihren Jugendschwarm trifft und dann auch noch die Chance bekommt, als Filmstar Karriere zu machen, sieht sich Sein Lin ein weiteres Mal in die Rolle des Statisten gedrängt. Nicht zuletzt, weil ihm erst im Moment des Verlusts auffällt, dass er die junge Tänzerin mit dem (noch) scheuen Blick eigentlich schon die ganze Zeit geliebt hat. Doch bevor Wunna mit diesem Wendepunkt das Drama ins Rollen bringt, interessiert er sich erst einmal den halben Film über reichlich wenig für seine Figuren.

Stattdessen gibt es detaillierte und mitunter auch sehr lustige Milieuschilderungen, die sich streckenweise vollends im Dokumentarischen verlieren. Von einer herkömmlichen Handlung wendet sich der Film ab und widmet sich dafür ganz dem Alltag und Bühnenrepertoire eines Wandertheaters, in dem die beiden Hauptfiguren nur zwei Protagonisten unter sehr vielen sind. Frech werbende Prinzen und ihre schüchternen Angebeteten sieht man dabei vor der Bühne, während sich die Leute dahinter ausruhen oder nach einem Unfall auch mal spontan einspringen müssen. Wunna schafft mit solchen Szenen ein wunderbares Archiv für die kulturellen Traditionen seines Landes, die schon zur Entstehungszeit des Films vom langsamen Verschwinden bedroht waren. Die Hinwendung zur westlich beeinflussten Popkultur, wie sie auch auf einigen birmanischen Rocksongs im Film zu hören ist, bringt den Liebenden dementsprechend wenig Glück. Während Sein Lin recht lustlos als Drummer in einer Jazzband arbeitet, verwandelt sich Khin San in eine immer divenhaftere Schauspielerin.

Mit seiner Rückkehr zur Tradition ist Tender Are the Feet vielleicht ein wenig konservativ, mit anti-westlicher Propaganda hat der unter der Militärdiktatur von Ne Win entstandene Film jedoch wenig zu tun. Das liegt vor allem daran, dass es hier um keinen Kampf der Ideologien geht, sondern um einen der Kunstformen. Die Tanzschritte, die Wunna mit stakkatoartigen Schnitten präsentiert, sind für ihn Teil einer komplexen Philosophie, während der Schauspielberuf menschliche Emotionen ohne Kontext erfordert. Um den Alltag an einem Filmset darzustellen, benötigt er denn auch nur zwei Einstellungen. Einmal sieht man Khin San hysterisch lachen, das andere Mal betrübt weinen. Seltsam ist das vor allem, weil hier ein offensichtlich talentierter Regisseur seine eigene Kunst herabsetzt, um eine andere in den Himmel zu heben.

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Nun lässt sich Tender Are the Feet aber weder auf seine Message noch auf seinen Realismus reduzieren. Der Film ist von einem ungeheuren Reichtum, bei dem man das Gefühl bekommt, der Regisseur wolle voller Tatendrang möglichst viel ausprobieren. Da gibt es auf der einen Seite zum Beispiel melodramatische Momente, in denen die Liebenden symbolträchtig einen Talisman austauschen, der für nicht weniger steht als für Sein Lins Herz. Auf der anderen Seite reizt Wunna seine filmischen Mittel in fast experimentellen Montagesequenzen aus. Eine Autofahrt, die Khin San mit ihrem untreuen Liebhaber unternimmt, gerät zum wilden Taumel durch eine von zitternden Lichtern und schwärzester Dunkelheit bevölkerte Nacht. Und auch wenn Tender Are the Feet mehrmals seinen Stil und Erzählton ändert, möchte man doch auf keinen dieser Momente verzichten.

Mit dem Kino Birmas verhält es sich wie in vielen politisch und/oder wirtschaftlich angeschlagenen asiatischen Ländern. Theoretisch verfügt es über eine lange und vielfältige Tradition, die bis in die Stummfilmzeit zurückreicht, praktisch fehlen aber finanzielle Mittel, um dieses filmische Erbe zu bewahren. Während beispielsweise der Regisseur Midi Z. gerade im Festivalkontext versucht, ein zeitgenössisches birmanisches Kino zu etablieren, haben sich die hundert Jahre Filmgeschichte in seiner Heimat fast vollständig aufgelöst. Die vorliegende, nun im Forum der Berlinale präsentierte Restaurierung ist zweifellos ein Kompromiss. Um den Film überhaupt für die Nachwelt erhalten zu können, musste auf eine VHS-Kopie zurückgegriffen werden. Die Einbußen lassen sich nicht leugnen: ein dröhnender Soundtrack, verwaschene Kontraste und Tanzszenen, in denen jede Bewegung Schlieren mit sich zieht. Es sind jedoch Unzulänglichkeiten, die sich leicht verkraften lassen. Denn wie wichtig eine solche Restaurierung ist, zeigt ein Blick in die Filmdatenbank IMDb: Maung Wunna, der mit Tender Are the Feet seinen zweiten Spielfilm inszeniert hat und noch bis vor einigen Jahren als äußerst produktiver Regisseur tätig war, hat dort noch nicht einmal einen Eintrag.

Trailer zu „Tender are the Feet“


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